Es war ein bewegender Abend, zu dem das Literaturhaus Berlin am Donnerstag zusammen mit der Gemäldegalerie eingeladen hatte, aus mehreren Gründen. Da war erstens der Ort: Dagmar Hirschfelder, Direktorin der Gemäldegalerie, begrüßte zu Gesprächsrunde und Lesung in der Wandelhalle des Museums am Kulturforum. Man sah sich umgeben von den Gemälden der Ausstellung „Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts“, in der seit Januar und noch bis zum 22. Juni 60 Gemälde aus dem Museum für Westliche und Östliche Kunst in Odesa gezeigt werden. Verwendet wird mit Bedacht die ukrainische Schreibweise der Hafenstadt am Schwarzen Meer, weil die Meisterwerke vor dem russischen Angriffskrieg in Sicherheit gebracht wurden und in der Gemäldegalerie ein vorübergehendes Obdach gefunden haben.
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Bewegend war der Abend aber auch aufgrund einer Idee von Herbert Wiesner, Gründungsdirektor des Literaturhauses, das sich derzeit wegen Sanierungsarbeiten im Stammhaus an der Fasanenstraße ebenfalls auf Wanderschaft befindet und seine Veranstaltungen in verschiedenen Kulturinstitutionen der Stadt anbietet: Er regte an, zeitgenössische Autorinnen und Lyrikerinnen mit den gezeigten Bildern in den Austausch treten zu lassen. Daraus ist ein kleines, liebevoll gestaltetes Buch hervorgegangen. Drei der Texte wurden an diesem Abend vorgetragen – und neben der so alten wie spannenden Frage, in welchem Verhältnis Sprach- und Bildkunst zueinander stehen, erreichten weitere poetische Reflexionen die Wandelhalle.

Die ukrainische Lyrikerin Nadiia Telenchuk, geboren im unweit von Odesa gelegenen Cherson, widmete sich in ihrem Gedicht „Dialoge der Gemälde mit dem Gedächtnis“ dem Schwarzen Meer – und brachte es als stummen Zeugen der Menschheitsgeschichte mitsamt ihren Kriegen und Friedenszeiten zum Sprechen – Gewalt und Schönheit schillerten darin wie die Wasseroberflächen auf den Bildern von Lucas Smout dem Jüngeren („Seeschlacht“, 1700/1710) und Charles Cottet („Segelboote“, 1890er-Jahre). Die aus Belarus stammende Dichterin Volha Hapayeva vollzog in „Ohne Titel. Tinte auf Papier, 2025“) den Sprung von der Materialität der Bilder zur rohen Gegenständlichkeit des Krieges. Und die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse blickte in ihrem Text „erl-lebt über-lebt“ anhand des Gemäldes „Eine alte Frau, die Kantele spielt (Porträt der Larin Paraske)“ von 1895 in die Tiefe der Vergangenheit. „Gut, dass sie da ist“, schreibt sie über das Porträt. Gut, dass es solche Texte gibt.




