Bücher sind Urlaub für die Seele. Weg vom Alltag, zumindest in Gedanken reisen. Aber auch da gibt es Unterschiede. Mit einigen Autoren reist man an immer neue, unbekannte Destinationen. Mit anderen immer wieder an den gleichen Ort. Wie bei John Irving. Seine Romane spielen immer in Neuengland, in den Bundesstaaten Maine oder New Hampshire, seiner Heimat. Und handeln von dessen wunderlichen Bewohnern.

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Fast immer gibt es dabei auch Trips über den großen Teich. Die gehen dann stets nach Wien, wo Irving als junger Mann zwei Semester studiert hat. Biografische Stätten, aber auch Sehnsuchtsorte. Inzwischen auch für Irving. Weil der mittlerweile 83-Jährige bereits vor Donald Trumps erster Präsidentschaft 2015 gänzlich an seinen Zweitwohnsitz Kanada gezogen ist. Aus Protest. Und von da aus verkörpert er das andere, bessere Amerika. Und schreibt sich in seine Heimat zurück.
Die steten Themen bei Irving: Sex, Huren, Ringen, Sterben
Auch mit seinem neuen Roman. „Königin Esther“ ist mittlerweile sein 16., und er weist alle klassischen Elemente auf, an denen man auch blind einen Irving erkennen würde. Die Helden: immer Schriftsteller, ergo Kollegen und Alter Egos von Irving, die aber stets nur passive Helden sind. Umgeben von starken Müttern und kleinen Männern. Die fügen sich zu ungewöhnlichen Gemeinschaftsformen, Patchworkfamilien, mit denen Irving dem tradierten Vater-Mutter-Kind-Bild stets moderne Gegenentwürfe lieferte. Es sind immer ganze Biografien, die da ablaufen, wie bei Irvings erklärtem Vorbild Charles Dickens.
Dabei spielt immer auch der Ringersport eine Rolle. Kommen manche Protagonisten auf höchst skurrile Weise ums Leben. Und der passive Held durchlebt viele Stationen, viel Verklemmung in der Heimat und dann viel Sex in der Fremde. Oft umgeben von Außenseitern. Von Huren. Und von Homosexuellen. Das war von Anfang so bei Irving, damit hat er schon früh viel für die Akzeptanz der queeren Community getan. Lange bevor das selbstverständlich wurde. Was in den USA leider gerade wieder einen deutlichen Rückschlag erfährt.

Die Elemente sind längst ein Baukasten, bei dem Irving sich immerzu bedient, um sie stets neu zusammenzusetzen. Same same but different: Das berühmte Mantra, einen Erfolg fortzusetzen, beherrscht keiner besser als Irving. Obwohl auch manch treuer Leser inzwischen von Wiederholung spricht. Das trifft auch auf „Königin Esther“ zu. Der Roman setzt lange vor der Geburt des künftigen Schriftstellers Jimmy Winslow ein.
Bei seinen Großeltern, der starken Constance und dem eher kleinwüchsigen Tom, die drei Töchter zeugen, mit den vielversprechenden Namen Faith (Glaube), Hope (Hoffnung) und Prudence (Klugheit), und für jedes Kind eine Waise als Au-Pair bei sich aufnehmen. Spät kommt noch ein viertes Kind, wieder eine Tochter hinzu: Honor (Ehre). Für deren Au-Pair fährt das Paar zum Waisenhaus von Wilbur Larch, den man bestens kennt aus Irvings bekanntestem Roman „Gottes Werk und Teufels Beitrag“.
Neu in der Irving-Welt ist die Betonung des Themas Jüdischsein
Das Waisenkind, das sie von dort mitnehmen, heißt Esther Nacht und wird nicht nur das Leben von Honor entscheidend prägen. Sondern vor allem das von Jimmy. Weil Honor sich ein Kind wünscht, aber keine Schwangerschaft. Und Esther das für sie übernimmt, als Leihmutter. Wer der Vater ist, spielt keine Rolle. Dafür hat Jimmy zwei Mütter. Die leibliche, die er kaum sieht. Und die ideelle, die ihn aufzieht. Trotzdem gilt er allen als „der Junge der Waise“.
Neu ist in der bekannten Irving-Welt die Betonung des Themas Jüdischsein. Denn Esther ist Jüdin, die ihre Identität als Lebensaufgabe begreift. Ihre Mutter war einst, wegen ihres Glaubens, aus dem alten Europa geflohen und wurde dann in der vermeintlich Neuen Welt Opfer eines antisemitistischen Anschlags. Weshalb die erwachsene Esther ausgerechnet in den 30er-Jahren zurück nach Österreich geht.

Um Juden vor den Nazis zu retten. Wie ihre Namenspatronin aus dem Alten Testament: „Als Haman eine Verschwörung anzettelt, um die Juden zu vernichten,“, heißt es da im „Buch Esther“, „zögert diese Esther nicht, Rache an ihm zu nehmen.“ Nach der Geburt Jimmys wird Esther nach Palästina gehen, um ein Land für alle Juden aufzubauen. Und dieses mit allen Mitteln zu verteidigen.
Eine Romanfigur erteilt seinem Verfasser kreative Absolution
Der Roman bleibt lange in Maine, die Titelfigur ist überwiegend abwesend. Was genau sie in Israel tut, ob sie gar eine Agentin des Mossad ist und brisante Aufträge übernimmt, das bleibt vage, wird nur angedeutet in den wenigen Briefen, die Esther an Honor schickt und die deren Schwestern wie ein antiker Theaterchor kommentieren. Bis auch Jimmy sich seiner jüdischen Identität stellt. Und als Student Anfang der 60er-Jahre ebenfalls nach Wien geht. Wo er, ausgerechnet, bei Altnazis unterkommt.
Gemeinsam mit einer lesbischen Niederländerin, mit deren Geliebten Jimmy ein Kind zeugen soll. Weil er als alleinerziehender Vater nicht für den Vietnam-Krieg eingezogen werden kann. Noch so ein vertrautes Irving-Motiv. Und wieder ein Patchwork-Modell mit williger Leihmutter. Was der passive Held hier so alles erlebt, wird natürlich Stoff für seine ersten Romane. „Ein Roman“, sagt Jimmys Großvater ihm an einer Stelle, „dürfe durchaus lose autobiografisch sein. Je loser, desto besser.“ Das ist sehr ironisch: Weil da nicht nur ein Großvater seinem Enkel, sondern auch eine Romanfigur seinem Verfasser Irving kreative Absolution erteilt.

Dass das Jüdischsein in diesem Roman eine zentrale Rolle spielt, zwei Jahre nach dem Anschlag der Hamas und der Eskalation im Gaza-Streifen, ist natürlich kein Zufall. Irving lotet in seinem Roman aus, wie weit Antisemitismus auch in den Vereinigten Staaten verbreitet ist. Erst recht dann in Wien. Und Irving spart auch nicht mit Kritik an der Politik Israels. Wobei es im Roman nicht um den Gaza-Krieg von heute geht, sondern um den Ersten Libanonkrieg 1982 und die kompromisslose Politik Menachem Begins, die auch die treue Titelfigur Esther offen kritisiert. Ein Spiegel auf die heutige Situation, ohne dass Irving hierzu eine klare Position beziehen muss.
Ausgerechnet die Titelfigur bleibt eine Dauerleerstelle des Buchs
Mit seinen 550 Seiten ist „Königin Esther“ für Irving-Verhältnisse ein vergleichsweise schmales Werk. Und es erstaunt, weil der mittlerweile 83-jährige Autor da nicht mehr mit seiner allbekannten fabulierwütigen Wucht erzählt, sondern oft erstaunlich umständlich und repetitiv schreibt. Er scheint nur noch mit alten Versatzstücken zu jonglieren. Oder ist es doch das Scheitern am eigenen Anspruch, ein Spiegel zur heutigen Situation Israels zu liefern, gehemmt durch die Angst, sich allzu einseitig zu positionieren?
Der erste Teil des Buchs wirkt nur wie eine lange Introduktion. Der zweite, der in Wien spielt, ist der überzeugendste, weil Irving da ganz in seinem Element ist. Danach aber springt er in Siebenmeilenstiefeln durch den Rest seiner Geschichte. Ausgerechnet die kämpferische Titelfigur bleibt dabei eine Dauerleerstelle. Ein Geheimnis, das nie aufgelöst wird. Diese selbstbewusste, radikale Figur hätte einen eigenen Roman verdient. Der wäre dann wohl auch kraftvoller ausgefallen.





