Kreuzberger Kiez oder Wannsee-Villa. Größer könnten die Unterschiede nicht sein. Hier ein Professor, der im Grünen wohnt, in einem großzügigen Haus, von wo aus er zufrieden aus dem Fenster schaut. Und da ein Studienabbrecher in einer schäbigen Zweck-WG, mit einem Rentner, einem Trinker und einer Prostituierten. Mit Blick auf den Hinterhof. Und Außenklo im Treppenhaus. Überall sind hier noch die Einschüsse vom Krieg zu sehen. Saniert werden die Altbauten nicht mehr, sondern gleich abgerissen. Und so abgerissen wie der Bezirk ist auch dieser junge Mann.
Wolfgang Petersen: Damals ein aufregender Nachwuchsregisseur
Bis er durch Zufall herausbekommt, dass sein ehemaliger Professor gar nicht so redlich ist, wie er tut. Weil seine Doktorarbeit, auf der seine akademische Karriere fußt, ein Plagiat ist, die wörtliche Übersetzung einer amerikanischen Studie. Da wittert der Verlierer, ein verkrachter Autor, dessen Manuskripte ungelesen von Verlagen zurückgeschickt werden, seine Chance. Und erpresst seinen ehemaligen Dozenten.
Das ist die Ausgangslage des Films „Einer von uns beiden“, dem Kinodebüt von Wolfgang Petersen. Der hatte, nach seinem Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (DFFB), bereits im Fernsehen von sich reden gemacht. Mit einigen der allerersten „Tatort“-Folgen. Und mit dem damals bahnbrechenden und verstörenden Dokudrama „Smog“ über eine Umweltkatastrophe im Ruhrgebiet, das viele für bare Münze hielten.
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Nach der Ausstrahlung im April 1973 war der Regisseur in aller Munde. Und nutzte seine Popularität für seinen ersten Kinofilm, den er im Oktober und November drehte. Ein ruppiges, schmutziges Genrestück, das er klar in seiner Stadt verortete. Hier das Vorgartenidyll, da die Hinterhoftristesse. Die damals verlotternde City-West als Kulisse krasser Kontraste. Deshalb wird das Werk nun noch einmal in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ gezeigt, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt.
Zwei Männer, die beide kriminelle Energien entwickeln
Das erste Bild: Der Abriss eines Altbaus. Das zweite Bild: ein Blick in einen grauen Hinterhof. Wo der Studienabbrecher Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow), den alle Zicke nennen, nackt im Bett beim Onanieren gezeigt wird. Was für eine schonungslose Einführung einer Filmfigur! Als Nächstes sieht man den Soziologie-Professor Rüdiger Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) in seiner Villa. Gerade ist ein neues Buch herausgekommen, und er soll noch mal befördert werden, in die Bundeshauptstadt, nach Bonn.
Aber da sitzt plötzlich sein ehemaliger Student in seinem Büro. Und droht, alles zunichtezumachen. Kolczyk gibt ihm erst mal Geld. Und Ziegenhals, der bislang kaum über die Runden kam, gönnt sich einen neuen Mercedes und ein schickes Zimmer zur Untermiete im Grunewald. Doch Kolczyk will sich nicht auf Dauer erpressen lassen. Und entwickelt seinerseits kriminelle Energien. Er schnüffelt in der Vergangenheit von Ziegenhals, fälscht eine Unterschrift, schickt falsche Medikamente.
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Aber der Erpresser durchschaut diese Intrigen. Und wird nicht nur immer fordernder, er drängt sich auch Kolczyks‘ Tochter (Kristina Nel) auf. Da ist dann kein Halten mehr beim Vater. Es kommt zu Körperverletzungen, Brandstiftungen und Mordversuchen. Da aber in der Zwischenzeit auch ein echter Mord geschieht, an Miezi (Elke Sommer), der Prostituierten aus Zickes WG, deren Geld gestohlen wird, geraten beide Männer unter Mordverdacht: Ziegenhals, weil er plötzlich so viel Geld hat, und Kolczyk, weil er Miezi noch am Tag ihres Todes aufgesucht hat, um Belastendes über ihren Mitbewohner in Erfahrung zu bringen.
Showdowns an der Berliner Mauer und zwischen Hochhausbauten
Der Film ist ganz Seventies. Und up to date. Erst ein Jahr zuvor war der gleichnamige Kriminalroman erschienen. Von Horst Bosetzky, einem Soziologiestudenten, der, um sein Studium zu finanzieren, nebenbei Krimis schrieb, unter dem Pseudonym -ky, um seiner akademischen Karriere nicht zu schaden.

Donnerstag
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Tatsächlich erhielt Bosetzky just 1973 eine Professur für Soziologie in der Berliner Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege, wurde aber auch einer der erfolgreichsten Krimiautoren der Republik: mit Soziokrimis voller stimmigen Milieuschilderungen. Bei „Einer von uns beiden“, der ersten großen ky-Verfilmung, steckte wohl in beiden Hauptfiguren etwas von Besetzky.
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Petersen inszenierte das als Katz- und Maus-Spiel. Als Duell zweier grundverschiedener, aber im gleichen Maße zu allem bereiten Männer. Klaus Schwarzkopf war Petersens Kommissar Finke in seinen „Tatorten“ („Reifeprüfung“ sollte zwei Jahre später eine der erfolgreichsten Folgen der ganzen Krimireihe werden). Auch Jürgen Prochnow hatte in einer Folge mitgewirkt und sollte zum Star der nächsten Petersen-Filme werden, vom Schwulendrama „Die Konsequenz“ (1976), der zum Skandal wurde, bis zum Kriegsdrama „Das Boot“ (1981), das beiden eine Weltkarriere in Hollywood eröffnete.
Der Film war 1975 Deutschlands Kandidat für den Auslands-Oscar
Weitere Rollen wurden mit Berliner Theatermimen wie Berta Drews, Otto Sander und Thilo Prückner besetzt, und mit Filmstars wie Elke Sommer und der Schwedin Ulla Jacobsson. Das Ganze wurde garniert mit Prügeleien, Actioneinlagen und quietschenden Reifen, mit Showdowns direkt an der Berliner Mauer und in der Gropiusstadt, die gerade erst im Bau war. Womit Petersen sich nicht nur als Meister der Spannung profilieren konnte, sondern auch mit einem feinen Gespür für die richtigen Locations.
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Wenn man den Film heute anschaut, staunt man, dass es in den 1970er-Jahren nicht nur den ambitionierten Autorenfilm des Jungen Deutschen Kinos gab, sondern eben auch wilde, schräge, blutige Genre-Kost, die in der Filmgeschichtsschreibung gern vergessen oder übersehen wurde. Obwohl sie durchaus ihr Publikum fand.
Der Film, der am 22. Februar 1974 Premiere im Berliner Gloria-Palast feierte und zwei Monate später in die Kinos kam, gewann beim Deutschen Filmpreis zwei Preise, den für die beste Kamera (Charly Steinberger) und für den besten Nachwuchsregisseur. Ein Jahr später wurde er auch zum offiziellen deutschen Beitrag für den Auslands-Oscar gekürt. Er kam dann zwar nicht in die engere Wahl, aber der Schritt nach Hollywood war hier schon gelegt. Umso schöner, dass man dieses Werk, das nur selten gezeigt wurde, nun noch einmal auf der Leinwand wiedersehen oder neu entdecken kann.
Zoo Palast, 1. Juli, 20 Uhr, in Anwesenheit des Hauptdarstellers Jürgen Prochnow. Karten gibt es hier





