Füße spalten die Geister. Für die einen der Grund, sich angeekelt zu schütteln, für die anderen ein Objekt der heißen Begierde – oder halt einfach ein stinknormaler Teil der menschlichen Anatomie. In der Berliner ARD-Serie „Marzahn mon amour“ sind sie Träger und Grundvoraussetzung für das Gespräch auf Augen- oder eben Fußhöhe. Die Schriftstellerin Kathi Grabowski (Jördis Triebel) schult nämlich zur Fußpflegerin um: Der Mann ist ab durch die Mitte, das Verhältnis zur pubertären Tochter ist auch nicht mehr dasselbe und die Erfolgsaussichten als freischaffende Schriftstellerin waren sowieso noch nie rosig.
ARD-Serie aus Berlin: „Marzahn mon amour“ – läuft im März in der Mediathek
Kurzerhand wird in der „Beauty Oase Marzahn“ angeheuert und es geht ab an die Nagelfräsen und Fußschleifgeräte, Paraffinbäder werden eingelassenr, ungepflegte Füße wollen geschubbert und pedikürt werden. In dem Fußpflege-Dreiergespann aus Kathi, Lulu (Deborah Kaufmann) und Jenny (Yvonne Yung Hee Bormann) entwickelt sich schnell eine solidarische Gemeinschaft, die den Wahnwitz des besonderen Beauty-Salons gemeinsam besteht. Den Schwerpunkt jeder Folge bildet die jeweilige Kundschaft – deren harte Schale es zu durchdringen gilt, um zum weichen Kern vorzudringen.
Die ARD-Serie basiert auf dem 2019 erschienenen, gleichnamigen Erfolgsroman von Katja Oskamp. Um den geografischen Schwerpunkt auf Marzahn auch in der Serie abzudecken, kommt ein Großteil der Schauspielerinnen und Schauspieler ebenfalls aus der ehemaligen DDR oder haben biografische Bezüge zum Osten. „Hier sind meine Wurzeln. Jetzt wieder hier zu sein, war, wie in meine Kindheit zurückversetzt zu werden“, sagt Grimme-Preisträgerin Jördis Triebel während der Dreharbeiten.
In Marzahn finden sich spannende Biografien – und soziale Probleme
Schauplatz ist – natürlich – die Marzahner „Platte“, das architektonische Markenzeichen des Stadtteils und gleichzeitig Symbol für die frühere Ostblock-Wohnungspolitik. Trotzdem zeigt Regisseurin Clara Zoë My-Linh von Arnim recht selten den Stadtteil selbst, die meisten Szenen spielen in den Innenräumen des Beautysalons. Der Fokus liege mehr auf den einzigartigen Menschen, die in Marzahn leben. „Das Wesentliche ist es, die Ost-Biografien ernst zu nehmen und diese Menschen sichtbar zu machen“, so die Produzentinnen Henriette Lippold und Leonie Geisinger.
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Die Serie legt dabei einen Schwerpunkt auf Themen des Alters und des Altwerdens. Das ergibt sich einerseits aus der demografischen Situation in Marzahn – laut dem Demografiebericht des Bezirksamts von 2022 wird die Bevölkerung in Marzahn-Hellersdorf in den nächsten Jahren durchschnittlich stark altern –, andererseits zeigt es auch die Herausforderungen auf, die der alternden Gesellschaft in ganz Deutschland bevorstehen: Knappe Renten und Altersarmut, Einsamkeit, Pflegebedürftigkeit und Pflegekräftemangel, um nur einige zu nennen.
Marzahn: Übergriffige alte Männer mit weichem Kern, sturköpfige Mutter-Tochter-Beziehungen
Doch die behutsame und charmante Art und Weise, wie in der Serie mit den Themen umgegangen wird, ist eindrücklich. Da wäre zum Beispiel Kathis alter Nachbar Herr Schimke (Hermann Beyer): ein Senior alter Schule mit fester mentaler Verankerung in seiner DDR-Vergangenheit. Ruppiges Auftreten, ernste Miene und übergriffiges Verhalten starren der Protagonistin entgegen.

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Während die Füße des alten Herrn gewaschen, massiert und bearbeitet werden, stellt sich heraus: Er ist zutiefst verletzt und einsam. Seiner Sportgruppe hat er aus Trotz den Rücken gekehrt, Freunde und Familie hat er sonst nicht. Erst durch Kathis einfühlsame und bestimmte Art kommt er ein wenig zur Vernunft, lässt mit sich reden und entblößt unter der Fassade einen gar nicht so schlechten Menschen.

Beim nächsten Termin steht der schwelende Konflikt zwischen pflegebedürftiger Mutter (Monika Lennartz) und verbitterter Tochter (Doris Nocke) im Vordergrund. Die Tochter möchte kein Geld für den Pflegedienst ausgeben, behandelt ihre scheinbar senile Mutter jedoch äußerst abwertend.
Es stellt sich heraus: Die beiden können nicht miteinander und nicht ohneeinander, haben aber nie gelernt offen zu kommunizieren. Und doch besteht eine – wenn auch ruppige – familiäre Liebe zwischen ihnen, die Kathi mit ihrer Direktheit und Offenheit vorsichtig wieder zum Vorschein bringt.
Mensch im Mittelpunkt: Einfache Biografien, emphatisch und mit Witz erzählt
Hier kommt dann auch Kathis persönliche Story immer mehr ins Spiel: Seit ihr Mann wortlos verschwunden ist, ist die Beziehung zu ihrer Tochter Lilly (Maja Bons) arg strapaziert. Denn auch Kathi scheint die Kommunikation mit ihrer Tochter schwerzufallen, sie versucht die turbulente neue Familiensituation weitestgehend zu ignorieren.
Das Ergebnis: Zuerst haut Lilly wortlos für einige Nächte ab, dann will sie nach dem Abi nach Australien auswandern – Work and Travel ist das Stichwort. Es gilt also, die auf der Arbeit gewonnene Empathie auch im eigenen Familienkreis anzuwenden.
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„Marzahn mon Amour“ lässt sich letztlich als zutiefst einfühlsame Serie beschreiben. Probleme einer alternden Gesellschaft werden durch episodenartige Fallbeispiele porträtiert, ohne dabei bösartig zu werden – aber auch ohne dabei allzu tief auf die einzelnen Thematiken einzugehen.
Vielmehr zeigt Jördis Triebel in ihrer Rolle eine emphatische Schlagfertigkeit, die mal zum Schmunzeln einlädt, aber auch mal nostalgisch in die Vergangenheit blickt und den Menschen in den Mittelpunkt rückt. Der Spielraum für schauspielerische Glanzleistungen ist in diesem Setting zwar begrenzt, dafür kommt die Serie niedrigschwellig und unterhaltsam daher.
„Marzahn mon amour“, sechs Folgen. Ab 14. März in der ARD Mediathek. Freitag, 21. März ab 23.50 Uhr im Ersten.




