Das hat man in 13 Jahren Dortmunder „Tatort“ noch nie erlebt! Jörg Hartmann als Kommissar Faber mal nicht im verknitterten Schlabber-Parka, sondern im Anzug, die Haare zurückgegelt. Wenn er sich jetzt noch rasieren würde, wäre er nicht gar nicht wiederzuerkennen. Aber genau darum geht es, und deshalb zieht er sich auch noch eine dicke Sonnenbrille auf. Denn Faber ist auf der Flucht. Und wird von seinen eigenen Leuten gejagt. Weil er unter dringendem Mordverdacht steht.

Er hat ihm das Schlimmste angedroht. Und dann ist Fabers Intimfeind tot

Kommissare, die selbst ins Visier geraten? Das ist nicht gerade neu. Und doch ist die Dortmunder Folge „Abstellgleis“ eine ganz besonders starke. Erst mal werden Faber und seine Kollegin Herzog (Stefanie Reinsperger) durch ihre neue Chefin Klasnić (Alessija Lause) zu einem eher lapidaren Fall gerufen. Eine Frau wurde überfahren. Fahrerflucht. Und dafür muss die Mordkommission ran? „Die will uns aufs Abstellgleis schieben“, so die empörte Reaktion.

Und die Häme lässt nicht lange auf sich warten. Haller (Tilman Strauß), der Chef der Kriminaltechnischen Untersuchung (KTU), der mit schuld ist am Tod von Fabers Kollegin Bönisch, weshalb Faber immer wieder mit ihm aneinandergerät, dieser Haller provoziert ihn einmal mehr: „Ihre Chefin will Sie loswerden, ich will Sie loswerden, und der Polizeichef lässt die Korken knallen, wenn es uns gelingt.“

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Tatort: Abstellgleis
Er war über viele Folgen Fabers Intimfeind. Hier darf der KTU-Chef Haller (Tilman Strauß) Faber ein letztes Mal provozieren. © WDR/Thomas Kost | Thomas Kost

Kurz darauf aber ist Haller tot. Erstochen in seiner eigenen Küche. Und der Hauptverdächtige ist eben Faber, der ihm mehrfach angedroht hat, dass er eines Tages „dran“ sei. In der Wohnung des Toten wird sogar DNA von Faber gefunden. Und dann schaltet die Chefin auch noch einen LKA-Beamten ein. Und das ist ein alter Bekannter: Kommissar Kossik (Stefan Konarske).

Niemand vertraut hier noch wem, allen traut man alles zu

Der hat einst selbst im Vierer-Team von Faber und Bönisch ermittelt, ist dabei immer wieder mit Faber aneinandergeraten und war ihm doch stets unterlegen. Bis er im Streit ging. Jetzt ist er zurück. Äußerlich gealtert und innerlich verbittert. Aber nun hat sich das Machtverhältnis verkehrt, jetzt steht Kossik höher in der Hierarchie, genießt das sichtlich und führt Faber immer wieder vor. Bis der sich, als alle Indizien gegen ihn sprechen, absetzt. Weil ihm ja sowieso keiner glaubt. Und er auf eigene Faust seine Unschuld beweisen will.

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Aber da will ihm nicht mal die sonst so hilfsbereite Kollegin Herzog helfen. Die weiß auch nicht mehr, was sie glauben soll. Das gilt für Faber aber gleichermaßen. Denn das Ekel Haller wollte nicht nur Faber los werden, er wusste auch von Herzogs Geheimnis, dass ihre Mutter eine gesuchte RAF-Terroristin ist. Und wollte Herzog damit unter Druck setzen, um ihm gegen Faber zu helfen. Auch die Kollegin hätte also ein klares Mordmotiv. Und könnte ganz froh sein, wenn man statt ihrer den Kollegen jagt.

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Tatort: Abstellgleis
2017 stieg Stefan Konarske aus dem Dortmunder „Tatort“ aus. Jetzt kehrt er zurück - als LKA-Mann, der mit Faber noch ein Hühnchen rupfen will. © WDR/Thomas Kost | Ard

Hier geht es ans Eingemachte. Niemand kann hier noch irgendjemandem vertrauen, Faber nicht Herzog und Herzog nicht Faber. Beiden ihrer neuen Chefin nicht. Und Herzog auch nicht dem Polizisten Pösken (Malick Bauer), der sich ihr beruflich, aber bald auch privat anbiedert. Ist Misstrauen eine Berufskrankheit, oder schnüffelt der auch hinter ihr her?

Ein Schluss ohne Happy End. Man möchte unbedingt wissen, wie‘s weitergeht

Jörg Werner, der bei mehr als der Hälfte der Dortmunder Folgen das Drehbuch schrieb, auch bei denen über den Tod von Bönisch und den Schmerz danach (letzteres gemeinsam mit Hartmann), löst hier nun virtuos das Spannungsdrama zwischen Faber und Haller auf. Haller scheint noch über seinen Tod hinaus Fabers Chimäre.

Aber Kossik und die neue Chefin sitzen ihm gleichfalls im Nacken. Schließlich wird der Kommissar von einem ganzen Trupp Polizisten gejagt, quer über einen Bahnhof und nun ganz realiter auf einem Abstellgleis. Wo auch noch ein Güterzug auf ihn zurollt. Man darf das verraten. Weil die Folge so beginnt und dann als Rückblende erzählt wird.

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Der 27. Fall von Faber (und der neunte von Herzog) ist so intensiv, immer wieder überraschend und nach allen seinen Seiten hin offen, dass man glauben oder befürchten könnte, dass mit Faber schon wieder ein Dortmunder Ermittler verloren geht. Es wäre der letzte aus dem ursprünglichen Vierer-Kleeblatt. Und so einer wie Faber ginge wohl lieber in den Tod als in den Knast.

So dicke kommt es nicht. Aber wenn am Ende auch beide Todesfälle aufgeklärt werden und sogar zusammenhängen: Von einem Happy End ist das weit entfernt. Das Dortmunder Kommissariat ist ein Minenfeld voller Einschlaglöcher. Nichts ist mehr wie vorher, und das kann so schnell auch nicht gekittet werden. Man möchte unbedingt wissen, wie und ob es überhaupt mit diesen Figuren weitergehen kann. Doch bis dahin muss man sich mal wieder sehr gedulden.

„Tatort: Abstellgleis.“: ARD, Sonntag, 30. März, 20.15 Uhr