Jetzt wird sie auch noch mit Sissi verglichen! Aber deren Beliebtheit, ja Kultrang wird die CDU-Politikerin wohl nicht mehr erreichen. Insofern ist der Titel „Angela Merkel. Schicksalsjahre einer Kanzlerin“ ein wenig seltsam gewählt für die fünfteilige rbb-Dokuserie, die zum 70. Geburtstag der Ex-Kanzlerin produziert wurde. Aber doch auch sinnig.
„Schicksalsjahre einer Kanzlerin“: Vielschichtige und nicht unkritische Doku
Das kann man ab 8. Juli sehen, wenn die Serie in der ARD-Mediathek abrufbar ist. Und davon konnte man sich auch bereits am 4. Juli in der Dachlounge des RBB im 14. Stock, hoch über den Wolken, überzeugen. Da gab es, wie an anderen Tagen König Fußball, die Kanzlerin als Public-Viewing. Zwischen Chili- und Currywurst-Geruch. Mag Frau Merkel eigentlich Currywurst?
Die Doku-Serie - von der eine gekürzte Fassung zwei Tage vor Merkels 70., am 17. Juli, im Ersten ausgestrahlt wird - war keine leichte Aufgabe. Und alle ARD-Sender haben sie denn auch gemeinsam gestemmt. Galt es doch, 16 Jahre Kanzlerschaft aufzuarbeiten. Und 31 Jahre Bundestagsmandat. Regisseur und Autor Tim Ewers löste die Aufgabe auf zweierlei Art.
Lesen Sie auch: Robert Stadlober über seinen neuen Film: „Goebbels ist eine Monsterrolle“

Indem er fleißig aus all den Nachrichten, Interviews und Bundestagsmitschnitten die wenigen Passagen, in denen Merkel von sich selber spricht, zusammengetragen hat. Und dies zugleich kommentieren lässt von Weggefährten wie Annegret Kramp-Karrenbauer oder Thomas de Maizière, die Merkel-Biografin Evelyn Roll, Journalisten, die sie begleitet haben, aber auch Kritikern wie der Influencer LeFloid oder die Klimaschutzaktivistin Carola Reemtsma.
So entsteht ein sehr vielschichtiges und nicht unkritisches Porträt über jene Frau, der man anfangs nichts zutraute, weil sie eine Frau war und aus dem Osten kam. Und deren größte Waffe es laut de Maizière immer war, dass alle sie unterschätzten. Die als „Kohls Mädchen“ belächelt wurde und anfangs in ihrer Partei völlig isoliert war. Aber sich dann als Krisenkanzlerin bewährte, zu „Angie“ und der Rauten-„Mutti“ wurde. Bis sie am Ende, als „Eiskönigin“ gehandelt, wieder ganz isoliert war in ihrer Partei.
Angela Merkel: Von „Kohls Mädchen“ über „Mutti“ bis zur „Eiskönigin“
Immer wieder gibt es bei der Vorführung in der Dachlounge Schmunzler, oft auch Erstaunen über Momente, die man schon vergessen hat. Es ist schon interessant, wenn man diese Karriere der ersten Kanzlerin der Bundesrepublik so im Schnellverfahren noch mal erlebt, wie sehr sich die Porträtierte im Lauf der Jahre gewandelt hat. Wie sie sich immer mehr in einen Panzer zurückzog „wie eine Schildkröte“ und nur ab und an daraus hervorlugte, so Roll. Und am Ende nur noch müde scheint.
Lesen Sie auch: Die komplette „Lindenstraße“ im Stream: 897 Stunden schiefer Haussegen

Influencer LeFloid, der die CDU erst „zerstören“ wollte und daraufhin die Kanzlerin exklusiv interviewen durfte, stöhnt, wie er vergeblich versuchte, sie aus der Reserve zu locken. Aber wieso sollte ausgerechnet ihm gelingen, woran sich selbst gestandene Medienexperten die Zähne ausgebissen hatten?
„Sie kennen mich“, lautete ihr letztes Wahlmotto. Aber kannte man sie wirklich? Diese Frage stellt die Doku. Und darüber diskutierte RBB-Moderatorin Angela Ulrich nach der Vorführung auch mit CDU-Politiker Thomas Heilmann, der irischen Journalistin Judy Dempsey und dem Filmregisseur Ewers über das Phänomen Merkel. Und auch letzterer, der sich doch durch all dies Material durcharbeiten, meint am Ende: „Sie hat uns 16 Jahre regiert. Und trotzdem kriegt man sie nicht zu greifen.“

Donnerstag
Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
„Angela Merkel – Schicksalsjahre einer Kanzlerin: 5 Folgen à 30 min. ab 8.7., 10 Uhr in der ARD-Mediathek. Ausstrahlung (90 min.) am 15.7., ARD, 22.30 Uhr





