Früher wurden dort Pferdestraßenbahnen und später Omnibusse gewartet. Nun steht Kultursenator Joe Chialo (SPD) in einem gut sitzenden Anzug, der so blau ist wie der Himmel an diesem klarkalten Wintertag, neben den anderen Akteuren in der Reparaturhalle und friert. Für das Foto hat er Mantel und Strickmütze abgegeben, wie die anderen auch. Es gilt die Rettung der Uferhallen für die Kultur zu feiern. Nach der Diskussion um den Einzug der Zentral- und Landesbibliothek ins Kaufhaus Lafayette ist dies einer der ersten greifbaren Erfolge.

„Die Bedeutung der Uferhallen für die Kultur ist uns allen bekannt, der drohende Verlust hat uns alle mobilisiert“, erklärt Chialo seinen Antrieb. Der Ort stehe für kulturellen Austausch, Konzerte, Aufführungen, Ausstellungen und vieles mehr. Schon sein Amt-Vorgänger Klaus Lederer (Linke) hatte sich um die Rettung der Hallen bemüht, um die es lange Ärger gab. Doch erst Chialo ist es gelungen, am 29. Dezember den „wegweisenden Vertrag“ (Chialo) zur Unterschrift zu bringen. Er geht über 20 Jahre, das Land Berlin kann zehn Jahre verlängern, der Vermieter nicht kündigen. Länger sei im Rahmen eines Gewerbemietvertrags kaum möglich, beteuerten beide Parteien. Im Doppelhaushalt 2024/25 wurde jeweils eine Million Euro für Miet- und Betriebskostenzahlungen durch Berlin an die Eigentümer eingestellt.

Die Zukunft von 120 Künstlern in 70 Ateliers ist langfristig gesichert

Dafür gibt es die Rettung der Arbeitsräume von rund 120 bis 150 Künstlerinnen und Künstlern in 70 Ateliers plus weiteren Tanz- und Proberäumen sowie der großen Halle. Dieser Generalmietvertrag legt den Rahmen für die langfristige Nutzung und den Erhalt der Uferhallen als kulturelles Zentrum fest. Ab Februar 2024 werden die Uferhallen-Ateliers durch die gemeinnützige Kulturraum Berlin gGmbH als Generalmieterin stufenweise an die ansässigen Künstlerinnen und Künstler weitervermietet.

Der Eingangsbereich der Uferhallen ist derzeit etwas zugerümpelt.
Der Eingangsbereich der Uferhallen ist derzeit etwas zugerümpelt.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Es gehe um 12.600 Quadratmeter Fläche, „die gesichert ist“, sagt Jasper Bieger von der Kulturraum Berlin gGmbH, die sich um Ateliers für Künstler in Berlin kümmert. Zwischen vier bis sechs Euro wird die Miete pro Quadratmeter in Ateliers in der Stadt durch die Kulturraum subventioniert. In den Uferhallen werde sie etwas höher liegen. Wie viel genau, wollte Bieger nicht sagen. Der Eigentümer-Vertreter widersprach einer Mutmaßung von zehn Euro und sprach von einer „deutlich einstelligen“ Summe pro Quadratmeter.

Den anwesenden Künstlern ist Erleichterung anzumerken, aber es bleibt auch Skepsis, wie man an Fragen aus dem Publikum merkt: Da gibt es die Anwohner, die wissen wollen, was genau dort gebaut wird und einige sorgen sich um Gewerbetreibende auf dem Gelände, ob sie auch bleiben dürfen. Felix Fessard, Managing Director der Augustus Management GmbH, die das Gelände besitzt, war zwar nichts von Gewerbetreibenden bekannt, aber seine spontane Antwort: ja, sie dürfen bleiben.

Die Halle ist 50 Meter breit und 105 Meter lang. Hier soll eine Ausstellungsfläche entstehen und auch Ateliers.
Die Halle ist 50 Meter breit und 105 Meter lang. Hier soll eine Ausstellungsfläche entstehen und auch Ateliers.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Und was hat die Augustus dort vor? Wenige Büros und 100 Wohnungen sollen auf dem Gelände entstehen. „Alles Mietwohnungen“, beteuert Fessard. Seine Firma gehört zum Firmengeflecht der Samwer-Brüder. Die Klingelton-Milliardäre sind in Berlin nicht gerade für ihre Zimperlichkeit im Umgang mit den Mietern erworbener Immobilien bekannt.

Im Sommer 2017 übernahm sie die Mehrheit an den Uferhallen. 2019 stellten die neuen Eigentümer ihre Pläne vor: eine massive Nachverdichtung mit vielgeschossigen Neubauten. Der Bezirk Mitte ordnete ein B-Planverfahren an, das die Baupläne mit der Sicherung des Kulturstandorts verband. Doch im Januar 2023 kündigten die Eigentümer das Verfahren einseitig auf.

Wildes Wirrwarr: Die Briefkästen der in den Uferhallen arbeitenden 120 bis 150 Künstler.
Wildes Wirrwarr: Die Briefkästen der in den Uferhallen arbeitenden 120 bis 150 Künstler.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Ein „Sondergebiet Kultur“ für Bildhauer mit Presslufthammer

Umso überraschender, dass es nun doch noch zu einem Vertrag gekommen ist. „Gesicherte Mieteinnahmen über 30 Jahre“, benennt Felix Fessard, den Vorteil, den seine Firma aus der Vereinbarung mit dem Senat hätte. Es habe für ihn von Anfang an festgestanden, dass die alten Künstler-Mieter bleiben dürften. In den kommenden zwei Jahren soll nun der Bebauungsplan ausgearbeitet werden. Es wird dabei auch um Fragen gehen, ob jemand dort in seinem Atelier leben dürfen wird und die Festschreibung, dass Bildhauer dort auch mit dem Presslufthammer arbeiten dürften, während nebenan Leute in die neuen Wohnungen gezogen sind. Darum soll das Areal als „Sondergebiet Kultur“ deklariert werden, gut 150 Jahre nachdem der Standort als Betriebshof für die Pferdestraßenbahn gebaut wurde.

„Jeder Backstein steht unter Denkmalschutz“, sagt Mittes Stadtentwicklungsstadtrat Ephraim Gothe (SPD).
„Jeder Backstein steht unter Denkmalschutz“, sagt Mittes Stadtentwicklungsstadtrat Ephraim Gothe (SPD).© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Erst Pferdestraßenbahnen, dann Elektrobahnen, dann Omnibusse

1873 begannen die Arbeiten auf der damaligen Pankeinsel. Zwischen 1897 und 1899 wurden die Wagen-Reparaturhalle mit seitlicher Lackierwerkstatt und das Portiersgebäude errichtet. Die fast stützenfreie Halle ist 50 Meter breit und 105 Meter lang und bot Platz für 14 Gleise und mehr als 100 Motorwagen. 1954 beschloss der West-Berliner Senat das Ende der Straßenbahn. Die Tore wurden verbreitert, damit auch Doppeldecker hineinpassen. Bis sich schließlich die BVG im Sommer 2003 von dem Weddinger Betriebsgelände verabschiedete. Ein Teil der Werkstätten zog damals nach Lichtenberg, der andere Teil in den Grunewald in die dortige Halle 2 der U-Bahn-Kleinprofilwerkstätten.

Im Jahr 2007 kamen die Künstler. Antje Blumenstein, aus dem Vorstand des Uferhallen e.V., betont, dass die Künstler das abgeschlossene Areal für den Kiez geöffnet hätten und dort verankert seien. Umso glücklicher ist sie über die nun gefundene Lösung. „Wir hoffen, dass es ein Standortmodell für andere Orte in Berlin sein kann“, sagt sie.

„Heizen“ steht neben dem Schornstein des ehemaligen Kesselhauses auf der anderen Seite des vormaligen BVG-Geländes.
„Heizen“ steht neben dem Schornstein des ehemaligen Kesselhauses auf der anderen Seite des vormaligen BVG-Geländes.© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz

Was passiert nach Ablauf des 30-Jahre-Mietvertrags? Das weiß heute niemand. Aber es wird als kleinteiliger Kulturort festgeschrieben. „Ein Verkauf auch an große Kultureinrichtungen wie beispielsweise Guggenheim ist damit ausgeschlossen“, sagt Mittes Stadtentwicklungstadtrat Ephraim Gothe (SPD), der 2008 zum ersten Mal zufällig aufs Gelände „geradelt“ sei. „Das ganze Areal steht bis zum letzten Backstein unter Denkmalschutz“, sagt Gothe und es klingt so, als sei das auch ein Pfund, das Land und Bezirk in Verhandlungen mit dem Investor einzusetzen wussten und noch immer wissen. Er sei hoffnungsfroh, dass es „für die nächsten 200, 300 Jahre“ weitergehe mit der Kultur an diesem Standort, scherzt er selbstbewusst.

Die große Halle, in der Joe Chialo und die anderen am Mittwochmorgen froren, will der Investor als erstes zu einer Ausstellungshalle und Ateliers ausbauen und energetisch sanieren. Damit niemand mehr dort frieren muss.