Nein, das kann er doch nicht tun! Gleich in der ersten halben Stunde dieses Westerns muss ein Teenager, der gerade noch einem von Gleichaltrigen als Memme gehänselt wurde, sich mit seiner Familie und einigen Nachbarn in einem Blockhaus verrammeln. Wo sie ihr Leben gegen angreifende Indianer verteidigen. Mutter Frances (Sienna Miller) rettet sich mit ihrer Tochter in einen Geheimstollen hinterm Keller.

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Auch Sohn Nathaniel soll ihr folgen. Doch der will lieber an der Seite seines Vaters kämpfen. Im sicheren Wissen, dass er das nicht überleben wird. Es ist eine herzergreifende Szene. Wie auch die, als Mutter und Tochter später vor den Leichen ihrer Angehörigen stehen. Und das wird noch ergreifender, wenn man weiß, dass die Rolle des jugendlichen Opfers von Hayes Costner gespielt wurde, dem Sohn von Regisseur Kevin Costner.
Sei 30 Jahren träumte Kevin Costner von der Realisierung dieser Saga
Eigentlich ist das noch immer eines der letzten Tabus im Kino: Kinder sterben zu lassen. Costner tut es gleich doppelt. Denn ganz am Anfang seines Films beobachten zwei indigene Jungen, wie ein Siedler mit seinem kleinen Sohn mitten in der Prärie ein Stück Land vermisst und umzäunt. Was tun die da?, staunen die Indigenen. Wenig später liegen Vater und Sohn tot auf ihrer noch unbestellten Scholle.
Es geht in Costners Epos „Horizon – Eine amerikanische Saga“, der jetzt in die deutschen Kinos kommt, um den Blutzoll, den die ersten Siedler leisten mussten, als sie in den weiten Westen zogen. Und wie um das zu betonen, hat Costner dafür seinen eigenen Sohn mitspielen lassen (den er eigentlich nur bei sich am Set haben wollte).
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Der Western ist das amerikanischste aller Filmgenres, heißt es immer. Immer wieder heißt es aber auch, der Western ist tot. Und alles, was in der Richtung noch gedreht wird, sind nur noch Post-Western und Abgesänge. Tatsächlich ist der Mythos vom aufrechten Cowboy à la Duke John Wayne und der vom letzten aller Derivate, wo Männer noch Männer sein dürfen, mehr als ramponiert. Sind diese Mythen längst als Legenden bloßgestellt und entzaubert.
Interessant wird das verstaubte Genre nur noch durch ganz neue Ansätze, wie der von Martin Scorsese in „Killers of the Flower Moon“ oder, vor gerade erst vor zwei Wochen gestartet, „The Dead Don’t Hurt“, in dem Viggo Mortensen erzählt, wie eine Frau ihren Mann steht, auch und gerade, als der Mann in den Krieg zieht und sie sich allein gegen lüsterne Männer behaupten muss.
Der Erfolg der Serie „Yellowstone“ ermöglichte es Costner, sein Projekt anzugehen
Costner, das muss man ihm zugutehalten, hat schon früh damit begonnen, den Western aufzumischen und die Gründungsmythen umzudeuten. In seinem bis heute erfolgreichsten Film „Der mit dem Wolf tanzt“, sein mit sieben Oscars ausgezeichnetes Regiedebüt von 1990, zeichnete er ein anderes, differenziertes Bild, auch im Ungang mit denIndigenen.
Noch bevor er diesen Film inszenierte, hatte er bereits die Idee zu seiner „Horizon“-Saga im Kopf. Doch 30 Jahre lang konnte er das nie realisieren. Bis dem Alt-Star mit der preisgekrönten Westernserie „Yellowstone“ ein fulminantes Comeback gelang. Und er mit diesem Erfolg im Rücken doch noch sein Wunschprojekt in Angriff nehmen konnte.
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Ein weit angelegtes Epos mit vielen zerrissenen Figuren, Siedlern und Indigenen, Soldaten und Zivilisten, Geschäftsleute und Hasardeure, die sich alle erst mal an verschiedenen Orten ihren Platz in der Welt erkämpfen müssen. Wobei immer wieder Familien auseinandergerissen werden. Mutter Frances etwa, die sich fortan allein mit ihrer Tochter durchschlagen muss.
Oder eine andere Mutter (Jena Malone), die mit ihrem Baby vor ihrem gewalttätigen Mann flieht, aber von seinem mächtigen Clan aufgespürt wird. Weshalb ihr Baby bei der Prostituierten Marigold (Abbey Lee) landet. Und bei dem Desperado Hayes (Costner selbst in einer der Hauptrollen), den Marigold eben noch um Schutz gebeten hat, aber dann damit alleine lässt. Die Pioniertage der USA, ein kollektives Trauma voller verwaister, verlustig gegangener Menschen.
Ein Epos, das Trumps Abschottungspolitik hinterfragt
Dabei ehrt es Costner, die unterschiedlichsten Perspektiven einzunehmen. Auch die von Frauen, die in diesem Genre traditionell eher vernachlässigt werden. Aber auch, einmal mehr, die der Ureinwohner. Ja, es gibt welche, die die Siedler überfallen und ganze Ortschaften niederbrennen. Aber es gibt auch den Häuptling, der davor warnt, dass damit nur noch mehr Unheil über ihren Stamm kommt.
Und die indigenen Brüder, die anfangs den Siedler beobachtet haben, sie entzweien sich über diese Frage. Der eine bleibt beim Vater, der andere will sein Land gegen die Siedler verteidigen. Der Blutzoll macht vor niemandem Halt. Es gibt auch einen friedvollen Kapitän der Kavallerie (Sam Worthington), der betont, dass nur wenige Indianer die Siedlung überfallen hätten und nicht der ganze Stamm. Aber seine Stimme verhallt.
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„Horizon“ ist ein Epos, dass die heutige Abschottungs-Politik von Donald Trump und Mauerbauträumen an der mexikanischen Grenze auf den Kopf stellt. Amerika den Amerikanern? Es waren doch sie, die den Ureinwohnern ihr Land geraubt haben! Und wie ein Leitmotiv ziehen sich Handzettel durch den Film, die dafür werben, ihr Glück in einer Stadt zu machen, die erst noch errichtet werden muss: Horizon.
„Chapter 1“ hört einfach auf, dann heißt es elf Wochen warten
Costner legt seine Saga in einem groß angelegten Kaleidoskop an, für das er Stars wie Sienna Miller, Sam Worthington oder Luke Wilson und Native Americans wie Owen Crow Shoe gewinnen konnte. Ein gewaltiges Puzzle von Einzelschicksalen. Doch kaum gibt es erste Überschneidungen der Handlungsstränge, ist der Film auch schon zu Ende. Denn obwohl drei Stunden lang, ist er nur der erste von vier geplanten Kinofilmen.
Insgesamt zwölf Stunden also, in denen zwölf Jahre der Besiedlungszeit Mitte des 19. Jahrhunderts aufgefächert werden sollen, zwölf Stunden, die wie eine typische Streaming-Serie, wie etwa auch „Yellowstone“, funktionieren. Die Costner aber, als einer der letzten großen Kinostars, unbedingt ins Kino wuchten, auf großer Leinwand entfalten will. Auch wenn die einzelnen Teile nicht in sich geschlossen sind, sondern „Chapter 1“ einfach aufhört, mit einer rund siebenminütigen Montage am Ende, was als Nächstes passieren wird.
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Aber wird es passieren? Teil Zwei ist schon abgedreht, aber nachdem Teil Eins am 28. Juli in den USA startete und eher floppte, hat der Verleih den für 16. August geplanten Start des zweiten Teils ausgesetzt. „Chapter 2“ hat jetzt erst mal Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig (nachdem „Chapter 1“ in Cannes zu sehen war), in Deutschland zumindest wird der zweite Teil am 7. November folgen. Aber werden „Chapter 3“ und „4“ überhaupt noch gedreht, nachdem der US-Verleih kalte Füße bekommen hat? Kann Costner seinen Lebenstraum je vollenden? Oder bleibt „Horizon“ am Ende Fragment?
Einer glaubt fest an die Vollendung dieser Saga: Costner selbst
Die Saga ist auf jeden Fall ein Testballon. Ein Test dafür, ob Serien, die von Aneinanderreihung und Binge-Watching leben, auch aufgeteilt im Kino funktionieren könnten. Wird man sich in elf Wochen noch an die vielen Episoden, Figuren und Details aus Teil Eins erinnern? Oder muss man dafür „Chapter 1“ gleich noch einmal schauen?
Und wird die Saga überhaupt weitgehen, werden die vielen Erzählstränge je zusammen und an ein Ende kommen? Oder werden auch sie ein Bringopfer werden? Das ist noch nicht abzusehen. Einer glaubt aber unbedingt daran: Costner selbst. Er hat, aus eigenen Mitteln, schon mal erste Szenen für „Chapter 3“ gedreht. Aus eigener Tasche. Um auch am Ende des zweiten Teils einen Vorgeschmack auf den dritten geben können.
Western, USA 2024, 181 min., von Kevin Costner, mit Sienna Miller, Sam Worthington, JEna Malon, Abbey Lee, Kevin Costner, Danny Huston, Luke Wilson.





