Regelmäßig fliegt Dirk Lohan (79), der Enkel von Mies van der Rohe, von Chicago nach Berlin in seine Heimatstadt. Er war als junger Architekt Projektleiter beim Bau der Neuen Nationalgalerie, die 1967 eröffnet wurde. Jetzt ist er Berater bei der aktuellen Generalsanierung der gläsernen Ikone. Und ist eine große Hilfe, denn kaum einer weiß so viel über den Bau wie er.

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Als direkter Erbe vertritt Lohan auch die Rechte der Familie am Bau. Lohan wurde im brandenburgischen Rathenow geboren. Nach dem Abitur studierte er in Chicago, in München machte er schließlich das Diplom. Danach ging er zurück nach Chicago, in die Stadt der vielen Hochhäuser, weil er wusste, wohin er wollte: in das Büro seines Großvaters. Der hatte schließlich das Studium seines Enkels finanziert.

Wir sprachen mit Dirk Lohan über seinen Großvater, über Berlin und den Mythos,vom Aschenbecher, den Mies van der Rohe für die Neue Nationalgalerie entworfen haben soll.

Mies van der Rohe, der die Neue Nationalgalerie entwarf, im April 1967 beim Richtfest (sitzend). Direkt hinter ihm steht sein Enkel Dirk Lohan
Mies van der Rohe, der die Neue Nationalgalerie entwarf, im April 1967 beim Richtfest (sitzend). Direkt hinter ihm steht sein Enkel Dirk Lohan© ullstein bild | ullstein bild

Mies van der Rohe wird sehr verehrt. Wie gehen Sie mit diesem Erbe um? Fluch oder Segen?


Dirk Lohan: Man muss akzeptieren, dass man einen berühmten Großvater hat. Na ja, es gibt Leute, die mich als Enkel von Mies einführen, obwohl ich jetzt uralt bin (lacht). Aber ich habe ja nicht den selben Namen, das ist hilfreich. Insofern konnte ich mich autonom entwickeln und habe meine eigenen Erfolge gehabt. Hier in Berlin kennt man mich nicht, in Chicago bin ich bekannt.

Kürzlich standen Sie oben auf dem Dach der Nationalgalerie, schauten hinunter auf Ihre Heimatstadt Berlin. Vor 50 Jahren standen Sie dort schon einmal, nachdem das riesige Dach auf seine Säulen gehoben worden war. Was für ein Gefühl war das damals?

Sehr spannend. Die Neue Nationalgalerie war eins der ersten Projekte, an denen ich als Projektleiter arbeitete, weil ich ja Deutsch spreche. Mies wollte, dass ich die Verantwortung übernehme, und so war ich in den 60er-Jahren regelmäßig in Berlin. Nun noch die Sanierung mitzumachen und beratend mitzuhelfen, ist etwas ganz Besonderes. Das erlebt man als Architekt normalerweise nicht. Aber ich bin noch da, ich weiß noch alles, jedes Detail. Und ich bekomme viele Fragen gestellt, wie Dinge gedacht und konzipiert waren. Einmalig!

Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrem Großvater?

Für mich war er als Großvater erst einmal – älter. Insofern hatte ich nicht die Reibereien, die man mit dem Vater schon mal haben kann. Ich habe seine Weisheiten sehr bewundert. Genau wie Sie jetzt mit einem Aufnahmegerät hier sitzen, saß ich mit meinen Großvater zusammen – damals hatte ich allerdings ein großes Tonbandgerät für die Aufnahmen.

Sie haben Gespräche mit Ihrem Großvater auf Tonband aufgenommen?

Immer donnerstags, einmal die Woche, trafen wir uns in seiner Wohnung in Chicago. Seine Köchin bereitete uns etwas vor. Bei ihm habe ich auch das Martini-Trinken und das Rauchen gelernt. Es war so interessant, wenn er über die Arbeit in Chicago berichtete – da sprach er englisch. Wenn ich ihn etwas über Deutschland fragte, antwortete er in Deutsch. Mir geht es heute ähnlich, wenn ich etwas über Deutschland erzähle, dann spreche ich automatisch Deutsch.

Sie träumen Englisch?

Ja, ich kann mich auch in Englisch besser ausdrücken. Aber wenn ich hier in Deutschland bin, kommt das Deutsch schnell wieder. Meine drei Kinder leben in den USA und sprechen Englisch, zwei haben Deutsch gelernt, wenden es aber nicht an.

Und wie erleben Sie Berlin heute?

Hier kann man gut leben, Spaß haben. Dass ich jetzt wieder regelmäßig nach Berlin kommen kann, hier etwas zu tun habe, ist sehr befriedigend für mich. Obwohl ich längst in Chicago zu Hause bin, immerhin lebe ich dort schon 60 Jahre. Seitdem habe ich den amerikanischen Pass. Damals wollte ich gerne nach Amerika, das war ein imponierendes Land. Heute würde ich manchmal gerne wieder nach Europa ziehen, weil wir einen schrecklichen Präsidenten haben. Aber er wird auch wieder gehen. In Chicago sind alle entsetzt darüber, wie er spricht und agiert.

Von Ihrem Hotel schauen Sie direkt auf den Potsdamer Platz. Gefällt er Ihnen?

Wenn Dinge gebaut sind, – das geht mir auch mit meinen Bauten so – gewöhnt man sich im Laufe der Jahre an die Stadt, so, wie sie über die Jahre gewachsen ist.

Eine sehr diplomatische Antwort.

Ich könnte mir durchaus etwas anderes vorstellen. Ein bisschen sieht es aus wie ein Sammelsurium, es hängt nicht alles zusammen. In einer modernen Demokratie kann jeder verrückt sein (lacht). In Chicago ist es ähnlich, da wird nicht alles kontrolliert und koordiniert. Jeder private Bauherr macht, was er will, muss sich natürlich das Projekt genehmigen lassen. Aber im Ästhetischen und Architektonischen gibt es relativ wenig Vorgaben.

Für Architekten ist das gut, aber...

… ich finde es insofern gut, weil es ein Ausdruck moderner Demokratie ist. Obwohl ein Bausenat städtebaulich planen und kontrollieren sollte. Das macht man in Deutschland ohnehin viel stärker als bei uns in Amerika. Manchmal frage ich mich, ob das, was in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg geplant wurde, besser ist als das, was in Chicago zur gleichen Zeit entstand. Aber Chicago wurde nicht zerbombt. Das städtebauliche Dilemma des Kulturforums hängt mit der viel befahrenen Potsdamer Straße zusammen. Durch den Krieg wurde dort so viel aufgerissen. Es ist eine schwierige Situation, wieder ein geschlossenes Stadtbild zu schaffen. Vielleicht gehört das einfach zur Geschichte der Stadt.

Mies van der Rohe hat für die Neue Nationalgalerie seinen eigenen Aschenbecher entworfen, auch er soll mit in die neue Ausstellung.

Ja, das wird gerne behauptet. Den Aschenbecher hat ein Mitarbeiter aus seinem Büro gezeichnet und ihm gezeigt. Das war akzeptabel für ihn in der runden Form. Er hat den Ascher sozusagen bewilligt. Es kam so: Mies hatte zu Haus eine dicke Glasschale als Ascher. Sie kippelte, weil der Boden rund war. Jeder hat sie gesehen und bewundert. Dabei war es eine ungeschliffene Glaslinse aus einem Observatorium. Ich besitze sie heute. Diese Schale ist das Vorbild für den Berliner Ascher.

Haben Sie eine Liste für die Nationalgalerie, was Ihnen besonders wichtig ist bei der Sanierung des Gebäudes?

Eine Liste habe ich da nicht. Ich kenne den Bau so gut, ich weiß, um was es geht.

Erstaunt Sie eigentlich die Mies-van-der Rohe-Verehrung in Berlin?

Überhaupt nicht. Weltweit gibt es ein Mies-Interesse, in Chicago existieren viele Mies-Clubs und Vereine. Ich höre viel und werde oft eingeladen, halte mich aber zurück. Immer geht das natürlich nicht. Mies hat, auf meine Frage, was aus seinen Bauten einmal werden soll, geantwortet: „Das muss die nächste Generation entscheiden, was sie damit machen.“ Und hier in Berlin hat man sich entschieden, großzügig und detailgenau zu sanieren.

Der Entwurf der Neuen Nationalgalerie war ja ursprünglich ein Prototyp für die Bacardi-Zentrale in Kuba. Derzeit ist durch die Sanierung die Fensterfront freigelegt, da dachte ich gleich an das Karibik-Feeling.

Die Idee für Kuba hatte er, aber Stahl gab es dort nicht, nur Beton. Bacardi wurde nie gebaut, weil Castro das verhindert hat. Über den Entwurf habe ich kürzlich mit Fritz Neumeyer gesprochen, vor 30 Jahren hat er „Das kunstlose Wort“, eine philosophische Untersuchung zu Mies van der Rohes Baukunst geschrieben. Wir beide sind der Meinung, dass Mies zeitlebens Ideen für neue Bauten gehabt hat, obgleich gar keine Bauherrn im Spiel waren. Zum Beispiel das gläserne Hochhaus 1921 in der Friedrichstraße, direkt an der Spree, es wurde nie gebaut, dennoch zur Ikone und – er wurde damit bekannt. Er hat einfach viel entworfen, hatte radikale Ideen, hat Modelle gebaut, diese in Ausstellungen gegeben, sie wurden publiziert. Auch einige Hallen-Projekte hat er sich ausgedacht, er nannte das „Universalraum“, in dem der Nutzer die Räume so aufteilen kann wie er möchte und inszenieren wie auf der Bühne. Egal ob er Autos ausstellt oder Kunst. Diesen Entwurf hat er eben mehrfach angeboten.

Und dann ging der Entwurf nach Berlin?

Dazu gibt es noch eine Geschichte in den 60er-Jahren. Meine damalige Frau kam aus Schweinfurt. Mein Schwiegervater, ein Fabrikant, war Kunstsammler. Er fragte meinen Großvater, ob er ihm in Schweinfurt nicht ein Museum bauen wollte. Mies schlug ihm dasselbe verkleinerte Modell vor – in Stahl. Innerhalb eines Jahres kam dann aus Berlin die Anfrage, ob Mies für Berlin ein Museum bauen wolle.

Und dann?

Die Sammlung meines Schwiegervaters war aus dem 19. Jahrhundert. Keine moderne Kunst, architektonisch also heikel. Dann also kam der Senatsbaudirektor und Architekt Werner Düttmann nach Aachen, wo Mies und ich gerade zu Besuch waren. Da gab es ein Mittagessen mit sehr vielen Getränken, Düttmann hat immer viel getrunken. Er war ein typischer Berliner, voller Ideen und Berliner Witz. Er sagte: Sie müssen für uns ein Museum des 20. Jahrhunderts bauen. Mies sagte: Jetzt muss ich dem Schwiegervater meines Enkels das Museum absagen. Das hat er gemacht, es war schwierig für mich.

Und wie ging das aus?

Mein Schwiegervater zahlte meinem Großvater den Entwurf. Da war die Sache erledigt und der Bau ist in die Geschichte eingegangen. Die Idee dieser Halle wurde also in vergrößerter Form nach Berlin transferiert.

Apropos neues Museum der Moderne. Was halte Sie von dem Entwurf von Herzog & de Meuron, das als Scheune und Aldi kritisiert wird. Haben Sie die Entwürfe schon gesehen?

Auf den ersten Blick kann ich keine Beziehungen zwischen der Neuen Nationalgalerie, der Philharmonie und dem Entwurf von Herzog & de Meuron erkennen. Mir wurde lediglich gesagt, dass dieser Entwurf noch weiter überarbeitet wird. Man kann nur hoffen, dass dadurch der städtebauliche Kontext besser zum Ausdruck kommt.

Wohnen Sie in Chicago in einem von Ihrem Großvater entworfenen Hochhaus?

Ja, in einem rechteckigen, im oberen Geschoss, 25 Stockwerke gibt es. 1952 wurde es fertig. Das hat ihn in Amerika bekannt gemacht. (Er skizziert auf dem Notizblock eine kleinen Grundriss).

Hat Ihr Großvater dort früher auch gewohnt?

Nein. Er hat in einem Altbau gewohnt.

Das glaube ich nicht! Dieser Vertreter der Moderne in einem Altbau?

Er hat nie in einem seiner Gebäude gewohnt. Schauen Sie… (er malt wieder einen Wohnblock auf) Alles verglast! Er hat gesagt, er möchte nicht gerne im Aufzug stehen und sein Nachbar teilt ihm mit, dass die Spülung nicht mehr funktioniert. Der andere Witz: Er hatte eine Kunstsammlung mit Klee und Kandinsky. Weil alles so verglast war, gab es nicht genügend Wände für die Bilder. (lacht) Ich habe auch Bilder, aber die hänge ich nicht an die Fenster.

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