Bauprojekt

Uferhallen: Investor und Künstler streiten im Ausschuss

Die Künstler scheitern mit der Forderung, einen Erbpachtvertrag über 188 Jahre zu schließen.

Auf dem Gelände der Uferhallen in Gesundbrunnen soll ein Wohnprojekt entstehen. Die Künstler fürchten nun um ihre Heimat.

Auf dem Gelände der Uferhallen in Gesundbrunnen soll ein Wohnprojekt entstehen. Die Künstler fürchten nun um ihre Heimat.

Foto: David Heerde (Archiv)

Berlin.  Es war wie ein kleines El Dorado. So bezeichnete Ephraim Gothe (SPD), Stadtrat für Stadtentwicklung, die Uferhallen in Gesundbrunnen. Eine Goldgrube für Kultur: günstige Mieten und viel Raum zur Entfaltung. Über Jahre hinweg lockte das Areal mit diesem Ruf viele Künstler an. Heute arbeiten und leben teils rund 150 Menschen in dem Gebäude aus roten Ziegelsteinen an der Panke.

Doch nicht nur für Künstler ist das Gelände attraktiv, auch für Investoren könnte es geradezu eine Goldgrube sein - in Form guter Mieten, die die Wohnungen, die hier neben den Ateliers entstehen sollen, abwerfen könnten. Die Geldanleger haben die Vision eines belebten Ortes, in dem Künstler und Anwohner zusammenkommen. Fraglich ist aber, was das für die Mietpreise bedeuten würde.

Gezerre um Uferhallen zum ersten Mal im Ausschuss Thema

Es ist eine der Fragen, die seit mehr als einem Jahr hinter verschlossenen Türen verhandelt wird. Zwischen den Fronten versuchen Stadtrat Gothe und Vertreter der Senatskulturverwaltung zu vermitteln. Am Mittwochabend öffnete man die Türen. Zum ersten Mal trafen beide Interessensgruppen in der Öffentlichkeit aufeinander, im Stadtentwicklungsausschuss. Der Abend zeigte vor allem eines: Von einer Einigung ist man bei den Uferhallen noch weit entfernt.

Das Bild ist selten: Die Stuhlreihen um die Politiker bei der Ausschusssitzung waren voll besetzt. Viele der etwa 80 Besucher im Saal sind betroffen von dem Streit um die Uferhallen. Sie wollten wissen, wie es weitergeht.

Investoren der Uferhallen sind ein Geflecht um die Samwer-Brüder

Und der einsamste Mann an diesem Abend stand am Rednerpult: Felix Fessard. Der blonde Mann mit der eckigen Brille ist Vorstandsvorsitzender der Uferhallen AG, der die Hallen gehören, und vertritt die Investoren, ein Unternehmensgeflecht um die Samwer-Brüder. Ihm gegenüber kritischer Blicke und verschränkte Arme im Publikum.

Auf dem 19.000 Quadratmeter großen Areal, das sind mehr als zweieinhalb Fußballfelder, sollen ersten Planungen zufolge Wohnungen entstehen. Außerdem sollen die Ateliersflächen vergrößert werden und Flächen für Ausstellungen und Veranstaltungen gebaut werden.

Künstler fordern einen Erbpachtvertrag über 188 Jahre für die Uferhallen

„Eine Teilung des Grundstücks ist von uns nicht erwünscht“, sagte Fessard. Das untergräbt den Wunsch der Uferhallen-Künstler, eine dauerhafte Lösung für die Kultur in Gesundbrunnen zu finden. Zumindest fürs Erste. Die Mieter wollen die Kultur mittels eines Erbpachtvertrags sichern. Der soll über 188 Jahre laufen. So hatten sich die Tanzstudios auf der anderen Seite der Uferstraße bereits im Jahr 2012 von der Uferhallen AG abgekapselt. Ein Vertrag über 196 Jahre soll dort den Erhalt der Tanzstudios garantieren, mit bezahlbaren Mietpreisen. Ein Modell, das erfolgreich scheint.

Aber dafür müsste das Grundstück geteilt werden. Eine Lösung, die Fessard eben widerstrebt. Er befürchtet einen zu großen Gegensatz zwischen dem Künstlerareal und den Neubauten. „Wir wollen das Areal ganzheitlich zusammenwachsen sehen“, sagte Fessard. Weiter führte er an, dass man die Idee baurechtlich habe prüfen lassen. „Es ist nicht möglich“, meint er.

Ohnehin definieren Künstler und Investoren den Begriff Langfristigkeit anders. Während Peter Dobroschke, Vorsitzender des Uferhallen e.V. und Vertreter der Künstler, vor dem Ausschuss von 188 Jahren, mindestens 60 Jahren sprach, erklärte Fessard Mietverträge über 20 Jahre als langfristig.

Uferhallen-Ateliers könnten bei Starkregen geflutet werden

Die Uferhallen sind nach Angaben von Baustadtrat Ephraim Gothe als Wohngebiet ausgewiesen. Wenn nachverdichtet wird, müssen Wohnungen entstehen. „Das ist aber nicht in Stein gemeißelt“, sagte Gothe am Mittwoch. Es gebe beispielsweise die Möglichkeit, das Grundstück auf eine gewerbliche Nutzung umzuschreiben oder die Uferhallen gar zum Sondergebiet zu erklären. Für diesen Fall könnten die Uferhallen dann ausschließlich zum Zwecke der Kultur genutzt werden. Über einen Plan B zu sprechen, sei nicht ausgeschlossen, so Fessard.

Die Gebäude am Ufer der Panke in Gesundbrunnen sind Ende des 19. Jahrhunderts gebaut worden. In den Hallen wurden zunächst Eisenbahnen instand gehalten, später Straßenbahnen und dann Omnibusse. Bis 2007 nutzten die Berliner Verkehrsbetriebe das Gelände. Auch wegen dieser Historie steht das gesamte Ensemble unter Denkmalschutz. Und nach Darstellung der Architekten des Büros Ortner & Ortner ist es nicht mehr im besten Zustand. Ateliers würden bei Starkregen Gefahr laufen, geflutet zu werden, und an einigen Fassaden sei Asbest verbaut. Ferner müssten Ausbaustandards wie die Dämmung der Wände erfüllt werden.

Uferhallen-Künstler zahlen derzeit 4,20 Euro pro Quadratmeter

Die Mieter um Peter Dobroschke fordern bezahlbare Ateliers. Um die Mietpreise zu drücken, schlagen sie eine Selbstverwaltung vor. Das kommt den Investoren entgegen. Dennoch liegen die aktuellen und die potenziellen Mietpreise derzeit weit auseinander. Im Moment zahlen die Künstler im Durchschnitt 4,20 Euro für den Quadratmeter. Derzeitigen Berechnungen der Investoren zufolge könnte sich der Preis in etwa verdoppeln. Auch hier dürfte es weiterhin Gesprächsbedarf geben.

Dass an diesem Abend keine Einigung gefunden werden würde, wussten die Beteiligten bereits im Vorfeld. Nun wird es in den kommenden Wochen Aufgabe des Stadtentwicklungsausschusses sein, zusammen mit den Interessensgruppen einen Kompromiss zu finden. Der Großteil der Mitglieder des Ausschusses ließ an diesem Abend jedenfalls eine Pro-Künstler-Haltung durchblicken. Ein Umstand, der Felix Fessard beim nächsten Mal vielleicht noch einsamer machen wird, beim Graben um das Gold in den Uferhallen.

Lesen Sie dazu auch: Wie es mit den Uferhallen in Gesundbrunnen weitergeht