Am 7. Juni 1905 gründeten die vier Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rotluff und Fritz Bleyl die expressionistische Künstlergruppe Brücke. Das 120. Jubiläum ist ein wichtiges Datum für das Dahlemer Brücke-Museum, das die weltweit größte zusammenhängende Sammlung von Werken der Gruppe besitzt. Ein Gespräch mit Direktorin Lisa Marei Schmidt.
Frau Schmidt, Sie feiern dieses Jahr 120 Jahre Gründung der Brücke. Dafür haben Sie sich eine besondere Aktion ausgedacht.
Lisa Marei Schmidt: Anlässlich des Jubiläums laden wir 120 Berlinerinnen und Berliner ein, sich ihr Lieblingswerk aus unserer Sammlung auszusuchen. Damit erweitern wir unser Kuratorinnenenteam um 120 Personen aus der Stadtbevölkerung – darunter sind Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Gesellschaft, aber auch Menschen aus unserem direkten Umfeld, wie unsere Briefträgerin oder eine Schülerin aus einer Kooperationsschule. Die Ausstellung startet am 29. März und läuft bis zum 22. Juni.
Wird auch Ihr Lieblingsbild dabei sein?
Das wurde ich schon öfter gefragt! Normalerweise entscheide ich, was gezeigt wird, daher halte ich mich diesmal bewusst zurück. Ich weiß ja selbst, wie schwer es ist, ein Lieblingswerk auszuwählen.

Trotzdem kann ich Ihnen die Frage nicht ersparen: Haben Sie ein Lieblingswerk aus der Sammlung?
Das ändert sich tatsächlich immer wieder. Momentan ist es „Bauernpaar“ von Lise Gujer, nach einer Vorlage von Ernst Ludwig Kirchner. Ein farbenprächtiges Werk, das mich sehr beeindruckt. Und es gibt ein winzig kleines Aquarell von Max Pechstein, „Priel bei Dangast“ aus dem Jahr 1910, das ich sehr liebe.
Lange Zeit war unklar, wann die Brücke genau gegründet wurde. Erst spät wurde das offizielle Gründungsdatum bekannt. Können Sie die Hintergründe dazu erklären?
Wir haben das große Glück, nicht nur Gemälde, Aquarelle und Skulpturen zu besitzen, sondern auch zahlreiche Dokumente. Die Brücke-Künstler haben viel Gebrauchsgrafik geschaffen – und darunter ist ein Gründungsdokument, das den 7. Juni 1905 nennt. Es ist in wunderschöner Jugendstilschrift verfasst, mit dem Schriftzug auf einer stilisierten Brücke. Dieses Dokument ist ein Herzstück unserer Sammlung und wird auch in der Ausstellung zu sehen sein. Ernst Ludwig Kirchner hat es gestaltet. Es ist kein Kunstwerk im klassischen Sinne, aber ein historisch sehr bedeutendes Dokument. Kurz nach der Gründung haben die Künstler dann auch ihr Manifest verfasst – und dieses als Holzschnitt gedruckt. Auch das Manifest ist Teil unseres Bestandes.
Was macht das Brücke-Museum zu einer besonderen Einrichtung?
Die Künstlergruppe Brücke ist die Urzelle des Expressionismus – einer Kunstrichtung, die bis heute in Architektur, Theater, Mode und Film nachwirkt. Man denke nur an die aktuellen Nosferatu-Adaptionen oder an die Serie „Babylon Berlin“. Das Museum ist einzigartig, weil es sich ausschließlich der Brücke-Kunst widmet und eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen dazu besitzt.
Die Brücke wurde von den Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gegründet. Die Künstler haben lange in Dresden gearbeitet und sind dann nach Berlin gezogen, wo sie sich auflösten. Warum?
Sie brauchten sich nicht mehr. Am Anfang ging es darum, gemeinsam auszustellen und sich gegenseitig zu unterstützen. In acht Jahren organisierten sie über 70 Ausstellungen. Doch mit dem Umzug nach Berlin fand jeder seinen eigenen Weg und seine eigenen Kreise. Dass sie überhaupt acht Jahre lang so eng zusammenarbeiteten, ist fast erstaunlicher als die Trennung.
Es wurde ein wiedererkennbarer, gemeinsamer Stil geprägt. Bei manchen Bildern ist es schwer, den Künstler zu identifizieren.
Absolut! Besonders die Werke von 1910, als sie gemeinsam an den Moritzburger Teichen malten, ähneln sich sehr. Zwischen Heckel, Pechstein und Kirchner zu unterscheiden, ist oft knifflig – zum Glück sind die meisten Werke signiert.

Sie sind seit 2017 Direktorin des Brücke-Museums. Was hat sich seitdem verändert?
Sehr viel! Zum Beispiel gab es damals im ganzen Haus nur eine einzige E-Mail-Adresse (lacht). Aber vor allem haben wir das Publikum erweitert. Das Brücke-Museum hatte viele treue Fans, aber das Durchschnittsalter war hoch. Heute ist es ein Kulturort für verschiedene Generationen. Auch die Nachwuchsförderung ist mir wichtig – sei es durch Praktika oder durch Forschungsarbeiten zu unserer Sammlung.
Sie haben eine eigene Kuratorenstelle für Outreach eingerichtet. Was macht diese Abteilung genau?
Outreach bedeutet Vermittlung, aber weitergedacht. Wir laden gezielt Menschen ein, die sonst vielleicht nicht den Weg ins Museum finden. Das passiert in Kooperation mit unserer Nachbarschaft, mit Schulen, Hochschulen und Jugendzentren. Hierfür passen wir unser Programm an und arbeiten mit den unterschiedlichsten Organisationen in der Stadt.
Sie haben „Babylon Berlin“ erwähnt. Spüren Sie den Expressionismus-Boom auch im Museum?
Definitiv. Wir haben ohnehin viele Leihanfragen, aktuell etwa für das Moderna Museet in Stockholm. Auch international kommen viele Besucher zu uns – trotz der Lage am Rand des Grunewalds. Leider können wir nur einen Bruchteil unseres Bestandes zeigen, oft weniger als 2 Prozent.
Wäre eine Erweiterung des Museums eine Option?
Die Pläne gibt es. Eine Machbarkeitsstudie wurde erstellt, erste Kostenschätzungen gibt es auch. Das Land Berlin und die Kulturverwaltung unterstützen das Vorhaben – und Berlin könnte ein großes Museum für den Expressionismus definitiv gebrauchen.
In ihrem Büro sind erstaunlich viele Bienenwaben zu sehen. Was hat es damit auf sich?
Der Außenbereich des Museums ist ein zentraler Bestandteil unseres Konzepts. Die Künstler der Brücke sahen eine enge Verbindung zwischen Mensch und Natur – und das spiegelt sich hier wider. Wir haben den Garten neu gestaltet, einen kleinen Pfad angelegt und seit einigen Jahren auch Bienenstöcke auf dem Gelände. 2026 eröffnen wir zudem einen künstlerischen Lehrpfad mit zeitgenössischen Arbeiten.
David Bowie war ein großer Fan des Brücke-Museums.
Ja, er war oft und gerne hier. Sein „Heroes“-Cover ist von einem Heckel-Gemälde aus unserer Sammlung inspiriert. Wir planen eine Ausstellung zu ihm – das ist längst überfällig!
Weitere Informationen: bruecke-museum.de



