Ruhm ist vergänglich. Vor allem der eines weiblichen Stars. Das zeigt der Film „The Substance“, der am 19. September ins Kino kommt, gleich eingangs in einer vielsagenden Sequenz. Da wird auf dem Walk of Fame ein neuer Stern eingeweiht, man sieht Paparazzi und Schaulustige. Aber später laufen, im Zeitraffer, Passanten achtlos über den Stern, lassen auch mal was fallen, was sich dort festsetzt.

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Und der anfangs funkelnde Stern verblasst langsam und bekommt erste Risse. Mit wenigen Einstellungen nimmt Coralie Fargeat da schon ihren ganzen Film vorweg. In dem sie das Ganze, was im Eiltempo mit dem Stern geschieht, nochmal in schmerzvoller Länge und Ausführlichkeit am Schicksal einer Berühmtheit nachexerziert.

Wilde Mischung aus „Der Tod steht ihr gut“ und „Das Bildnis des Dorian Gray“

Und der Film lebt ganz davon, dass Demi Moore, einst selbst Beauty-Ikone und Topstar von Hollywood, die Hauptrolle spielt. Und irgendwie auch den Fluch ihrer Karriere. Allein das macht diesen Film zu einem echten, atemberaubenden Ereignis. Denn immer wieder steht Demi Moore leitmotivisch vor dem Spiegel, wie die böse Hexe in Schneewittchen.

Wer ist die Schönste im ganzen Land? Den Spruch muss sie gar nicht aussprechen, ihre ganze Gestik und Mimik drücken ihn aus. Bis Tränen ihre Wimperntusche verschmieren und sie sich aus Wut die Schminke im ganzen Gesicht verwischt. Als wolle sie sich selbst durchstreichen.

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Ruhm ist vergänglich. Gerade noch ist Moore als Elizabeth Sparkle die Vorturnerin der Nation, die mit ihrer Aerobic-TV-Sendung „Sparkle Your Life“ (Bring dein Leben zum Strahlen) den Hausfrauen vor der Glotze zeigt, wie sie jung und fit bleiben. Da serviert ihr TV-Produzent Harvey (Dennis Quaid) kühl ab. Nach dem Motto: Alle sehnen sich nach was Jüngerem.

Der Film ist nichts für Zartbesaitete. Aber das ist Altern ja auch nicht

Aber da wird Liz ein geheimnisvoller Stick anvertraut, der für eine neuartige Substanz wirbt. Eine Injektion, die nicht einfach jünger macht, wie man das aus dem Filmklassiker „Der Tod steht ihr gut“ kennt. Oder anstelle des Körpers ein Ölbild altern lässt wie weiland bei Oscars Wildes „Bildnis des Dorian Gray“.

Nein, „The Substance“ geht da drastisch in Richtung Body Horror. Die DNA des Körpers erschafft sich ein zweites, jüngeres Ich, das im alten Körper heranwächst und aus ihm herausplatzt wie in einem „Alien“-Film. Was der Film auch mit schockartigen Momenten weidlich ausschlachtet. Das ist nichts für Zartbesaitete. Aber das ist Altwerden ja bekanntlich auch nicht.

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THE SUBSTANCE
Ekelmoment: Sue platzt aus dem Rücken von Liz - und muss die wieder zusammennähen. © Mubi | Mubi

Fortan gibt es eine jüngere Frischfleisch-Version namens Sue, für die Demi Moore nicht etwa, wie Robert De Niro in Scorseses „The Irishman“, digital verjüngt wurde. Sie wird vielmehr gespielt von der Newcomerin Margaret Qualley (aus „Drive-Away Dolls“), die mit 29 gerade mal halb so alt ist wie die 61-jährige Moore.

Während die Hülle von Liz leblos im Badezimmer auf kalten Fliesen liegt, bewirbt sich die junge Sue für die freigewordene Stelle von Liz‘ Sendung. Mit strahlendem Lächeln, jugendlicher Unbekümmertheit und knappem Glitzeroutfit. Und der aasige Harvey engagiert sie sofort und baut sie zu „seinem“ neuen Star auf.

Zwei Seiten derselben Medaille, die sich doch bekämpfen

Eine schräge Satire auf den allerorten grassierenden Schönheits- und Jugendwahn. Denn wie bei „Dorian Gray“ und „Der Tod steht ihr gut“ hat die neue Jugendlichkeit ihren Preis. Und einen Haken. Die zwei Versionen desselben Ichs müssen stets im Gleichgewicht bleiben, sieben Tage lang darf Sue Sue sein, dann fällt sie in Tiefschlaf. Dann erwacht Liz für sieben Tage. Und muss erkennen, das direkt vor dem Fenster ihres Luxuslofts ein Riesenplakat von ihr gegen das der jungen Sue ausgetauscht wurde.

Sue feiert auch, wie die Jugend das halt tut, unbekümmert und zügellos. Und Liz muss danach wie ihre Mutti die verwahrloste Wohnung wieder aufräumen. Vor allem aber nimmt Sue Drogen und Alkohol, was dem älteren Ich zusetzt. Sue überzieht auch die Fristen gern. Weshalb Liz plötzlich älter und grauer wird und sogar ein Finger fault.

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Wiedergeburt: Margaret Qualley als Sue, das jüngere Ich von Liz, das noch hinter ihr an der Wand hängt.
Wiedergeburt: Margaret Qualley als Sue, das jüngere Ich von Liz, das noch hinter ihr an der Wand hängt. © Mubi | Mubi

Liz rächt sich, indem sie an ihren Tagen das tut, was sie sich ein Leben lang versagt hat: kulinarische Köstlichkeiten. Was sich dann wieder auf den Körper der Jüngeren auswirkt. Bis es zum offenen Kampf der beiden Frauen kommt, die doch nur zwei Seiten derselben Medaille sind.

Was für eine Performace: Für Demi Moore ist das die Rolle ihres Lebens

Der Horror wirkt umso stärker, da der Film in edelsten Luxuskulissen spielt und selbst wie ein Werbefilm gefilmt ist. Und das wirkt vor allem durch den Star des Films, Demi Moore, die einst selbst ihren Körper stählte von der Selbstoptimierung bis zur Selbstverleugnung wie im Militärfilm „G.I. Jane“. Und deren Karriere, wie die so vieler Frauen, jäh stagnierte, als sie in das „gewisse Alter“ kam, wie man erste Falten gern euphemistisch umschreibt.

Hier zeigt sich Moore nackt und ungeschminkt. Im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Diese schonungslose Selbst-Demontage ist ohne Frage ein mutiger Akt. Und was für eine Performance! Die Rolle ihres Lebens.

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Auch Dennis Quaid glänzt mit einer aasigen Satire auf den alten weißen Mann.
Auch Dennis Quaid glänzt mit einer aasigen Satire auf den alten weißen Mann. © Mubi | Mubi

Schade nur, dass Regisseurin Fargeat, auch wenn sie in Cannes den Preis für das beste Drehbuch gewann, nicht noch beherzt einen Schritt weitergeht. Nie vereinen sich die beiden so ungleichen Egos derselben Frau und bekämpfen die, die sie erst zum Lustobjekt degradiert haben: die alten weißen toxischen Männer, die die Welt der Medien und der Bilder bestimmen. Und die Dennis Quaid mit einer nicht weniger grandiosen aasig-zynischen Performance personifiziert.

Am Ende gibt es doch nur wieder das Klischee vom Zickenkrieg

Doch leider verlässt der Film nie die Grenzen seines Genres, bleibt ganz dem Body Horror behaftet und treibt das bis zum wüsten finalen Ekel-Exzess. Anstatt wie Sue aus einem anderen Korpus herauszuplatzen und zu etwas ganz Eigenem zu mutieren: einem Rachedrama aufs Patriarchat, wie Fargeats Regieerstling „Revenge“.

Nein, am Ende liefert „The Substance“, wenn auch drastisch überhöht, nur das, woran sich lüsterne Männer gern delektieren: Frauen als Madonnen oder Monster. Und weiblichen Zickenkrieg. So bleibt die ganze Kritik des Films am Ende doch seltsam – substanzlos.

Satire, USA 2024, 140 min., von Coralie Fargeat, mit Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid