Am vergangenen Sonntagmorgen wurde die 100-stündige Lesung des Hannah Arendts Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart abgebrochen. Die Performance der kubanischen Künstlerin Tania Brugueras war am Samstag zweimal von propalästinensischen Protesten gestört worden.

Daraufhin entschied sich die Künstlerin ihre Performance verfrüht zu beenden, um sich „eindeutig gegen Hassrede und jede Form von Gewalt zu stellen“, wie die Direktoren Sam Bardaouil und Till Fellrath über Instagram mitteilten. Die beiden Hamburger-Bahnhof-Direktoren betonten, sich „voll und ganz“ hinter die Entscheidung der Künstlerin zu stellen. Der Schritt sei notwendig gewesen, um die Sicherheit der Teilnehmer der Performance zu schützen.

Dissens erlauben, doch Dialog muss möglich bleiben

Auf die Anfrage der Berliner Morgenpost, wie man Kunst im Hamburger Bahnhof zukünftig vor Aktivismus schützen wolle, antwortete Museumsdirektor Fellrath, dass die Bereitstellung von Freiräumen, um durch Kunst gesellschaftlich relevante Themen zu besprechen, Aufgabe eines zeitgenössischen Museums sei. „Diese Freiräume gilt es zu schützen und auch Dissens zu erlauben“, so Fellrath weiter. Aber wenn ein Dialog nicht mehr möglich sei, bedeutet dies eben gegebenenfalls in Absprache mit den Künstlerinnen und Künstlern auch, Konsequenzen zu ziehen.

Der erste Vorfall hatte sich den Angaben zufolge am Samstagnachmittag zwischen 14 und 15 Uhr ereignet. Eine zur Lesung angemeldete Gruppe hatte die Performance genutzt, um Hassrede zu verbreiten. Mitglieder derselben Gruppe seien dann am Abend zwischen 20 und 21 Uhr zurückgekehrt und hätten die Hassrede fortgesetzt. Sie beleidigten einen der Vorleser und einen der beiden Museumsdirektoren mit gewalttätigen Hasstiraden, wie aus dem Instagram-Post der hervorgeht. Während bei dem Vorfall am Nachmittag circa 30 Personen vor das Publikum getreten sind, war die Gruppe am Abend etwas kleiner gewesen, konkretisierte Fellrath: „Einige Menschen erhoben sich aus dem Publikum, andere kamen hinzu und die Gruppe positionierte sich vorderen Bereich der Sitzkissen.“

Mehr zum Thema

Auch der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), Hermann Parzinger, äußerte sich auf X, ehemals Twitter: „Es ist unerträglich, zu welchen antisemitischen Provokationen es im Hamburger Bahnhof gekommen ist.“ 2015 musste Bruguera die Performance in Kuba unter Arrest realisieren. Mit der Aufführung in Berlin wollte sie „die Kraft von Kunst und Aktivismus zeigen“. Arendt selbst musste als Jüdin 1933 aus Nazi-Deutschland emigrieren. Sie schrieb ihre Analyse über Ursprünge und Entwicklung des Nationalsozialismus kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Wenige Jahre später ergänzte sie das Werk um die Besonderheiten des Stalinismus.