Zwei einsame Herzen finden spät noch einmal zueinander und erleben den vielleicht glücklichsten Tag ihres Lebens. Das ist an sich schon ein Stoff, der jeden berühren muss. Erst recht aber, wenn der Film aus dem Iran kommt. Ein Land, in dem ein älteres Paar nicht nur gegen Einsamkeit und die eigene Scheu zu kämpfen hat, sondern auch mit dem Sittenkodex des Regimes. Und neugierigen Nachbarn, die das vertreten.

Auf der Berlinale ging der Film leer aus - ein Skandal

Genau davon handelt „Ein kleines Stück vom Kuchen“, einer der schönsten Filme des Jahres, der im Februar auf der Berlinale seine Weltpremiere feierte, das Festival vor der Bedeutungslosigkeit rettete und am Ende trotzdem keinen einzigen Bären gewann, was nichts weniger als ein Skandal ist.

Denn der Film, der dritte, den das Filmemacherpaar Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha („Ballade von der weißen Kuh“) gemeinsam gedreht hat, hat alles, was ein Festivalfilm braucht und das Cineastenherz betört. Erzählt wird eine eigentlich kleine Geschichte, an einem einzigen Tag. Und doch wird nebenbei noch ganz viel anderes erzählt. Über das Land, in dem das spielt.

Mehr zum Thema: Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha über ihren Film

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Die 70-jährige Mahin (Lily Farhadpour) ist seit 30 Jahren Witwe. Ihre Kinder leben wegen des Mullah-Regimes seit langem im Ausland. Ihre wenigen Freundinnen trifft sie nur noch selten. Sie lebt so, wie die Mullahs Witwen gern haben wollen: unauffällig und zurückgezogen. Aber unglücklich.

Als Zuschauer verliebt man sich in diese Neuverliebten

Bis sie sich doch noch einen Ruck gibt. Wieder ausgeht. Im Restaurant fremde Männer belauscht. Und einem von ihnen, der, wie sie gehört hat, auch seit langem allein lebt, folgt. Faramarz (Esmaeel Mehrabi) ist Taxifahrer, also lässt sie sich von ihm heimfahren. Lädt ihn dann, alle Schüchternheit überwindend, ein, mit in ihr Haus zu kommen. Was der überraschend annimmt.

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Dabei verstoßen sie so ziemlich gegen alle Verbote der Sittenpolizei. Trinken auch noch verbotenen Wein. Und belügen die missmutige Nachbarin. Als Zuschauer verliebt man sich in diese Frischverliebten. Aber kann ihnen wirklich ein Happy End beschieden sein? Das fragt man sich besorgt.

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Photocall 'My Favourite Cake', Berlinale 2024
Zur Berlinale mussten Esmaeel Mehrabi und Lily Farhadpour ohne ihre Regisseure kommen. Gedachten ihrer aber gleichwohl. © picture alliance / Geisler-Fotopress | Snapshot/K.M. Krause/Geisler-Fot

Zur Berlinale durften die Filmemacher nicht anreisen. Wegen ihres heimlich gedrehten Films wurden sie angeklagt. Und wenn man ihn anschaut, weiß man, wovor die Mullahs solche Angst haben: Es sind lauter kleine Momente, wenn alte Menschen davon schwärmen, wie frei sie waren, als es noch keine Diktatur gab, und jüngere sie darum beneiden, dass sie das noch erlebt haben.

Ein komisch-trauriger Film mit einem klaren, mutigen Appell

Einmal rettet Mahin sogar ein Mädchen, dessen Kopftuch nicht vorschriftsmäßig sitzt, vor der Verhaftung durch Sittenwächter. Ein beherztes Einschreiten, bei der die alte Frau der jungen rät, mutiger zu sein und sich nicht alles gefallen zu lassen. Ein Appell, den dieser komisch-traurige Film nicht weniger mutig postuliert.

Tragikomödie, Iran/D/S 2024, 90 min., von Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha, mit Lily Farhadpour, Esmaeel Mehrabi