Eine Opernsängerin erwacht im Leichenschauhaus. Sie liegt im Dunkeln, in einer der Schubladen. Und keiner hört ihr Rufen. Also macht sie, was sie am besten kann: Sie singt in den höchsten Tönen. Lebendig begraben oder doch dem Tod schon anheimgegeben, das ist eine menschliche Urangst. Im Film „Paris Paradies“ ist es eine von mehreren Episoden, die sich im weitesten Sinn mit den letzten und allerletzten Dingen im Leben befassen: dem Abschiednehmen, dem Gehenmüssen, dem Nichtgehenwollen.

Nahtod-Erfahrungen und die Arbeit mit Leichen

Da ist besagte Opernsängerin (Monica Bellucci), die doch noch gefunden wird und dann mit Lust die Nachrufe auf sie lesen will, aber keine findet. Sie ist schon zu Lebzeiten vergessen und stirbt darüber fast noch ein zweites Mal. Da ist ein Barmann (Alex Lutz), der seit fünf Jahren um seine große Liebe trauert.

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Ein Stuntman (Ben Aldrige), der jeden Tag sein Leben aufs Spiel setzt, aber in eine Krise stürzt, als sein Sohn einen Verkehrsunfall nur knapp überlebt. Ein schwuler Visagist (Gwendal Marimoutou), der seinen Job in einem Beerdigungsinstitut verliert, weil er die falsche Leiche geschminkt, und so bei einer Filmproduktion landet, als Maskenbildner von Lebenden.

Da ist auch eine kettenrauchende Oma (Rossy de Palma), die alles tut, um ihrem verstorbenen Mann zu einem bestimmten Zeitpunkt zu folgen, und am Ende doch einen neuen Deal mit Gott abschließen will. Und da ist ein Fernsehstar (André Dussollier), der Makabres mitten aus der Metropole vorstellt, bis er eines Tages eine Diagnose erhält, die seine Karriere bald beenden wird.

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PARIS PARADIES
Böses Erwachen: Die Operndiva (Monica Bellucci) muss erkennen, dass sie schon zu Lebzeiten vergessen ist. © Studiocanal | Christophe Offret

Paris ist bekanntlich die Stadt der Liebe. Derzeit auch die des Sports. Mit dem Tod würde man sie dagegen nicht in Verbindung bringen. Das aber ist das freche Konzept der iranischen Regisseurin und Comic-Zeichnerin Marjane Satrapi („Persepolis“), die seit langem an der Seine wohnt und ihrer Stadt einmal ein anderes Denkmal setzt als gewöhnlich. Womit „Paris Paradies“ sich auch erfreulich abhebt von den seelenlosen „Cities of Love“-Filmkompilationen, die es in den letzten Jahren bereits über New York, Berlin und eben auch Paris gab.

Lauter Episoden, die nebeneinander laufen oder sich auch kreuzen

Der Tod ist hier das bindende Element von lauter kleinen Episoden, die einander auch kreuzen, ohne dass die einen dabei immer das Drama der anderen erahnen. Oft laufen sie einfach aneinander vorbei, sitzen in Bar des Barmanns oder schauen die Sendung des Moderators.

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PARIS PARADIES
Schräge Bekanntschaft: Der schwule Maskenbildner (Gwendal Marimoutou) verliebt sich in den Stuntman (Ben Aldrige).© Studiocanal | Christophe Offret

Eine eigene Erfahrung hat Satrapi dazu bewogen, in ihrer Stadt ein Loblied auf die Lebensfreude anzustimmen – im Angesicht des Todes. Das tut sie in den verschiedensten Tonlagen, auch in unterschiedlichen Sprachen, mit Stars aus mehreren Ländern. Und das gelingt ihr weitestgehend sehr unterhaltend. Ohne dabei in Kitsch zu verfallen, ist das zuweilen sogar tiefgründig, wenn es um das bekannte Carpe-Diem-Credo geht. Also die Botsdchaft, so zu leben, dass man jeden Tag bewusst nutzt.

Eine der Geschichten passt leider gar nicht in diesen Reigen

Aber wie so oft bei solchen Episodenfilmen gibt es stärkere und schwächere Geschichten. Einige sind vorhersehber. Und was so gar nicht passen mag in diesen rabenschwarzen Reigen, ist die Geschichte des Teenie-Mädchens, das schon mehrere Suizidversuche hinter sich hat und just, als sie von einer Brücke springen will, von einem Perversen entführt wird – was ungeahnte Lebensgeister in ihr weckt. Das soll komisch sein. Doch darüber mag man einfach nicht lachen.

Episodenfilm, Frankreich 2024, 110 min., von Marjane Satrapi, mit Monica Bellucci, André Dussollier, Rossy de Palma, Ben Aldridge