Weihnachten und Rap-Musik, Besinnlichkeit und Sido passen auf den ersten Blick ungefähr so gut zusammen wie Weihnachten und Palmen. Doch als der samt-rote Vorhang in der Columbiahalle am Dienstag langsam die Bühne lichtet, wird das Publikum eines Besseren belehrt: Betont lässig sitzt Sido, bürgerlich Paul Würdig, im weißen Pyjama auf einer großen Couch und singt umgeben von blinkenden Lichterketten und Tannenzweigen „Weihnachtszeit, Weihnachtszeit / sag allen Bescheid / Dass Sido kommt und n‘ Sack bei hat / Geschenke verteilt, hey“
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Alles klar, haben wir alle kapiert, Weihnachten und Sido passen also doch zusammen. Wobei das für die meisten Fans inzwischen auch nichts Neues mehr sein dürfte, schließlich spielt der gebürtige Berliner seine Weihnachtsshow alle Jahre wieder und läutet die besinnliche Weihnachtszeit in diesem Jahr sogar gleich zehnmal in Berlin ein.
Sido in Berlin: Blinkende Weihnachtsmützen und aufgeheizte Stimmung
„Das scheint hier ne Institution zu werden“, begrüßt Sido bei der ersten der zehn ausverkauften Shows das bunt gemischte Publikum. Während er seinen Blick über die ausverkaufte Columbiahalle streifen lässt, stellt er fest, dass „auch sehr viele alte Menschen hier sind“ und spielt als nächstes daher die älteren Tracks „Fuffies im Club“ und „Augen auf!“. Die Lichter einiger Weihnachtsmützen der Fans blinken im Takt mit den blauen Bühnenlichtern und obligatorisch werden die Arme in die Höhe gehoben und im Takt bewegt.
Ob die Stimmung wirklich weihnachtlich ist, darüber lässt sich streiten, aber aufgeheizt und mitreißend, das ist sie allemal. Zu den clubbigen Beats und melodischen Lines „Lass uns leben vor dem Tod / so richtig übertreiben/ Lass uns leben vor dem Tod / Wir haben doch nur das eine“ wird getanzt was das Zeug hält – soweit das in der stickigen und proppenvollen Columbiahalle denn möglich ist.

Bei Sidos Weihnachtshow dürfen klassische Weihnachtslieder nicht fehlen
„Ich ruf es nach oben, der Himmel soll warten / Denn ich hab noch was vor / der Himmel muss warten“, stimmt Sido ohne Unterbrechung den nächsten Song an und scheint selbst froh, diese Aussage inzwischen wirklich wieder wörtlich so zu meinen. Das war zwischenzeitlich anders: Im vergangenen Jahr begab sich der erfolgreiche Rapper in Therapie, verbrachte mehrere Wochen in einer psychiatrischen Klinik, machte einen Drogenentzug – das volle Programm.
Inzwischen sind die Lebensgeister jedoch zu ihm zurückgekehrt; so scheint es zumindest an diesem Abend als Sido im Anschluss dem Namen seines Konzertes alle Ehre macht: Aus voller Kehle werden gemeinsam klassische Weihnachtslieder wie „Oh Tannenbaum“ geschmettert, während zwei Weihnachtselfen umherspringen. Einzelne Kinder holt der Rapper auf die Bühne und beschenkt sie großzügig, zum Beispiel mit einem iPad.
Deshalb herrschte plötzliche Stille bei dem Konzert von Sido in Berlin
Doch von besinnlicher, fröhlicher Weihnachtsstimmung ist danach erstmal keine Spur mehr: Auf der Bühne ist es jetzt dunkel; nur noch die vier Kerzen auf dem Adventskranz in der Mitte der Bühne brennen. Kein Wunder, mit „Löwenzahn“ und „Melatonin“ schlägt Sido passend dazu einen ernsteren Ton an. Er singt über das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen und seinen zerstörerischen Konsum der letzten Jahre: „Eine ganze Flasche Hennessy / Baller‘ mir den Kopf weg wie Kennedy / Gib mir den Wodka mit Energy / Baby, ich brauche dieses Melatonin“, dröhnt Sidos raue Stimme durch die Columbiahalle.
Ein Teil der reflektierten Lines wird jedoch von einem merkwürdigen Knistern verschluckt und kündigt an, was kurz darauf tatsächlich folgt: Stille. „Wir haben technische Probleme und müssen das kurz klären“, sagt Würdig. Der Vorhang schließt sich. Für ganze fünf Minuten. Im Publikum herrscht Unruhe. Das kann es doch jetzt nicht gewesen sein, das müssen die doch wieder hinbekommen, ist die stille Hoffnung von allen. Und sie geht – wie soll es bei einer Weihnachtsshow auch anders sein – in Erfüllung. Der Vorhang öffnet sich wieder und Sido macht kommentarlos mit dem Song „Gar nicht mal so glücklich“ weiter. Dafür holt er Estikay auf die Bühne, der nur einer von Sidos Berliner Special Guests ist, zu denen unter anderem auch SDP und Harris zählen.
Sofort ist es wieder, als sei die technischer Störung nie dagewesen und bei „Bilder im Kopf“ und „Astronaut“ zeigt sich noch einmal deutlich, dass Sidos Rap im Laufe der letzten Jahre weniger hart, die Rhythmen poppiger und seine Musik mainstreamiger geworden ist. Keine Stille Nacht mehr, sondern eine frohe Bescherung.
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