Es ist, man kann es nicht anders sagen, ein historischer Abend. Wer sich da alles auf der Bühne zusammengefunden hat am Mittwochabend: Edith Clever, Libgart Schwartz und Udo Samel, Urgesteine der alten Schaubühne, noch unter Peter Stein, sowie Ernst Stötzner, Dörte Lyssewski, Corinna Kirchhoff, Roland Schäfer und Elke Petri und Imogen Kogge, die ebenfalls dort gewirkt haben. Und Gerd Wameling und Tina Engel zumindest als Stimme mit dabei. Ein - leider einmaliges - Spitzentreffen deutscher Schauspielkunst.

Donnerstag

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Sie alle sind hier, um einen der Ihren zu ehren: den großen Dramen- und Prosaautor Botho Strauß, der kürzlich, am 2. Dezember, seinen 80. Geburtstag feierte. Der Mann, der als Dramaturg an die Schaubühne kam, um dieselbe dann bald mit eigenen Stücken zu „beschenken“, wie Edith Clever das nennen wird, und damit Meilensteine setzte. Aber, wie seltsam: Der Abend findet nicht in der Schaubühne statt. Thomas Ostermeier scheint mit der alten Schaubühne nichts zu verbinden, auch nicht das Berliner Ensemble, wo Strauß in späteren Jahren aufgeführt wurde. Dort wird erst im neuen Jahr, am 25. Januar, ein Strauß-Gedenken stattfinden, wenn das Schauspielerehepaar Jens Harzer und Marina Galic aus dessen „Saul“ lesen wird.

Ein Strauß für Strauß, aber nicht schön gebunden. Dafür war keine Zeit

Die szenische Lesung „Ja, der Abend war hell – Ein Strauß für Botho“ mit all den Botho-Strauß-Gefährten aber findet im Renaissance-Theater statt, wo Samel, Wameling, Kogge, Kirchhoff und Engel nach ihrer Schaubühnen-Zeit zu sehen waren. Historisch ist der Abend, denn sie alle haben schon in diversen Strauß-Stücken, auch in deren Uraufführungen mitgewirkt. In Stücken wie „Schlusschor“, „Trilogie des Wiedersehens“ oder „Groß und Klein“.

„Wir sind“, so schränkt Edith Clever in ihrer anfänglichen Begrüßung zum Publikum aber ein, „die Übriggebliebenen des einst üppigen Straußes“. Und unweigerlich muss man an all die denken, die nicht mehr sind, Jutta Lampe, Otto Sander, Bruno Ganz, Peter Simonischek, und die großen Strauß-Regisseure Luc Bondy und Peter Stein. Die Übriggebliebenen aber, sie wollen ihrem Strauß nun einen Strauß überreichen. Auch wenn sie leider nicht die Zeit hatten, ihn schön zu binden, wie Clever eingestehen muss. Der Abend findet ganz ohne Probe statt: „Es wird also etwas holpern“, wie Edith Clever einschränkt.

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Wurde am 2. Dezember 80 Jahre alt: Schriftsteller Botho Strauß.
Wurde am 2. Dezember 80 Jahre alt: Schriftsteller Botho Strauß.© Ruth Walz | Ruth Walz

Aber holpern? Bei diesen Größen? Ja, an manchen ist das Alter nicht spurlos vorbeigegangen. Clever und Schwarz haben ihren eigenen 80. schon vor drei Jahren gefeiert, Schwarz braucht am Ende einen Stock. Aber sie alle leben sichtlich auf an diesem Abend, wohl auch noch einmal in dieser Schaubühnen-Aura. Wann werden so viele von ihnen je noch einmal zusammenkommen? Und sie geben lauter Preziosen. Manche allein, wie Libgart Schwarz, die aus Straußens „Schattengetuschel“ liest, Dörte Lyssewski trägt aus „Fragmente der Undeutlichkeit“ vor, Ernst Stötzner aus „Die Zeit und das Zimmer“ und Corinna Kirchhoff aus den noch unveröffentlichte „Ikonoklasten“.

Roland Schäfer und Elke Petri geben Kostproben aus „Groß und Klein“ und „Trilogie des Wiedersehens“, Udo Samel und Imogen Kogge aus „Der Park“. Sie alle lösen immer wieder Schmunzeln, manchmal sogar Lachsalven aus. Denn Botho Strauß ist auch ein Meister der feinen Überhöhung und des Spiels mit der Sprache. Die größte Darbietung aber gelingt Edith Clever, die aus ihrem kleinen Solo mit „Marokko“, ebenfalls eine Miniatur aus „Groß und Klein“, aus etwas Kleinem eine ganz große Nummer macht. Schaubühnen-Kunst der alten, feinen, überwältigenden Art. Ja, dieser Abend ist hell.

Für diese Zuschauer müsste man auch die „Publikumsbeschimpfung“ geben

Und doch holpert es, wie angekündigt. Nur dass das gar nicht an den Schauspielern auf der Bühne liegt. Sondern am Publikum. Wir hätten das gern verschwiegen, aber es lässt sich einfach nicht leugnen, weil es diesen so bezaubernden, großen Abend zugleich zu einem ganz absurden macht. Es beginnt schon damit, dass der Beleuchter des Abends 20 Minuten lang das Saallicht nicht ganz löscht, was viele im Zuschauerraum offensichtlich ermutigt, zu plaudern.

Als es dann endlich dunkel wird, klingeln aber mehrere Telefone. Und ein Wecker, offensichtlich zur Pilleneinnahme eingestellt, gleich zweimal. Ein Herr röchelt sich wieder und wieder die Lunge aus der Brust, bis er halb gebeten, halb gezwungen, den Saal verlässt. Gegen Ende des gar nicht so langen Abends folgen ihm andere und knallen dabei die Türen zu. Ein schräges Verhalten. Daraus müsste man eigentlich auch ein Stück machen. Botho Strauß, übernehmen Sie!

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"Die Eine und die Andere" im Berliner Ensemble
Auch schon wieder 15 Jahre: Edith Clever im Berliner Ensemble als Insa Breydenbach in „Die Eine und die Andere“ von Botho Strauß. © picture-alliance/ ZB | Claudia Esch-Kenkel

Die Künstler dagegen können darüber nur staunen. Sie alle sind bekannt für die leisen Töne. Die aber kommen gegen dieses Publikum nicht an. „Sollen wir eine Huste-Pause einlegen?“, fragt Udo Samel einmal vorsichtig, höflich die Kontenance wahrend. Doch die scheint hier nicht angebracht. Man müsste die „Publikumsbeschimpfung“ vortragen! Aber die ist natürlich nicht von Botho Strauß, sondern von Peter Handke, dem anderen großen Haus-Autor der alten Schaubühne. Als dann noch mal ein Handy klingelt, muss Samel bekennen: „Das bin ich.“ Doch dieser Anruf ist geplant. Es ist Gerd Wameling, der da am Apparat ist. Und fernmündlich mit Samel eine weitere Szene aus „Der Park“ durchspielt. Ja, so, aber auch nur so lassen wir uns Telefone im Saal gefallen.

Am Ende, nachdem sie das Publikum beschenkt, aber auch ein bisschen Perlen vor die Säue gestreut haben, verbeugen sich die Stars. Und bringen Botho Strauß Gaben dar. Ein Fläschchen Sprudelndes, Blumen, Geschenke. Der so Beschenkte kommt aber nicht auf die Bühne, ist gar nicht anwesend. Dafür seine Frau, die Rundfunkautorin Manuela Reichart. Sie trägt eine Grußbotschaft des Jubilars vor.

Botho Strauß lässt grüßen: „Ich wollte das immer wieder erleben“

Wo er von der legendären „Peer Gynt“-Inszenierung von Peter Stein an der alten Schaubühne am Halleschen Ufer spricht. Das war 1971. Die Bühne war über den ganzen Raum gelegt worden, so dass die Schauspieler nicht abtreten konnten. In solchen Momenten kommt dann die „stumme Jule“ zur Anwendung. Die Schauspieler tun so, als ob sie miteinander sprächen, lautlos. Seinem Dramaturgen hatte der Regisseur aufgetragen, ihnen dafür kleine Dialoge und Handlungsfragmente zu erfinden. Dieser Dramaturg war Strauß.

Und als dieser nun von den großen Akteuren seine eigenen Texte hörte, wie sie untereinander zum Spielmaterial wurden, war es, so erinnert sich Strauß 35 Jahre später, „wie ein Rausch. „Ich wollte das immer wieder erleben. Von Stund‘ an war ich entschlossen, immer aufs Neue den Schauspielern auf der Bühne Lebensmaterial zu liefern. Und das tat ich dann über bald 40 Jahren. Letztlich wohl mit dem Ehrgeiz, für alle Zeit die stumme Jule von der Bühne zu verbannen. Bei dieser Grußbotschaft zumindest ist dann auch der ganze Saal stumm.