An Matthias Reim kommt keiner vorbei in der deutschen Musik. Mit seinem rockigen Sound ist er stilprägend in Pop und Schlager. Letztes Jahr begeisterte er die Berliner noch bei seinem 1500. Konzert in der Wuhlheide. Jetzt hat er mit „Zeppelin“ ein neues Album vorgelegt. Und im Dezember kommt er in die Uber Arena. Im Gespräch erzählt der Musiker, wie er von seinem Vater Abschied genommen hat, und er verrät, warum Dankbarkeit für ihn ein wichtiges Thema ist.

Herr Reim, Sie waren letztes Jahr auf großer Tour. 2024 geht es mit knapp 40 Terminen weiter. Dennoch erschien vor zwei Wochen Ihr neues Album „Zeppelin“. Wann ist es bei Ihrem Output überhaupt entstanden?

Matthias Reim: Eine gute Frage. Ich habe immer mal zwischendurch daran gearbeitet, wenn ich Zeit und Ruhe hatte, aber nicht konsequent hintereinander. Nach den Auftritten komme ich nach Hause, erhole mich einen Tag und gehe dann ins Studio. Das zog sich über anderthalb Jahre hin, bis ich mein Meisterwerk fertig hatte.

Zur Person: Matthias Reim

Geboren 1957 im hessischen Korbach, studierte Matthias Reim zunächst Germanistik und Anglistik, brach aber zugunsten der Musik ab. Anfangs spielte er in kleinen Bands, schrieb ab Mitte der Achtziger Songs für Schlagerinterpreten wie Jürgen Drews. Seinen Durchbruch feierte er 1990 mit „Verdammt, ich lieb’ Dich“. Die Single war 16 Wochen auf Platz 1. Danach konnte er aber nicht an den Erfolg anknüpfen. Zudem hatte sich sein Ex-Manager verspekuliert, wodurch der Musiker in Insolvenz geriet, aus der er sich herauskämpfte. Seit 2003 kam er mit jedem Album in die Top Ten. 2013 erreichte er mit „Unendlich“ wieder die Spitze der Charts. Matthias Reim hat sieben Kinder von sechs Frauen. Er ist zum vierten Mal verheiratet und lebt mit seiner Frau, der Schlagersängerin Christin Stark, und der gemeinsamen Tochter am Bodensee.

Musikalisch verzahnt „Zeppelin“ Rock, Pop und etwas Schlager noch einmal stärker und besser als auf Ihren früheren Alben. Aufgenommen wurde es in Ihrem eigenen Studio. Warum legen Sie Wert darauf, in diesem Punkt unabhängig zu sein?

Erstens möchte ich spontan sein. Deshalb hatte ich mein Leben lang eigene Studios. Und zweitens muss ich dann nicht reisen und habe einfach mal Zeit, zu Hause zu sein. Ich habe da eine tolle Frau und ein supersüßes Baby. Auch meine anderen Kinder kommen oft und gerne vorbei. Bei dem Zeitaufwand, den es macht, ein Album aufzunehmen, wäre es völlig ausgeschlossen, anderswo in einem Tonstudio zu arbeiten. So gehe ich nur vom Studio zwanzig Schritte über die Straße und bin zu Hause.

Matthias Reim bei einem Auftritt in Offenburg, 2024.
Matthias Reim bei einem Auftritt in Offenburg, 2024.© imago/Eibner | IMAGO/Eibner-Pressefoto/Gerhard Wingen

Ihr Studio beherbergt außerdem Ihre Gitarren-Sammlung. Wie viele besitzen Sie denn?

Ich glaube 30. Die können alle was, aber ich spiele nicht auf allen. Ich finde, Gitarren sind Kunstwerke und habe daher beschlossen, sie mir statt Bilder an die Wand zu hängen. Ich sammle vor allem Gitarren der schwedischen Marke Hagstrom, mit der ich sehr verbunden bin. Eine Hagstrom war meine erste Gitarre. Sie hat mir die Türen zur Musik aufgeschlossen. Seit gut 15 Jahren gibt es die Firma wieder und sie baut auch die Modelle von damals. Als ich meine weiße Hagstrom sah, musste ich sie sofort haben. Damit fing die Liebe an. Wenn ich diesen Schriftzug sehe, fühle ich mich geborgen und verknüpft mit dem, was mich früher angetrieben hat: Mein Traum, Musiker zu werden.

Wie haben Sie die Gitarre für sich entdeckt?

Es war das Instrument der Beatmusik. Damals gab es noch keine Rock- oder Popmusik. Diese Musik war gitarrenlastig. Mein Vater hat immer das Radio ausgerichtet, um Radio Luxemburg empfangen zu können. Ich stand als zehnjähriger Knirps neben ihm und hörte diese Musik. Da wurde ich süchtig danach und habe gesagt, das möchte ich auch machen, das möchte ich auch können. Ich habe meinen Vater angefleht, mir eine Elektrogitarre zu kaufen. Das hat er dann auch gemacht. Zur Konfirmation bekam ich eine ganz alte reparierte mit einem ehemals gebrochenen Hals, die bestimmt nicht mehr bundrein war. Aber für mich war es einfach das Größte. Ich lernte Gitarre spielen bei einem Schüler aus der Oberstufe. Er kam nicht mit irgendwelchen langweiligen Liedern, sondern es ging gleich richtig mit den Beatles und den Rolling Stones los.

Auf dem neuen Album findet sich auch der Song „Radio“. Ein sehr berührender Abschied von Ihrem Vater. Haben Sie sich damit den Schmerz von der Seele geschrieben?

Definitiv. Er hatte kurz vor seinem 95. Geburtstag sehr abgebaut. Wir wussten, es ist irgendwann soweit. Im Kopf sagt man sich dann, 95 ist ein wunderschönes Alter und die Zeit des Abschieds kommt. Und man ist dankbar. Aber als es dann soweit war, war es für mich ein ungeheures Ereignis. Es hatte so eine Wucht, dass ich mich den ganzen November damit auseinandergesetzt habe. Ich habe mich auch gefragt, wie gehe ich mit den Erinnerungen um? Weil mich das Radio mit meinem Vater verbunden hat, habe ich da angesetzt und versucht, die Emotionen zu verarbeiten. Es ist Trauerarbeit am Klavier und an der Gitarre. Das hilft mir immer. Das muss dann raus, weil es ja nicht nur mir passiert, sondern ganz vielen Menschen meiner Generation, die Abschied nehmen müsse, von jemandem, der ihr Leben viele Jahre lang begleitet hat.

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Auch der Song „Easy Rider“ fällt ins Auge. Er steht für ein bestimmtes Lebensgefühl. Man denkt dabei natürlich auch an den gleichnamigen Kultfilm von 1969 mit Dennis Hopper und Peter Fonda. War er der Aufhänger für den Song?

Es ist eine Kombination aus meiner Liebe zu Motorrädern und dem Resultat eines langen Winters. Ich gehe dann gerne in die Garage, in der meine zehn Motorräder stehen. Alles Retro-Bikes. Sehr klassisch, teilweise neu, aber gebaut im Stil der 50er- und 60er-Jahre. Die ersten Motorräder, die ich als Kind gesehen habe, sahen so aus. Ich liebe sie und beleuchte sie mit Bühnenscheinwerfern. Wenn man bei kalten fünf Grad die Garage aufmacht und einem der Geruch von Gummi und Benzin in die Nase kriecht, überkommt einen die Sehnsucht zu sagen: Komm, wir fahren runter an den See. Und zwar mit diesem Gefühl, das gerade meine Generation hat. Wir gehen nicht mit 190 Sachen in die Kurve, sondern reiten wie Peter Fonda selbstbewusst auf unseren Bikes und fühlen die Freiheit dabei. Das ist für mich der Easy Rider: Die Sehnsucht nach der Straße und dem Knattern des Motorrads. Erstaunlicherweise haben mich meine Kinder gefragt: „Papa, toller Song, aber was ist ein Easy Rider?“

Was haben Sie ihnen geantwortet?

Dass es ein Lebensgefühl ist. Und ein Film, den meine Generation vergöttert und mythisiert hat, der das Motorradfahren mit dem Gefühl von Rebellion und Freiheit aufgeladen und damit verändert hat. Dafür stand der Song „Born to be wild“ von Steppenwolf im Soundtrack. Es war der Kindertraum meiner Generation: Cool und stets bereit zu sein, auch mal das Gesetz zu überschreiten, indem man etwas zu schnell fährt oder über eine Straße, auf der das verboten ist. Aber der Film wird sie vermutlich nicht interessieren. Sie haben allerdings auch alle keinen Motorradführerschein.

Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Songs?

Aus allem. Seien es Orte, Erinnerungen oder das, was mir im Hier und Jetzt geschieht. Alles, was mein Leben bereichert. Ich hatte ein sehr arbeitsreiches Leben, aber auch vor 20 Jahren massive Probleme. Meine Platten wollte keiner mehr kaufen, zu meinen Konzerten kamen noch gerade 13 Leute. Heute geht es mir wieder gut. Die Konzerte sind voll, ich bin kreativ, die Platten werden alle mit Gold und Platin veredelt. Wer hätte das damals gedacht, als ich unten durch war. Deshalb gehört auch Dankbarkeit immer dazu, wenn ich mich mit meinen Autorenteams treffe und wir uns darüber unterhalten, über welche Themen man Songs machen kann.

Alte Zeiten: Dieter Bohlen und Matthias Reim 1990 in Berlin.
Alte Zeiten: Dieter Bohlen und Matthias Reim 1990 in Berlin.© picture alliance / Fryderyk Gabowicz | Fryderyk Gabowicz

Warum haben Sie sich eigentlich dafür entschieden, Ihr neues Album „Zeppelin“ zu nennen?

Weil das im Moment mein Lebensgefühl ist. Ich wohne ja am Bodensee und sehe die Zeppeline aus Friedrichshafen im Sommer immer in ihrer Behäbigkeit und Langsamkeit den See umrunden, was wunderschön aussieht. Da sie nicht besonders hoch fliegen, könnte ich von oben sehen, wo ich überall meine schöne Kindheit verbracht habe. Ich habe dabei gedacht, es ist schon eine irre Art und Weise, mit dieser Behäbigkeit und Langsamkeit durch die Erinnerungen des Lebens zu gehen, um daraus ein Fazit oder einfach nur Dankbarkeit zu ziehen. Das war die Grundidee bei dem Titel. Die Frage, was ist uns wichtig und worum geht es wirklich im Leben.

Sie sind ja gerade wieder auf Tournee. Zum Jahresende spielen Sie auch in Berlin. Was erwartet die Fans dabei?

Ein Reim-Abend mit ganz vielen alten Songs und den besten, wichtigsten neuen Songs. Es ist eine Zeitreise durch 35 Jahre mit einer tollen Show, die wir lange geplant und entwickelt haben für einen herzlichen, vergnüglichen Abend mit ein bisschen Tiefe. Und natürlich ist es auch ein Volksfest.

Und die Ziellinie ist „Verdammt, ich lieb‘ Dich“.

Darauf läuft es hinaus. Das ist immer die Zugabe bei mir. Ich singe den Song noch so gern wie am ersten Tag und die Menschen feiern ihn frenetisch.