Im ersten Moment ist es überraschend: Ein verbeulter Oldtimer steht auf der Bühne des Tempodroms – doch im zweiten Moment könnte für den Auftakt des Lena-Konzertes am Sonntagabend nichts passender sein, als dass Lena Meyer-Landrut in eben jenem demolierten Auto sitzt, mit ruhiger Stimme „Let Me Dream“ singt und schließlich energetisch auf die Motorhaube springt. Eine Szene, die symbolisch für das ganze Album und ihren Seelenzustand steht.
Denn in einer Phase psychischer Instabilität ist ihre sechste Platte „Loyal to myself“ entstanden, auf der sie passenderweise über Selbstliebe und Selbstwert singt. Fünf Jahre liegt das letzte Album zurück, 14 Jahre ihr Sieg beim Eurovision Song Contest (ESC) mit dem Song „Satellite“. Danach ist viel passiert: Sie hat kürzlich erstmals über Selbstzweifel und Depressionen gesprochen, am 31. Mai meldete sich Lena nun mit ihrem neuen Album zurück – und gibt in Berlin, dem zweiten Stopp ihrer „Lena live-Tour“, direkt eine Kostprobe ihrer neuen Selbstliebe.
Lena fordert, zu sich selbst zu stehen
„Give me life with kisses to die for, Felt so good, now that‘s what I cry for , You, I miss you“, singt die 33-Jährige mit souliger Stimme und im Takt der lilafarbenen Lichter. Auf den fliegenden Wechsel zu dem Indie-Song „Run Charlie“ folgt ein Video-Einspieler, in dem die ESC-Siegerin dazu auffordert, zu sich selbst zu stehen. „Ich will mich nicht von anderen abhängig machen“, sagt Lena und stimmt unter lautem Applaus einen ihrer älteren Indiepop-Songs „Stardust“ an. Zwei junge Frauen im Publikum lachen sich an, ihr ausgelassener Tanz steckt an.
Offensichtlich auch die Sängerin selbst. „Es ist so schön hier zu sein – in meiner Wahlheimat“, ruft Lena den Fans mit strahlendem Lächeln zu und legt bei den Synthesizern und elektronischen Beats von „Wild & Free“ sogleich noch einen drauf. Mit kraftvoller Stimme singt sie: „Let‘s go oh oh, ooh oh, Go oh, ooh oh, We are who we wanna be, Running wild and free, yeah“, und ihre Haare werden von einer Windmaschine passend zum Freiheitsgefühl des Songs nach hinten geweht.
Mit „Satellite“ erreicht Show ihren Höhepunkt
So nimmt das Konzert Fahrt auf: Lena klettert grazil an einer der Traversen am vorderen Bühnenrand auf die Türme, in denen ihre Band untergebracht ist und wirbelt zu dem funkig-elektronischen Disco-Pop-Track „Feel Good“ über die Bühne. Mit kantiger Stimme singt sie den Refrain. Spätestens jetzt ist klar, dass Lena live und in Farbe authentischer, rockiger und mehr Lena-like daherkommt, als es auf ihrem neuen Album zunächst wirkt.
Und Lena-Like spielt sie noch einige ihrer älteren Lieder. Mal wird es mystisch wie bei „Taken by a Stranger“, mal ruhiger wie bei „See you later“ – hier schwenken die Fans die auf jedem Konzert obligatorischen Handytaschenlampen – und beim ESC-Megahit „Satellite“ erreicht Lenas eineinhalbstündiger Auftritt seinen geradezu natürlichen Höhepunkt. Dafür holt die Sängerin sogar noch einige der vielen Kinder auf die Bühne, singt den eingängigen Refrain mit ihnen und bringt bis in die hintersten Reihen die Fans zum Tanzen.


