Er war der angesagteste Visagist der Stadt. Und er hat die größten Stars geschminkt: von Hildegard Knef über Claudia Schiffer bis zu Shirley Bassey. René Koch ging mit 65 in Rente, ist aber nach wie vor im Unruhestand. Weil er das weltweit einzige Lippenstiftmuseum leitet. Und sich auf vielerlei Weise ehrenamtlich betätigt. Am 22. September wird er nun 80 Jahre alt. Grund genug, ihn zu besuchen. Und zu befragen, wie das eigentlich für einen Visagisten ist, zu altern. Und wie er sich fit hält.

Herr Koch, wie werden Sie Ihren 80. feiern?

René Koch: Ich werde groß beim Italiener in meinem Kiez feiern. Mit Judy Winter, Anouschka Renzi, Barbara Schöne, Cindy Berger, Harald Glööckler.

Ist so ein runder Geburtstag, ist das Altern ein Reizthema? Gerade bei Visagisten, in einem Beruf also, wo es immer darum geht, jung und schön auszusehen?

Visagist ist ein Beruf mit Verfallsdatum. Das war irgendwann nicht mehr so einfach. Aber plötzlich bist du 65 und gehst in Rente. Und dann kam schon der 70. Viele, mit denen ich das gefeiert habe, sind leider nicht mehr. Aber ich lebe noch. Darüber muss man sich doch freuen. Deshalb lautet mein Motto: „Hurra, ich werde 80!“ Alle haben Angst vorm Altwerden. Ich dagegen habe das Wort Anti-Aging durch Happy-Aging ersetzt. Ich bin ein Happy-Ager - und kein alter Mann. Wer happy ist, ist schön. Ich habe auch viele Kosmetikfirmen angeschrieben, die noch immer Anti-Aging bewarben. Und da habe ich offensichtlich was bewegt. Denn viele verwenden jetzt Begriffe wie Golden Ager, Silver Customer oder Pro-Aging. Da gibt es einen wirklichen Wandel in der Gesellschaft.

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„Kleb mir mal die Dinger dran, damit ich weiß, wo vorne ist: René Koch mit Hildegard Knef. 
„Kleb mir mal die Dinger dran, damit ich weiß, wo vorne ist: René Koch mit Hildegard Knef. © privat | René Koch

Werden Sie eigentlich ständig nach Tipps gefragt, wie man sich jung hält? Auch heute noch, obwohl Sie lange in Rente sind?

Aber ja. Genau wie ein Arzt. Unentwegt.

Und was antworten Sie dann?

Man darf nicht so viel übers Alter nachdenken. Denn das macht alt. Man muss sich gut finden, so wie man ist. Ich trinke meinen 7x7-Tee, mit 49 Kräutern. Hier, eine Packung schenke ich Ihnen. Das ist ein basischer Tee, den empfehle ich all meinen Kundinnen. Schönheit kommt von innen. Auch Lachen ist basisch. Das macht zwar Falten, aber keine Kummerfalten. Ärgern dagegen ist sauer. Und Hass macht hässlich. Begehen Sie Schönheitsrituale. Ein schönes Bad. Eine Gesichtsmaske. Eine Haarpackung. Oder einfach mal entspannen. Aber wichtiger als jede Nachtcreme ist, Groll oder Streit nicht mit ins Bett zu nehmen. Sonst wird das nichts mit dem Schönheitsschlaf. Und dann: Loben Sie Ihre Haut! Streicheln Sie bewusst übers Gesicht und über die Arme. Sagen Sie „Danke, Haut“. Jeder reagiert auf Lob, Ihre Haut auch.

Darf ich mal ganz naiv fragen: Wie wird man eigentlich Visagist? Gemeinhin wird das doch als Frauenberuf angesehen.

Allerdings. Männer in Frauenberufen – damit war man damals Exot. Ich war vermutlich einer der ersten Visagisten. Dabei wusste ich lange gar nicht, was das ist. Ich habe mich erst mal selbst geschminkt, als ich in den 60er-Jahren als Drag Queen in Bars gearbeitet und gesungen habe. Aber dann haben mich lauter Frauen angesprochen, wie ich das mit den Wimpern und den Lippen hinkriege. Deshalb habe das zum Beruf gemacht. So richtig mit Ausbildung zum Kosmetiker. Was damals nicht einfach war. In Berlin gab es fünf Kosmetikschulen. Die haben mich alle nicht genommen. Weil ich ein Mann war. Heute wäre das Diskriminierung. Aber eine hat mich dann 1968 doch genommen, gleich hier am Bayerischen Platz. Ich wollte den Menschen helfen. Bei Akne, Rötungen.

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René Koch wird 80
Noch heute hilft René Koch Unfallopfern, wie sie sich schminken. Hier in seinem Lippenstiftmuseum.© Privatarchiv René Koch | Privatarchiv René Koch

Und wie kamen Sie dann ab davon?

Meine erste Stelle war in einem schicken Kosmetiksalon an der Deutschen Oper. Ich war für Fußpflege zuständig. Könnte ich heute noch. So habe ich mich an die Frauen rangetastet: von unten. Erst waren die Damen skeptisch, weil ich ein Mann war. Aber bald haben sie gefragt, ob ich auch Kosmetik machen kann. Und plötzlich war ich da der Star. Alle wollten zu mir. Die Chefin hat mich dann auf eine Fortbildung nach Paris geschickt, bei Charles of the Ritz. Die suchten dort Visagisten, oder Make-Up-Artists, wie das damals noch hieß, und wollten mich haben. Meine Chefin war natürlich nicht glücklich darüber, aber sie hatte Größe und erkannte, welche Karriere ich damit machen könnte.

Sie haben so viele Stars geschminkt. Darf man da eigentlich aus dem Nähkästchen plaudern? Oder ist das Berufsgeheimnis?

Na, ein bisschen darf auch ein Arzt oder ein Anwalt sagen. Make-Up ist was sehr Persönliches. Man ist da nicht nur Visagist, sondern alles. Lebensberater, Therapeut, Seelentröster, Beichtvater. Die erzählen einem ja alles: Kummer, Freude. Je länger Sie mit jemandem zusammenarbeiten, desto enger wird das. Wie bei Hildegard Knef. Sie war Steinbock. Wie Marlene Dietrich, Hilde, Judy Winter, Romy Haag. Ich liebe Steinbock-Frauen, die sind stark. Ich mache ja auch Astro-Beauty, so kam ich überhaupt an Hilde. Ich durfte ihr die Wimpern kleben. Sie sagte immer: „Mach mir mal die Dinger dran, damit ich weiß, wo vorne ist.“ Aber wir beide, das war mehr. Wir waren über viele Jahre ständig in Kontakt. Wir waren wie Seelenverwandte. Noch zwei Wochen vor ihrem Tod schrieb sie mir ein letztes Kärtchen: „Du sollst nur wissen, wie viel du mir gibst und gegeben hast.“

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Udo Walz und Rene Koch
Beste Freunde, selbst über den Tod hinaus: Visagist Rene Koch (l.) und Friseur Udo Walz. © picture-alliance/ dpa | Heinz Unger

Sie hatten alle Stars buchstäblich in Ihren Händen, auch aus Übersee. Mit wem haben Sie am liebsten gearbeitet, wer war eher schwierig?

Ach, schwierig waren sie bei mir nie. Ich kann mit Diven umgehen. Ich sage immer: Diven sind wie Kampfhunde, wenn man Angst vor ihnen hat, wird man gebissen. Ich hatte nie Angst. Auch nicht vor einer Shirley Bassey, Joan Collins, Dalida oder Milva. Obwohl sie alle schwierig waren. Aber mit Humor und Lachen löst man alles. Und mit einem Leckerli. Wie bei einem Hund. Man muss aber auch mal „Aus, Pfui!“ sagen. Das nehmen die einem nicht krumm. Jasager und Schleimer gibt’s genug. Ich bin Sternzeichen Jungfrau, ich gehe an alles analytisch ran. Ich habe mich erst mal schlau gemacht über die Damen. So richtig im Archiv. Internet gab‘s damals ja noch nicht. Dann habe ich sie erst mal Platz nehmen lassen und mit ihnen geredet. Und dann erst habe ich sie schön gemacht. Jodie Foster hat dabei gelesen...

Ist das ein Vertrauensbeweis?

Absolut. Eartha Kitt ist bei mir sogar eingeschlafen. Sie war ein absoluter Weltstar, galt als extrem anstrengend. Und dann schläft die mir ein? Vor einem Auftritt? Und dann wacht sie womöglich auf und haut mir um die Ohren, was ich gemacht habe. Ich habe ihr das später mal gesagt: „Weißt du, was ich damals für Unterarmnässe hatte?“ Aber sie meinte nur: „Du hast zwei Griffe gemacht, und ich habe sofort gespürt, der kann das.“ Das war die größte Ehre. Wann immer sie später nach Berlin kam, hat sie mich besucht. Sie liebte meine Matjesfilets. Deshalb rief sie immer schon drei Tage vorher an, damit ich die einlegen konnte.

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René Koch als Piefke mit seiner Mutter.
René Koch als Piefke mit seiner Mutter.© René Koch | René Koch

Sie gingen mit 65 in Rente, sind aber immer noch im Unruhestand und schreiben Bücher über Kosmetik und Schönheit. Damit Ihr Wissen nicht verloren geht?

Ganz genau. Ich mache es aber auch, weil ich so unruhig bin. Und mich damit beruhige. Bei mir ist es anders als bei den meisten: Langeweile macht mich unruhig, Arbeit entspannt mich. Deshalb kann ich nicht nichts tun. Und deshalb habe ich hier mein Lippenstiftmuseum…

… das einzige dieser Art weltweit.

Ich sage immer: Das ist mein Golfplatz. Andere gehen zum Golfen, ich habe meinen Golfplatz hier in der Helmstedter Straße. Und meine neue Beschäftigung ist: Mit Lippenstift malen. Ich habe schon früher viel gemalt, aber jetzt tue ich es mit Lippenstiften. Und die klebe ich am Ende aufs Bild.

Sie sind auch nach wie vor ehrenamtlich tätig.

Ich hatte die schönsten Frauen der Welt. Und habe auch im Fernsehen Schönheitstipps gegeben. Dann rief mich eines Tages Professor Johannes Bruck an, der Chefarzt für Plastische Chirurgie im Unfallkrankenhaus, und fragte, ob ich das auch für Unfallopfer machen könnte. Ich wusste nicht, ob ich das konnte. Aber ich bin da reingewachsen. Und habe die Arbeitsgruppe Camouflage gegründet. Der Begriff kommt eigentlich aus dem Militärischen, meint aber Tarnung. Camouflage ist Kosmetik für die Seele. Unfallopfer wollen ja nicht schön werden, sie wollen nur normal sein und nicht pausenlos angeglotzt werden. Das habe ich mir zu meiner Aufgabe gemacht. Das mache ich jetzt seit über 30 Jahren. Ich habe etwa Schwerbrandverletzten beigebracht, wie sie sich schminken können, und mische ihnen dafür die speziellen Hauttöne an. Für Blinde habe ich Kosmetik zum Ertasten erfunden. Und ich habe auch eine Hautfleckensprechstunde eingerichtet, all das mache ich bis heute.

René Koch wird 80
Kochs neue Beschäftigung: Malerei mit Lippenstiften. © Privatarchiv René Koch | Privatarchiv René Koch

Und nicht nur das. Sie kümmern sich auch um Opfer von häuslicher Gewalt.

Leider werden viele Frauen werden von grün und blau geschlagen. Sie können sich niemandem anvertrauen, wollen aber weiter auf Arbeit gehen. Die kommen dann zu mir, und ich zeige ihnen, wie sie das abdecken können. Das ist mir ein großes Anliegen. Und das nimmt leider immer mehr zu.

Sie gehörten, wie Udo Walz, zum alten West-Berlin. Trauern Sie dieser Zeit eigentlich nach?

Wer aus dem Ausland nach Berlin kam, dem wurde gesagt: Du musst zu Koch und Walz. Die Presse schrieb mal, dass wir selbst unter widrigen Umständen vierhändig Klavier spielen. Wir waren quasi das Beauty-Dreamteam. Udo war aber auch mein bester Freund. Und bleibt es auch. Der Tod trennt keine Freundschaft, das ist ein Irrtum. Aber der Zeit trauere ich nicht nach. Das ist der größte Fehler beim Altwerden, dass man klagt: „Früher war alles besser.“ Das hat meine Oma auch schon gesagt. Die meinte damit noch den Kaiser. Ich schaue nicht zurück, sondern lieber nach vorn. Die einen sagen, ich bin eine Legende, die andere, ich bin ein Fossil. Damit muss man leben.