Dass die Biografie der somalischen Athletin Samia Yusuf Omar Stoff für Romantisierung im Buch wie im Kino bietet, liegt auf der Hand. Zum einen erfüllt ihre Karriere mit Anfängen in den Slums von Mogadischu bis zur Teilnahme an den Olympischen Spielen 2008 in Peking das Bedürfnis nach Inspirationsgeschichten, die suggerieren, dass alles möglich ist, wenn man es nur stark genug will. Zum anderen macht es ihr tragisches Schicksal als Flüchtende auf dem Mittelmeer möglich, ein konkretes Gesicht einzusetzen, wo sonst nur eine anonyme Zahl steht.

Der Vater stirbt mit den Laufschuhen für die Tochter in der Hand

Doch „Samia“, in dem die deutsche Regisseurin Yasemin Şamdereli den Yusuf gewidmeten Roman von Giuseppe Catozzella verfilmt hat, belegt vor allem, wie schwer es ist, bei einem solchen Stoff Klischees zu vermeiden. Der Film beginnt mit Eckdaten der somalischen Geschichte: 1960 unabhängig geworden, seit dem Putsch 1969 von Diktator Siad Barre beherrscht und nach dessen Sturz 1989 von Bürgerkriegen gezeichnet.

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Danach verengt der Film seinen Fokus beträchtlich, indem er sich dem Aufwachsen der 1991 geborenen Samia widmet, die ihr Lauftalent schon als Zehnjährige an den Tag legt, wenn sie mit ihrem Cousin um die Wette in die Schule rennt.

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Ihre Lebensumstände imaginiert der Film als ärmlich, aber herzlich: Samia hat Eltern, die sich noch verliebt zublinzeln in Erinnerung daran, wie „fortschrittlich“ Somalia einmal war, denn auch Samias Mutter trieb früher Sport. Ihr Vater ist ein gütiger Mann, der nicht nur Samias Laufehrgeiz unterstützt, sondern auch ihren Willen nach Unabhängigkeit. Und dann wird er genau an jenem Tag Opfer eines Bombenattentats, an dem er für Samia endlich die ersehnten Laufschuhe erstand – er stirbt mit den Schuhen in den Händen.

Der Film behauptet viel, zeigt es aber nicht schlüssig

Die Szene ist typisch für einen Film, der dem Potenzial seiner eigenen Geschichte nicht vertraut und daher die berührenden Momente unnötig überzeichnet. Der Figurenentwicklung und den Alltagsdetails wird dagegen zu wenig Platz eingeräumt. Dass aus dem barfuß laufenden Mädchen, die im zunehmend fundamentalistischer werdenden Somalia nur unter Missbilligung trainieren kann, schließlich die fahnentragende Olympionikin ihres Landes wird, behauptet der Film zwar, die schlüssige Entwicklung gelingt ihm aber nicht.

Ähnliches gilt auch für die Fluchtszenen, die die Rahmengeschichte des Films bilden, aber den hinlänglich bekannten Bildern nichts Neues hinzufügen.

Drama, D/B/I/S 2023, 102 min., von Yasemin Şamdereli, mit Ilham Mohamed Osman, Elmi Rashid Elmi, Riyan Roble