Noch bevor sich der leibhaftige Robbie Williams (51) am Dienstagabend in der Waldbühne dem Berliner Publikum zeigt, 24 Stunden später als ursprünglich geplant, ist der englische Popstar zweimal auf den Videowänden zu sehen: Robbie macht nämlich Werbung, erst für einen Elektronikfachmarkt, später für Katzenfutter.

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Das ist aber immer noch unterhaltsamer als die Vorgruppe Lottery Winners. Deren Sänger Thomas Jack Rylance animiert das Publikum nach Art eines Kirmesonkels, der an der Losbude „Gewinnegewinnegewinne“ verspricht. Am Ende fleht er das Publikum an, der Band doch bitte auf Instagram zu folgen.
Während der Umbaupause werden die Bühne und der Laufsteg mit Schrubbern trockengefeudelt. Es hat in den Stunden vor dem Konzert immer wieder geregnet, und der Niederschlag setzt auch fünf Minuten vor Williams‘ Auftritt wieder ein. Die Zuschauer, die Schirme und Regenponchos dabei haben, sind also klar im Vorteil.
Robbie Williams in Berlin: Wer zu spät kommt, dem verpasst Robbie eine Ansage
Nur für eine Gruppe von fünf bis zehn Zuspätkommern, die sich auffällige pinke Ponchos übergeworfen haben und eine Treppe hinunterhasten, gilt das nicht. Sie werden von Robbie gerüffelt („You‘re fucking late!“) und veralbert. Der Sänger gibt ihnen, zur Gaudi der restlichen Fans, eine ironische Zusammenfassung, was bisher geschah. Und behauptet frech, er habe auch schon „Angels“ und „Rock DJ“ gesungen und gehe dann gleich nach Hause.
Das stimmt natürlich nicht. Verpasst haben die Herrschaften in pink aber unter anderem den Song „Rocket“ vom kommenden Studioalbum „Britpop“ (erscheint im Oktober). Zum Intro ertönt eine dramatische Sprechstimme aus dem Off und macht sich Gedanken über die Zukunft der Unterhaltungsindustrie im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Garniert wird das mit Statements von falschen (also mit KI zum Leben erweckten) Elvissen, Freddies und Lennonjohns.
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Dann kommt Robbie auf die Bühne: Weißer Rennfahrer-Overall mit schwarzen Zierstreifen, verspiegelte Brille, die Haare in natürlichem Ü50-Grau. Zum zweiten Song, der, rein dramaturgisch, bei Williams eigentlich immer der erste sein sollte („Let Me Entertain You“) trägt Williams einen roten Trainingsanzug mit Glitzer-Applikation, animiert zum Durchdrehen („Scream!“) und feuert rhetorische Fragen ins Publikum: „Are you with me, Berlin? Have you missed me?“ Die Waldbühne antwortet mit einem klaren „Ja“.
Bei der Begrüßung des Publikums bekennt sich Robbie zum Eskapismus: Das Leben sei hart (dazu später mehr), die Welt verrückt geworden, da brauche es geschützte Räume, um all das für zwei Stunden hinter sich zu lassen. Mit Blick auf die Waldbühne stellt er fest: „This is the place.“
Robbies kreativste Phase endet mit „Escapology“ – im Jahr 2002
Neben Eskapismus bekennt sich der 51-Jährige auch zur Autosuggestion: So wie Michael Jackson sich selbst zum „King of Pop“ ausrief (hat bekanntlich geklappt), so krönt Williams sich selbst mal eben zum „King of Entertainment“. Fair enough, aber die besten Jahre hatte das Robbie-Imperium unbestritten zwischen 1997 und 2002, mit vier herausragenden Soloalben in Folge.
Nach „Escapology“ feuerte er dann ohne Not Guy Chambers, seinen Musical Director und Co-Autor der größten Hits. Besser wurde es danach nicht mehr. Der Output jener Jahre ist immer noch das Gerüst seiner Liveshows – etwa zwei Drittel des Abends erinnern an diese Zeit.

Aus dem Frauenheld wurde ein Familienvater
Auch das Biopic „Better Man“, in dem Williams von einem animierten Affen „gespielt“ wird, endet mit den Knebworth-Konzerten im Sommer 2003. Damals war er mega erfolgreich, so erzählt er es den Fans in der Waldbühne, aber eben auch „completely lost“. Sein Leben – gemeint ist die Rettung aus einem Sumpf von Selbstzweifeln und Drogen – habe erst danach begonnen, als er seine Frau Ayda Field kennenlernte. Sie sind inzwischen seit 15 Jahren verheiratet und haben vier Kinder. Das Paar lebt in Los Angeles, weit weg von der zu der zudringlichen britischen Boulevardpresse, die Robbie daheim auf Schritt und Tritt verfolgte.
Wenn Robbie im Konfettiregen herzige Zeilen über dieses Familienglück singt („Finally / I am where I wanna be“), ist das eher unterkomplex im Vergleich mit „Monsoon“, „Supreme“ oder „Feel“ - das sind Songs mit tiefschwarzen Unterströmungen. Die Kunstfigur „Robbie“ (beziehungsweise, korrekt gekreischt, „Robbiiieee“) erscheint in diesen Texten wie eine Figur aus einem frühen Nick-Hornby-Roman: der Problemmann, der laufen geht, bevor er sich verliebt. Das Loch in seiner Seele so groß, dass man es in seinem Gesicht erkennen kann.
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Sogar ein Take-That-Song auf der Setlist
In der zweistündigen Show besichtigt Robbie mit sicherem Abstand auch Jugendsünden („Relight my Fire“ von Take That) und führt einen extrem lustigen Dialog mit seinem 17-jährigen jüngeren Ich. Der KI-animierte Junior-Robbie macht dem echten Komplimente: Für 60 sehe er ja doch ganz frisch aus.
Die Ballade „She‘s the One“ widmet der Herzensbrecher-Entertainer bei jedem Konzert einer einzelnen Zuschauerin. In Berlin beglückt er damit Sarah, 33. Es ist zwar maximal unhöflich, eine fremde Frau nach ihrem Alter (und Gewicht!) zu fragen, doch Robbie kommt auch mit dieser Charmedefensive durch.
In der zweiten Hälfte des Konzerts verlagert Robbie sein Königreich allmählich Richtung Sinatraland. Er tänzelt im pinken Anzug über die Bühne, covert Frankies bekannteste Songs ( „New York, New York“ und „My Way“) und erklärt selbstzufrieden: „DAS bekommt ihr bei Oasis nicht geboten!“
Karaoke-Einlage mit „YMCA“ und „One Step Beyond“
Aus der Vorstellung seiner Musiker macht Robbie einen wilden Karaoke-Block, der sich auf der Tour jeden Abend ändert und in der Waldbühne von Madness über Village People („YMCA“) und Eurythmics zu The Who führt.
Kurz vor Ende der Show wird es dann sehr privat. Robbie spricht über die Angstzustände, die er bei den Proben zu dieser Tour durchlebte, von der Demenz seiner Mutter und der Parkinson-Erkrankung seines Vaters. Dagegen hilft auch kein Entertainer-Eskapismus.
„Möchtet ihr mit mir alt werden?“, fragt der King of Entertainment dann ganz ernst und wieder sagt die Waldbühne: „Ja“.









