Im Gerichtssaal sehen sie sich noch einmal wieder. Auf der Anklagebank sitzen Gatte und Gattin erst nebeneinander. Und halten heimlich Händchen. Bis sie angegangen werden, sie hätten auf verschiedenen Seiten des Saals zu sitzen. Keine Sentimentalitäten. Denn das Ehepaar ist wegen Volksverrats angeklagt. Ihm droht das Todesurteil.

Donnerstag

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„Jeder stirbt für sich allein“ ist die Verfilmung des letzten Romans von Hans Fallada, den der Schriftsteller 1946, kurz nach dem Krieg, wie in einem Schaffensrausch geschrieben hatte und dessen Veröffentlichung 1947 er schon nicht mehr erlebte. Der Roman war der erste deutsche Widerstandsroman eines nicht-emigrierten Schriftstellers.

Vom Schweigen der Masse zum aktiven Widerstand

Basierend auf dem authentischen Fall des Ehepaars Otto und Elise Hampel, das von 1940 bis 1942 in Berlin Postkarten-Flugblätter gegen Hitler verteilt hatte, entwarf Fallada die Geschichte von Otto und Anna Quangel, die erst typische Mitläufer sind und selbst die NSDAP gewählt haben. Bis sie ihren Sohn in den ersten Tagen des Frankreich-Feldzugs verlieren. „Der Führer hat meinen Sohn ermordet“, sagt Anna Quangel daraufhin. Und will nicht länger die Augen verschließen.

Will auch nicht mehr wegsehen, wie ihre jüdische Nachbarin drangsaliert wird. Will selbst andere aufrütteln, mit heimlichen Botschaften. Bis ihr Mann sie dabei erwischt. Und dann selbst beschließt, mitzuhelfen. Eine Entwicklung vom Wegschauen zum Hinzeigen, vom Opportunismus zur Zivilcourage, vom Schweigen der Masse zum aktiven Widerstand.

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Falladas Roman ist schon mehrfach verfilmt worden. Erstmals 1962 im Fernsehen von der ARD, mit Edith Schultze-Westrum und Alfred Schieske, dann als Dreiteiler im DDR-Fernsehen 1970 mit Elsa Grube-Deister und Erwin Geschonneck. Zuletzt 2015 als internationale Produktion mit Emma Thompson und Brendan Gleeson. Und 1976 als deutscher Kinofilm mit Hildegard Knef und Carl Raddatz.

Ein Widerstands-Paar, gespielt von alten Ufa-Größen

Diese Adaption von Alfred Vohrer wird nun noch einmal in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ gezeigt, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt. Es ist auch ein Beitrag zum Hildegard-Knef-Jahr: Die Schauspielerin und Sängerin wäre im Dezember 100 Jahre alt geworden.

Was schon seit Januar mit verschiedenen Veranstaltungen gefeiert wird, mit Konzerten, mit Filmreihen. Mit einem neuen Dokumentarfilm, „Ich will alles. Hildegard Knef“, der gerade Premiere auf der Berlinale hatte. Und mit neuen Büchern über die Knef wie die von Christian Schröder, „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, die am 17. März erscheint. Zwei Wochen zuvor ist er nun zu Gast in unserer Filmreihe. Und wird über diese Produktion sprechen.

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Jeder stirbt fÅr sich allein
Im Gerichtssaal begegnet sich das Paar zum letzten Mal. © picture-alliance / | Pa

Die mutet erst mal seltsam an. Wurde das Ehepaar im Widerstand doch mit zwei Schauspielern besetzt, die ihre Karriere bei der Ufa noch im Nationalsozialismus begonnen hatten. Carl Raddatz war sogar ein großer Filmstar im Kino des sogenannten Dritten Reichs, der auch in Propaganda- und Durchhaltefilmen wie „Wunschkonzert“ (1940) und „Stukas“ (1941) mitgewirkt hatte und auf Goebbels Gottbegnadeten-Liste stand.

Ist dieser Film auch eine Verarbeitung der eigenen Verstrickung?

Aber auch Hildegard Knef absolvierte ihre ersten Auftritte vor der Kamera noch 1945 (die dann erst nach dem Kriegsende ins Kino kommen sollten). Und sie hatte in den letzten Kriegstagen eine Liebesbeziehung mit dem Reichsfilmdramaturgen Ewald von Demandowsky, einem großen Rad in der NS-Propagandamaschinerie, der direkt Goebbels unterstellt war. Eine Liaison, die die Knef später gern heruntergespielt hat. Vielleicht verstanden die beiden Schauspieler diesen Film ja auch als Beitrag zur Verarbeitung ihrer eigenen Verstrickung.

Jeder stirbt für sich allein (BRD 1975, Regie Alfred Vorher) ...
Die Premiere des Films fand am 21. Januar 1976 in der Film-Bühne Wien in Berlin statt.© picture-alliance / | Pa

Der Film, der am 21. Januar 1976 Premiere in der Filmbühne Wien feierte, ist in vielem sehr in die Jahre gekommen. Etwa durch die klischeehafte Überzeichnung von Nazis. Oder die sentimentalen Rückblenden, mit denen Mutter Quangel sich an ihren im Krieg gefallenen Sohn erinnert. Und doch ist die Verfilmung frei von reißerischen Momenten.

Berührend ist der Film in den Szenen der beiden Hauptdarsteller

Und zeigt deutlich verschiedene Grade von Mitläufertum auf: von den Quangels, die Hitler wählen, weil alle ihn wählen bis zu linientreuen Nazis, über Nachbarn, die die alte jüdische Frau im Haus ausrauben wollen, bis zu Denunzianten, die überall lauern und vor denen die Quangels zittern müssen, wenn sie ihre Postkarten in der Stadt verteilen.

Am ehrlichsten ist dieser Film immer dann, wenn man in der Stube der Quangels sitzt. Da gibt es berührende Kammerspielszenen zwischen Knef und Raddatz. Die hatten schon in den letzten Kriegstagen in „Unter den Brücken“ das erste Mal miteinander vor der Kamera gestanden. Und spielten hier authentisch ein Berliner Arbeiterpaar im Hinterhof.

Jeder stirbt fÅr sich allein
So ungeschminkt wie in diesem Film war Hildegard Knef noch nie zuvor zu sehen gewesen. © picture alliance / | Pa

Dabei zeigte sich Hildegard Knef so, wie sie im Film noch nie zu sehen war: Ungeschminkt und abgemagert, als alte Frau mit strähnigem Haar. Im Leidenspathos ihrer Anna Quangel scheinen auch eigene Schicksalsschläge durch. „Jeder stirbt für sich allein“ war ihr erster Kinofilm seit acht Jahren. Und der Titel traf für sie auch auf andere Weise zu.

Hildegard Knef „spielt nicht Jahre unter, sondern rauf“

Hatte sie doch eben erst eine schwere Krebserkrankung durchlitten, die sie 1975 in ihrem Buch „Das Urteil“ öffentlich machte. Und musste dann auch noch eine schmerzhafte Trennung überstehen, nach der Scheidung von ihrem zweiten Ehemann David Cameron, mit dem sie 14 Jahre verheiratet gewesen war. Ihren Schmerz legte die Knef auch in ihre Figur.

„Sie spielt nicht Jahre runter, sondern rauf“, schwärmte Hellmuth Karasek damals im „Spiegel“,: „Sie riskiert Szenen egoistischer Härte, sie wagt Momente tierhaften Schmerzes und eine wahrhaft imponierende Tränenflut – eine proletarische Heul-Duse.“ Seine Kritik trug sogar die Überschrift: „Die Wiederkehr der Knef“.

Zoo Palast, 4. März, 20 Uhr in Anwesenheit des Knef-Biografen Christian Schröder. Tickets gibt es hier.