Wenn sich der Mauerfall am 9. November zum 35. Male jährt, werden sie wieder überall gezeigt, die schon ikonisch gewordenen Fernsehbilder, wie die Ossis in den Westen strömten und von den Wessis begrüßt wurden. Und in Berlin werden viele noch einmal an die Stellen pilgern, wo die Stadt einst in Ost und West geteilt war.

Donnerstag

Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost

Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Nur: So viele intakte Mauersegmente gibt es gar nicht mehr. Die Deutschen waren mal wieder sehr gründlich in der Entsorgung ihrer Geschichte. Eins der wenigen Überbleibsel ist die East Side Gallery: das längste noch erhaltene Stück Mauer, das, von Künstlern verziert, zu einem Denkmal der friedlichen Wiedervereinigung wurde.

Ein Denkmal für die Wendezeit, das selbst eine Geschichte bekam

Aber es ist längst selbst Geschichte geworden. Weil es eigentlich abgerissen und ehrgeizigen Bauprojekten weichen sollte. Inzwischen stehen auf dem schmalen Streifen zwischen Mauer und Spree ja auch ein paar Luxusbauten, die einfach nicht dorthin gehören. Aber auch das ist ein Stück Stadt- und Zeitgeschichte. Und auch das wurde schon filmisch festgehalten: von dem Filmemacherduo Karin Kaper und Dirk Szuszies.

In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt, wird ihr Film „Berlin East Side Gallery“ nun, passend zum Mauerfall-Jubiläum, noch einmal gezeigt. Als eine andere Form des Gedenkens.

Lesen Sie auch: Was guckst du? Unsere Filmtipps der Woche

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Youtube, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Anfangs hört man in ihrem Film die berühmten politischen Sprüche, die das Los der Teilung bündeln. Von Reuters „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, Kennedys „Ich bin ein Berliner“, Ulbrichts „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“, Reagans „Mister Gorbatschow, tear down this wall“ und Schabowskis Gestammel „Das tritt… nach meiner Erkenntnis… unverzüglich“. Dazu gibt es Alltagsbilder der East Side Gallery von 2014.

Luxusapartments mitten im einstigen Todesstreifen

Kaper und Szuszies hatten kurz vor dem 20. Jahrestag des Mauerfalls 2009 damit begonnen, die East Side Gallery filmdokumentarisch zu begleiten, weil zum damaligen Jubiläum die Kunstwerke auf den alten Mauerwänden aufwändig restauriert wurden. Kurz davor aber, 2008, wurde auch die Genehmigung für das umstrittene Bauprojekt Mediaspree erteilt: Ausgerechnet auf dem ehemaligen Todesstreifen sollten Luxusapartments errichtet werden.

Und schon 2006 waren 41 Meter des Mauerstreifens abgerissen worden, damit Besucher der Mehrzweckhalle O2 World (später Mercedes-Benz-Arena, heute Uber-Arena) einen ungestörten Blick auf die Spree haben. Eins der berühmtesten Denkmäler zur Überwindung der Berliner Teilung war damit in Gefahr.

Lesen Sie auch: Schonungslose Abrechnung: „The Apprentice - The Trump Story“

Günther Schaefer vor seinem Bild „Vaterland“.
Günther Schaefer vor seinem Bild „Vaterland“. © Karin Kaper Film | Karin Kaper Film

Dagegen gab es viele Demonstrationen und spektakuläre Aktionen. Menschen, die früher „Die Mauer muss weg“ riefen, riefen nun „Die Mauer muss bleiben“. Als die East Side Gallery nicht in die Liste wichtiger Denkmäler aufgenommen wurde, riefen die Künstler einen „Tag des unbequemen Denkmals“ aus und verhüllten ihre Kunstwerke demonstrativ.

Selbst der heute wegen seiner Haltung zu Israel scharf kritisierte John Waters, der mit seiner Band Pink Floyd 1999, zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls, am Potsdamer Platz das spektakuläre „The Wall“-Konzert gab, wurde 2013 noch mal eingeflogen, um zu proklamieren, es gebe Wichtigeres als Kommerz. Und doch rollten die Bagger unaufhaltsam an und entfernten weitere Mauersegmente. 

Bilder vom Abriss und Bilder vom friedlichen Gedenken

All das zeigen die Dokumentarfilmer: Aktivisten und einfache Berliner, die für die East Side Gallery kämpfen. Löcher und Gruben, die dennoch in das Areal gerissen werden. Und die Rohbauten, die stetig wachsen. Bilder, die schmerzen.

Aber auch solche, die noch mal eine ganz besondere Stimmung festhalten: Als 2014 ein Vierteljahrhundert ohne Mauer gefeiert wurde, mit der spektakulären Lichtgrenze, die zwei andere Filmemacher, die Brüder Marc und Christopher Bauder, initiiert hatten. Diesen magischen Moment wollten Kaper und Szuszies auch noch dokumentieren. Weshalb ihr Film selbst nicht zum 25. Jahrestag ins Kino kam, aber doch schon zwei Monate später, am 8. Januar 2015.

Lesen Sie auch: Wie die neue Chefin Tricia Tuttle frischen Wind in die Berlinale bringen will

Die Künstler vereint vor ihrer East Side Gallery.
Die Künstler vereint vor ihrer East Side Gallery.© Karin Kaper Film | Karin Kaper Film

In ihrem Film wird Zeitgeschichte höchst lebendig. Da ist zu sehen, wie die Künstler ihre alten Kunstwerke selber restaurieren. Weil die Mauersegmente dafür gar nicht gedacht waren, rutschten die Bilder regelrecht von den Betonschichten ab, weshalb, Ironie der Geschichte, erst mal die Mauer renoviert werden musste, dann erst kamen die Kunstwerke zum Zuge.

Es ist ergreifend, wie da etwa Dmitri Wrubel vor seinem ikonisch gewordenen sozialistischen „Bruderkuss“ von Honecker und Breschnew steht. Wie Mary Mackay ihre „Tolerance“ genannten Mauerköpfe erneuert. Oder wie Birgit Kinder erzählt, wie sie damals unbedingt die Mauer bemalen wollte, auch wenn sie gar nicht auf der Liste stand, und den berühmten Trabi malte, der durch die Mauer fährt. „Test the Best”, taufte sie ihr berühmtes Bild damals. Aber jetzt, bei der Restaurierung, benennt sie es um, in „Test the Rest“. Als Mahnmal, weil hier nur noch die Reststücke der Mauer zu sehen sind.

Reizvoll: Die Künstler 1990 und fast 20 Jahre später

Der Künstlerverein hat 1990 selber festgehalten, wie 118 Künstler aus 81 Ländern das 1316 Meter lange Teilstück der Mauer an der Mühlenstraße bemalten, als friedlich-bunte Eroberung eines grauen Symbols des Kalten Kriegs, und auf der der dem Osten zugewandten Seite die Veränderungen der Wendezeit künstlerisch verarbeiteten. Auf dieses Foto- und Videomaterial konnten Kaper und Szuszies zurückgreifen. So sieht man Künstler wie Wrubel, Mackay und Kinder, wie sie damals ihre Kunstwerke malten und wie sie 20 Jahre später davor stehen und mit der zeitlichen Distanz auf ihre Arbeit, aber auch auf die ungewisse Zukunft der East Side Gallery schauen.

Aber auch andere Zeitzeugen kommen zu Wort: Politiker und Städteplaner, die ursprünglich die Mauer in Teile zerlegen und in alle Welt vermarkten wollten. Reiseführer, die den Doppelcharakter dieses Mauerstreifens vermitteln. Touristen, die auf der Mauer ihre Namen verewigen und das wichtiger finden als Kunst. Und Graffiti-Entferner, die in Sisyphos-Arbeit die Kunstwerke von Graffitis befreien, bis die nächsten draufgesprüht werden.

Lesen Sie auch: Regisseur Andreas Dresen: „Ausgrenzung stärkt nur die Extreme“

Portraet des Filmemacherpaars Karin Kaper und Dirk Szuszies an der East Side Gallery in Berlin
Die Filmemacher Karin Kaper und Dirk Szuszies bei den Dreharbeiten vor der East Side Gallery. © Karin Kaper Film | Karin Kaper Film

Dabei kommentieren die Filmemacher nie selbst, sie zeigen nur. Und doch wird ihre Haltung deutlich. Wenn sie etwa Abrissarbeiten mit dem Läuten eines Totenglöckchens untermalen. Zu sehen ist auch der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele, der damals vor Ort klage, hier sei O2-Land und da Mercedes-Land. Und damit meinte: Alles Disneyland, hat nichts mit der Stadt zu tun.

Auch dass der Bauherr von Mediaspree ausgerechnet ein ehemaliger Stasi-IM war, der nun den Todesstreifen zu Höchstpreisen verscherbelt, kommt zur Sprache. Absurditäten, die kein Filmemacher sich ausdenken könnte, weil man sie nicht glauben würde. Sowas kann nur das wahre Leben erfinden.

Das Happy End kam erst nach den Dreharbeiten

Und auch das wird deutlich: Politiker wie der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit kamen gern hierher und ließen sich an einer der hipsten und angesagtesten Ecken der Stadt ablichten. Viel getan haben sie für deren Erhalt aber nicht. Auch, wenn die East Side Gallery längst eine der beliebtesten Touristenattraktionen der Stadt ist, die jährlich über eine Million Besucher anzieht, auch wenn sie die längste Open-Air-Galerie der Welt ist und auf einer Liste der beliebtesten Wahrzeichen Deutschlands verlässlich unter den ersten zehn zu finden ist, hat das Land Berlin die Verantwortung für das Areal erst im November 2018 in das Eigentum der Stiftung Berliner Mauer übertragen, sodass seither die Stiftung für den baulichen Unterhalt des Denkmals verantwortlich ist.

Auch wenn die Protzbauten dazwischen hervorstechen, hat sich da doch mal der Volkswille durchgesetzt. Das war aber lange nach Fertigstellung dieses Films. Ein spätes Happy End, immerhin.

Zoo Palast, 5. November, 20 Uhr in Anwesenheit der Filmemacher Karin Kaper und Dirk Szuszies. Tickets gibt es hier.