Am Treppengeländer im Berliner Ensemble nimmt Oliver Reese, der Intendant des Hauses, zwei berühmte Schauspielerinnen und Regisseurinnen in seine Arme, Johanna Schall in seine linke, Katharina Thalbach in seine rechte. Für ein Foto im Treppenhaus, vor dem Bild von Helene Weigel. Im Großen Salon überlässt er den beiden dann das Podium. Denn es geht um Helene Weigel, den vierten Menschen auf dem Foto: Reeses Vorgängerin, die erste Intendantin des Hauses. Deren Geburtstag jährt sich am 12. Mai zum 125. Male. Reese hat deshalb schon das Helene-Weigel-Jahr ausgerufen.

„Sie war die weltbeste Großmutter“, findet die Enkelin Johanna Schall

Und am 11. Mai gibt es eine große Hommage an die Weigel, um in ihren Geburtstag hineinzufeiern. Mit dabei: Johanna Schall, die Enkelin von Bertolt Brecht und Helene Weigel. Und Katharina Thalbach, die nach dem tragisch frühen Tod ihrer Mutter Sabine Thalbach von der Weigel unter ihre Fittiche genommen wurde. Schon mit 13 machte sie sie zur Elevin am BE, wo die Thalbach dann gleich in der „Dreigroschenoper“ als Polly einsprang. Beide Frauen sind quasi zusammen aufgewachsen. Im BE. Als Töchter zweier fast noch pubertierender Mütter, die eine war 16, die andere 19, was auch angefeindet wurde im Haus. Aber Helene Weigel nahm sie unter ihren besonderen Schutz.

Sie war erst zwölf, als ihre Großmutter gestorben ist, sagt Johanna Schall. Sie könne sie daher „nur aus der Sicht eines Kindes“ schildern. Aber eines könne sie aus erster Hand sagen: „Sie war die weltbeste Großmutter“. Weil sie mit Kindern auf Augenhöhe umgehen konnte, ohne dabei kindisch zu sein. Sie war nicht niedlich, eher schroff. Aber man konnte ganz viele Dinge mit ihr machen. Und sich auch mit ihr streiten.

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Pressegespräch anlässlich 125. Geburtstag von Helene Weigel
Die drei im Podiumsgespräch mit Dramaturgin Karolin Trachte (2.v.r.), die auch den Gedenkabend moderieren wird. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Dass ihre Oma fast die einzige Theaterintendantin des Landes war (nur das kleinere Theater der Freundschaft wurde noch von einer Frau geleitet), hat Schall erst später begriffen. Und das, obwohl Helene Weigel kein Parteibuch der SED hatte. Und auch ihre österreichische Staatsbürgerschaft nie abgelegt hat. Obwohl man sie dazu drängen wollte. Aber sie ließ sich nicht drängen. „Sie war“, so die Enkelin, „eine sehr mutige Frau.“

Brecht übergab die Intendanz des BE an Helene Waigel: „Du musst das machen“

 Katharina Thalbach ist im BE nicht nur groß, sie sei hier sogar, wie sie an diesem Montagmorgen behauptet, gezeugt worden. Und hat hier „die ersten Worte inwendig“ gehört, noch im Mutterbauch. Nach dem Tod ihrer Mutter kümmerte sich die Weigel um sie. Nicht menschlich, das hat sie ihrer Tochter Barbara Brecht-Schall, überlassen, Johannas Mutters also – und Katis Patentante. Aber künstlerisch. „Sie war irrsinnig streng mit mir“, verrät die Thalbach, „und ich habe oft geweint. Aber es ist mir nicht schlecht bekommen.“ Als die Weigel starb, war das für die Thalbach, die damals erst 17 war, wie ein zweiter Mutter-Verlust. Und das BE war nie mehr dasselbe für sie.

Helene Weigel war die Frau hinter Brecht. Seine anderen Frauen hat sie stoisch geduldet. Aber sie war es, die ihn 1923 in Berlin kennenlernte, ihn 1929 heiratete und mit ihm ins Exil ging. Und als das Paar aus Amerika zurückkam und 1949 das Theater am Schiffbauerdamm in Ost-Berlin übernahm, soll sie den Namen Berliner Ensemble erfunden haben. Und Brecht wollte das Haus nicht selbst leiten: „Du musst das machen.“ Was sie auch bis zu ihrem Tod am 6. Mai 1971 getan hat.

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Helene Weigel in "Mutter Courage und ihre Kinder"
Eine ihrer größten Triumphe: Helene Weigel als "Mutter Courage" 1949. © picture-alliance / dpa | ADN

Es ist schön zu erleben, wie Johanna Schall und Katharina Thalbach sich erinnern und ergänzen und auch mal liebevoll ins Wort fallen. Auch wenn es darum geht, dass die Weigel „sehr sexy auf der Bühne gewesen sein“ soll. Das weiß Johanna Schall von ihrem Vater, dem Brecht-Mimen Ekkehard Schall. Und das hat auch Katharina Thalbach „von Brasch gehört“, der mit ihr im Brecht-Archiv bearbeitet hat. „Da muss es geflirrt haben zwischen den beiden.“ Moment mal, wirft Reese ein, Thomas Brasch war doch der Lebensgefährte von Katharina Thalbach, und Weigel quasi ihre Ersatzmutter. Aber da giggeln die beiden Damen nur.

Der Mai, ihr Geburts- und Sterbemonat, wird zum Höhepunkt des Weigel-Jahres

Das ist nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was einem am 11. Mai in der Hommage „Gutartig, schroff, mutig“ erwartet. Dort plaudern nicht nur die beiden über „Heli“, wie die Weigel im BE von allen alle genannt wurde. Dazu singt Katharine Mehrling Brecht-Songs, und Maria Wischnewski zeigt Auszüge aus ihrem neuen Weigel-Dokumentarfilm „So wie es ist, bleibt es nicht“. Wer keines der begehrten Tickets mehr ergattern sollte (ein Großteil ist bereits weg), kann der Weigel auch anderweitig huldigen.

Donnerstag

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Schon ab 13.30 Uhr gibt es ein großes Hoffest im Helene-Weigel-Hof, und im Brecht-Haus in der Chausseestraße ab 15 Uhr unter dem Titel „Ein kleiner Vulkan“ ebenfalls Lesungen, Erinnerungen und Führungen durch Weigels Wohnung, über den Dorotheenstädtischen Friedhof, auf dem Weigel und Brecht begraben sind, und im Brecht-Archiv, das die Weigel gegründet hat. Eine Aufzeichnung der berühmten „Mutter Courage“-Inszenierung mit der Weigel in der Titelrolle ist bereits ab 9.Mai auf der BE-Website abrufbar. Und am 12. Mai folgt außerdem ein „Brecht-to-Go“ am Helene-Weigel-Platz in Marzahn.

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Auftakt Helene-Weigel-Jahr 2025
Im Januar haben BE-Intendant Oliver Reese und Regine Lorenz, Vorständin des BE-Freundeskreis, den Innenhof des Theaters zum „Helene-Weigel-Hof“ ernannt. © DPA Images | David Hammersen

Damit wird der Mai, Geburts- wie Todesmonat der Weigel, zum Höhepunkt des Weigel-Jahres. Das wurde bereits am 5. Januar mit der Benennung des Innenhofes des Berliner Ensembles als Helene-Weigel-Hof eingeläutet. Seither wurde auch ein Weigel-Theaterpreis ins Leben gerufen, der künftig für besondere Verdienste am BE verliehen werden soll, an Schauspieler wie Mitarbeiter der Gewerke. Und dann soll es auch noch eine Skulptur für Helene Weigel geben: ein roter Stuhl hinter Glas. Wobei dieser von der Weigel selbst entworfen wurde, sie hat nämlich, das kaum einer weiß, selbst gern Möbel angefertigt.

Aber da hat Johanna Schall noch eine andere Idee. Sie ist aber zu schüchtern. Deshalb spricht Katharina Thalbach vor sie aus: Könnte man nicht auch eine Statue von ihr entwerfen und auf dem Brecht-Platz stellen. Brecht sitzt da ja schon in Bronze. Die Weigel sollte dahinterstehen „und ihm die Hand auf die Schulter legten.“ Dann wäre das Paar vereint. Das, findet die Thalbach, wäre „eine geniale Idee.“