Am Welttag des Gehirns am 22. Juli liegt der Fokus ganz auf der Gesundheit unseres Denkorgans. Viele fragen sich dann, wie sie ihre Gedächtnisleistung verbessern können. Wie man sich Zahlen, Namen, Daten und Fakten einfach merken kann, weiß der Gedächtnisweltrekordhalter Boris Nikolai Konrad. Im Gespräch gibt er Tipps, wie man seine Gehirngesundheit erhalten kann, und er verrät Tricks, wie man sein Gedächtnis selbst für die kompliziertesten Matheformeln fit machen kann.

Herr Konrad, warum haben Sie angefangen, Ihre Gedächtnisleistung zu trainieren?

Boris Nikolai Konrad: Das war zum Abitur. Ich hatte vorher keine Schwierigkeiten in der Schule, war aber auch nicht der beste und vor allem nicht der fleißigste Schüler. Die Aussicht, vor dem Abitur mehr lernen zu müssen, war für mich nicht verlockend. Als ich hörte, dass es Gedächtnistechniken gibt, die helfen könnten, wollte ich das unbedingt mal ausprobieren und war sehr schnell begeistert davon, weil es gut funktionierte.

Sie sind Physiker, Informatiker und Neurowissenschaftler. Fallen naturwissenschaftlich begabten Menschen Gedächtnisleistungen leichter als anderen?

Nein. Die Besten in Deutschland und weltweit sind zwar oft Menschen mit akademischer Ausbildung, weil man da eher mit solchen Techniken in Kontakt kommt und Intelligenz sicherlich nicht schadet, wenn es um Spitzenleistungen in diesem Bereich geht. Aber darunter sind auch Anwälte, Mediziner und Geisteswissenschaftler, also ganz verschiedene Richtungen. Generell ergänzt sich das methodische Vorgehen beim Lernen natürlich gut mit dem Gedächtnissport. Ich würde aber nicht behaupten, dass man durch die Naturwissenschaften automatisch ein Talent dafür hat.

Zur Person: Boris Nikolai Konrad

Geboren 1981 in Bochum und aufgewachsen in Hattingen, studierte Boris Nikolai Konrad Physik, Angewandte Informatik, Mathematik und Betriebswirtschaftslehre in Dortmund. 2014 promovierte er über die neuronalen Grundlagen außergewöhnlicher Gedächtnisleistungen. Er ist als Vortragsredner, Gedächtnistrainer und Neurowissenschaftler tätig. Der Gedächtnis-Teamweltmeister und mehrfacher Weltrekordhalter im Guinness-Buch der Weltrekorde errang im Jahre 2012 den Titel „Deutschlands Superhirn“ in der gleichnamigen ZDF-Sendung. Er trat drei Mal bei „Wetten, dass…?“ auf und ist in TV-Shows weltweit ein viel gefragter Gast. Boris Nikolai Konrad ist verheiratet und hat vier Kinder. Er lebt mit seiner Familie in Kranenburg am Niederrhein. Neben dem Gedächtnissport ist er begeisterter Sport Stacker und großer Fan des VfL Bochum.

Viele Gedächtnistechniken beruhen darauf, sich Informationen als Bilder vorzustellen. Wie funktioniert das in der Praxis?

Unser Gehirn hat sich im Laufe der Evolution über sehr lange Zeiträume entwickelt. Das Gedächtnis soll das, was wir sehen und erleben, behalten, damit wir daraus lernen. Dinge, die uns heute noch schwer fallen, liegen dem Gehirn erstmal etwas weniger. Gedächtnistechniken sind spezifische Methoden, durch die man sich Inhalte merken kann. Wie der viel zitierte Tipp, Routen durch die eigene Wohnung oder andere Orte, die man gut kennt, zu planen und sich dazu Bilder vorzustellen für die Informationen, die man sich merken möchte. Manchmal wird diese Methode auch Gedächtnispalast genannt. Sie funktioniert hervorragend, weil sie ausnutzt, wie unser Gehirn funktioniert und man sie auf viele Inhalte anwenden kann.

Was kann man eigentlich machen, damit es dem Gehirn gut geht und es leistungsfähig bleibt?

Man sollte es herausfordern. Wie das englische Zitat „Use it or loose it“ schon besagt: Das, was bei den Muskeln gilt, gilt auch beim Gedächtnis. Doch die Mechanismen sind andere. Gehirnmasse wird nicht automatisch abgebaut. Aber man sieht es an den Studienergebnissen bei älteren Menschen, die vielleicht schon aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Wenn die sich weiter kognitiv herausfordern, bringt das sehr viel. Das kann Gedächtnistraining sein, muss es aber nicht. Es kann auch eine neue Sportart sein, ein Musikinstrument, eine Fremdsprache oder etwas Soziales, bei dem ich auf andere Menschen reagieren muss. Hauptsache, es sind Dinge, mit denen ich mein Gehirn herausfordere.

Gibt es dabei etwas, das man vermeiden sollte?

Ja. Manche Menschen haben die Tendenz, wenn es anfängt schwieriger zu werden, mehr Hilfsmittel einzusetzen. Das ist aber kontraproduktiv. Wenn ich jede Einkaufsliste und jedes Passwort aufschreibe, wird das Gehirn immer weniger eingesetzt und lässt umso mehr nach. Darum ist es wichtig, sich auch mal schwierige Gedächtnisaufgaben sich zuzutrauen, auszuprobieren und darin besser zu werden.

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Viele glauben, ab und an ein Kreuzworträtsel oder Sudoku reichen dafür aus. Ist das ein Irrglaube oder stimmt das?

Es hat einen wahren Kern. Aber so, wie es die meisten angehen, ist es leider ein Irrglaube. Der hängt auch stark damit zusammen, ob es tatsächlich eine Herausforderung ist. Das heißt, wenn ich noch nie ein Sudoku gelöst habe und gerade damit anfange, ist es ein recht gutes Training. Aber wenn man es nebenbei löst, während man Gespräche führt oder Radio hört, dann ist es mit Sicherheit kein Training mehr. Das Gleiche gilt für Kreuzworträtsel. Meine Oma, die immerhin 94 Jahre alt werden durfte, hatte sehr lange ein sehr gut funktionierendes Gedächtnis. In den letzten beiden Jahren wurden nachlassende Tendenzen sichtbar. Doch obwohl manches schon sehr schwierig für sie war, konnte sie noch bis kurz vor ihrem Lebensende problemlos die Kreuzworträtsel in ihrer Fernsehzeitung ausfüllen, weil sie jede dieser Fragen wer weiß wie oft beantwortet hatte. Dementsprechend war es kein Training mehr.

Welche Art von Bewegung und Ernährung bevorzugt das Gehirn eigentlich?

Bewegung generell ist gut für die Durchblutung des Körpers. Also auch für das Gehirn. Wenn wenig Sauerstoff ankommt, ist das hingegen nicht gut. Studien konnten zudem zeigen, dass sich Bewegung über rein körperlichen Effekte hinaus verbunden mit kognitivem Training positiv auswirkt. Etwa, wenn ich wandern gehe und unterwegs schaue, welche Pflanzen kenne ich eigentlich und die dementsprechenden Infotafeln lese. Bei der Ernährung sind schlechtere Fette, die der Körper nicht gut verarbeiten kann und die Blutgefäße schädigen, natürlich weniger gut. Auch, wenn ich zu wenig Wasser trinke, ist das nicht gut, weil das Blut bei einer ausreichenden Versorgung damit besser fließen kann und das Gehirn besser mit Nährstoffen versorgt wird.

Wir leben ja in einer digitalen Welt und viele von uns benutzen für alles Mögliche das Smartphone oder die KI. Was macht das mit unserem Gehirn?

Das liegt an uns. Wenn ich eine Aufgabe erledigen soll, dafür das Ergebnis von der KI kopiere und es im besten Fall noch mal kurz überfliege, ist es logisch, dass so etwas meinem Gehirn nicht trainiert oder im Gedächtnis hängen bleibt. Wenn ich aber über eine Thema nachdenke und mir von der KI eine Anregung geben lasse, um durch eigene Weiterentwicklung auf eine bessere Lösung zu kommen, kann mich das sogar schlauer machen. Dasselbe gilt bei allen digitalen Medien.

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Wie kann ich das Gehirn eigentlich am besten vor Stress schützen, wenn ich beispielsweise in einer Stadt wie Berlin lebe und permanent von Reizen überflutet werde?

Man kann dafür sorgen, dass man weniger Reizen zusätzlich ausgesetzt ist. Zum Beispiel muss mein Handy nicht 20 Mal am Tag blinken, weil ich Benachrichtigung bekomme. Bei den allermeisten Menschen kann man davon ausgehen, dass nicht gleich 20 Mal am Tag etwas so wichtig ist, dass es sofort Aufmerksamkeit erfordert. Wenn ich bewusst an Dingen arbeiten will, sollte ich dafür sorgen, nicht gestört zu werden. Konzentrierte Zeiten sind wichtig für das Gehirn. Genauso wie die, in denen ich mich auf nichts konzentriere. Dann geht das Gehirn in den sogenannten Default-Modus. Dabei sollte man bedenken, wenn man Pausen macht, sollte man die Aufmerksamkeit nicht sofort auf etwas anderes lenken. Denn wenn ich jetzt noch mal schnell drei Nachrichten lese oder durch Instagram scrolle, bleibt das Gehirn im Aufmerksamkeitsmodus. Kurze Pausen von wenigen Minuten ohne Reize reichen.

Wie erholt sich das Gehirn denn am besten?

Im Schlaf. Gerade die Tiefschlafphase ist für Gehirngesundheit, Gedächtnisleistung und Lernfähigkeit am wichtigsten. In den letzten Jahren ist die Schlafqualität ja in den Fokus gerückt. Für fast alle Menschen ist es am besten, das Schlafzimmer so gut wie möglich abzudunkeln, um auch tiefer schlafen zu können.

Und wie lang sollte man schlafen?

Der Mittelwert der Schlafdauer ist relativ individuell. Aber es gibt nur einige wenige Menschen, die mit fünf Stunden auskommen. Deutlich mehr Menschen brauchen sieben oder acht Stunden Schlaf, bekommen aber nur fünf oder sechs, also weniger als gut wäre. Man denkt, am Wochenende hole ich das wieder auf. Doch das geht nur begrenzt. Wer meint, um Mitternacht noch schnell was fertig machen zu müssen, obwohl die Kinder früh morgens zur Schule müssen, und dadurch immer ein, zwei Stunden zu wenig schläft, der schadet sich schon sehr.