Dass das mit den beiden nicht einfach wird, ist von Anfang an klar. Die Tochter, die mit einer früheren Flug in Warschau gelandet ist, wartet auf ihren Vater aus New York. Und hat ihre gemeinsame Weiterreise mit dem Zug penibel geplant. Der Vater aber verplaudert sich schon beim Aussteigen mit Fremden. Und will dann lieber Taxi fahren, quer durch Polen.

Eine Tochter will das Schweigen ihrer Eltern brechen

Es ist keine Urlaubsreise, die sie antreten. 1991, kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, will die US-Journalistin Ruth (Lena Durham) mit ihrem Vater Edek (Stephen Fry) zurück in seine Heimat, die er 40 Jahre lang nicht gesehen hat.

Nach Lodz, wo er geboren, und nach Auschwitz, wohin er deportiert wurde. Ein Leben lang haben ihre jüdischen Eltern über ihre Vergangenheit geschwiegen. Jetzt, nach dem Tod der Mutter, will die Tochter endlich Klarheit und sich durch die Reise dem Vater nähern.

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Sie will die Wahrheit erzwingen, er will sie weiter verdrängen. Edek flirtet lieber, so kurz nach seinem großen Verlust. Frönt überhaupt dem Leben. Und rührt an alte Wunden: Warum Ruth ihren Freund verlassen, warum sie keine Kinder hat, und warum sie nichts isst? Womit er ihre Essstörung erst befeuert. Der ständige Höllenkreis namens Familie.

Ein Vater-Tochter-Konflikt schwelt mitten in der Fremde

Mit ihrer ersten internationalen Produktion „Treasure -Familie ist ein fremdes Land“ hat die deutsche Regisseurin Julia von Heinz Lily Bretts Weltbestseller „Zu viele Männer“ verfilmt. Und greift ein Thema auf, das seltsamerweise kaum filmisch verarbeitet wird: das Trauma der sogenannten Zweiten Generation. Kinder von Holocaust-Überlebenden, deren Eltern ein Leben lang das Grauen verschwiegen, das sie erleben mussten. Eine Leerstelle, die als geerbtes Trauma um so nachhaltiger wirkte.

Ruth und Edek stehen exemplarisch für diesen Konflikt. Julia von Heinz hat mit ihrem Ko-Drehbuchautor und Ehemann John Quester den dickleibigen Roman radikal verschlankt und etliche Nebenfiguren und -handlungen gestrichen, um sich ganz auf das dysfunktionale Vater-Tochter-Paar zu fokussieren. Das mitten in der Fremde, in der noch überall der Sozialismus real grau existiert, erst erkennt, wie fremd es sich ist und immer war.

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Die Tochter wollte mit dem Zug reisen. Der Vater nimmt lieber ein Taxi. Und verbrüdert sich mit dem Fahrer (Zbigniew Zamachowski).
Die Tochter wollte mit dem Zug reisen. Der Vater nimmt lieber ein Taxi. Und verbrüdert sich mit dem Fahrer (Zbigniew Zamachowski).© Alamode Film | Seven Elelphants

Aber wie so oft im Roadmovie ist auch diese Reise eine zu sich selbst. Bei der der Tochter dämmert, wieso der Vater nach der Deportation nie wieder in einen Zug steigen will. Und er an einer Stelle, wo sie es schon nicht mehr glaubt, dann doch das Schweigen bricht

Gerade in diesen Tagen ein wichtiger und zwingender Film

Ein starkes Drama, das die Regisseurin stilsicher mal mit komischen Szenen, dann wieder mit dokumentarischer Distanz angeht, wobei sie nie in Kitsch verfällt und stets die Würde ihrer Figuren wahrt. Gerade in diesen Tagen, in denen der Antisemitismus wieder erschreckend zunimmt, ein wichtiger und zwingender Film.

Drama, Frankreich/Deutschland/Polen/USA 2024, 110 min., von Julia von Heinz, mit Lena Dunham, Stephen Fry, Zbigniew Zamachowski