Berlin, Oktober 2009. Premiere meiner ersten Solo-Show „Bonsoir Katharine“ in der Bar jeder Vernunft, special guest Rolf Kühn. Mein Herz schlug so intensiv, als wollte es herausspringen. Ich schaute durch den Spalt des schwarzen Samtvorhangs, die Bar platzte aus allen Nähten, es brodelte. Die Gäste drängten sich an den kleinen Tischen. Da saß eine einzelne Dame in einer Loge, elegant und mondän mit großer Sonnenbrille. Voller Anmut und Würde thronte sie wie eine Königin, nippte an ihrem stillen Wasser und beobachtete das Geschehen.
„Wer ist das?“ flüsterte ich. Rolf Kühn: „Das ist die May!“ – „Die May? Gisela May?“
Ich wusste, dass sie eine große Chanson-Interpretin war, mehr wusste ich nicht .Die Premiere war berauschend und für mich der Beginn als Solokünstlerin in Berlin. Wir begegneten uns auf der Premierenfeier im Foyer: „Sie waren großartig, Sie müssen auch Brecht in Ihr Programm integrieren, Weill, Eisler, …“ und ich antwortete, „ich bin noch nicht so weit für dieses Repertoire.“
„Mei Hessemädsche“ hat sie zu mir gesagt.
Am 31. Mai 1924 in Wetzlar geboren, in Leipzig aufgewachsen, sprach sie ein herrliches Hessisch. Ich, wurde ein halbes Jahrhundert später geboren, am 1. Juni in Hanau. Ihre neugierigen dunkelbraunen Augen faszinierten mich, die Ähnlichkeit mit meiner vor ein paar Jahren verstorbenen Mutter war mir unheimlich.

Sie kam zu all meinen Premieren. Piaf in der Tribüne, Judy Garland im Schlosspark Theater, Ball im Savoy in der Komischen Oper. Alles das und mehr hat sie sich angesehen. Sie schickte mir handgeschriebene Briefe in die Theater, und betonte immer wieder: „Sie sollten unbedingt auch Brecht interpretieren!“
Barrie Kosky führte mich Jahre später an Kurt Weill heran, Kurt Weill führte mich zu Bertolt Brecht und Brecht wiederum zu Eisler und zu Dessau.
2024: im Brecht-Abend „Fremder als der Mond“ stehe ich nun mit einer Hommage an Helene Weigel im Mutter Courage Kostüm auf der Bühne des Berliner Ensembles. Die Mutter Courage, mit der Gisela May als Nachfolgerin von Helene Weigel auf dieser legendären Bühne 13 Jahre lang Triumphe feierte.
Warum lernt man Menschen oftmals erst ganz und gar schätzen, wenn sie nicht mehr da sind? Wie naiv war ich, ihr damals so unwissend zu begegnen. Nicht ahnend, dass sie die größte Brecht-Interpretin nach Helene Weigel und Lotte Lenya war, dass sie Soloabende in der Carnegie Hall oder der Mailänder Scala gab, daß sie als Kulturbotschafterin der DDR und als überzeugte Kommunistin Reisefreiheit genoss, für die sie auch kritisiert wurde und daß sie im Westen schon mal „Die rote May“ genannt wurde. Nach der Wende sorgte sie sich um die gesellschaftliche Entwicklung. Sie selbst war berühmt genug, um ihren Erfolg auch im Westen weiterzuführen.

Schauspielerin, Komödiantin, große Brecht-Interpretin, emotionale und leidenschaftliche Frau, geschätzte Lehrerin – ihre Meisterklassen waren legendär. Exaktheit, Genauigkeit, Respekt vor den Autoren und Komponisten zeichneten die May aus. „Es wechseln die Zeiten“ eine Textzeile aus Brechts „Lied von der Moldau“. Dieses Lied wurde zu ihrer Lebenshymne: „Die Nacht hat 12 Stunden, dann kommt schon der Tag“.
Liebe Gisela, jetzt bin ich soweit für das Brecht-Repertoire, das du so stark geprägt hast. Ich danke dir für die große Inspiration. Deine Persönlichkeit, deine Kunst bleiben unvergessen.


