Es war ein hochsommerlicher Konzertabend in der Waldbühne erleben. Zu Gast waren Daniel Barenboim und sein West-Eastern Divan Orchestra (Wedo), auf dem Programm stand Ludwig van Beethovens erstes Klavierkonzert und Johannes Brahms’ zweite Sinfonie. Eigentlich sollte Martha Argerich den Solopart im Beethoven-Konzert übernehmen, leider war sie erkrankt und musste absagen. Statt ihrer betrat ein anderer Klavierstar das Podium: der 36-jährige Igor Levit. Er kennt Barenboim bereits seit 2011, doch gemeinsam mit ihm auf der Bühne stand er erstmals im Rahmen dieser Sommertournee des Wedo.

In einem legeren schwarz-blauen Designer-Shirt betrat der Pianist das Podium, Barenboim kam im Anzug mit Krawatte. Man merkte ihm an, dass er gesundheitlich angeschlagen ist, dennoch wirkte er stabiler und kräftiger als bei seinem Auftritt im Juni mit den Philharmonikern. Er dirigiert in der Waldbühne auch aktiver und mit mehr Gesten als in der Philharmonie, allerdings dann doch im Sitzen.

Beethoven: Barenboim überrascht mit Liedern aus selten gespielten Konzerten

Die Berliner Waldbühne am Samstagabend.
Die Berliner Waldbühne am Samstagabend.© Maurizio Gambarini

Das erste Klavierkonzert von Beethoven gehört eher zu seinen seltener gespielten Konzerten, was damit zusammenhängen dürfte, dass es noch von der Tonsprache Joseph Haydns und Wolfgang Amadeus Mozarts geprägt ist. Doch trotz dieser Anklänge an Mozart ist dieses Konzert schon ein echter Beethoven, er verwendet hier auch erstmals Pauken, Klarinetten und Trompeten in der Besetzung des Orchesters.

Das hat auch Daniel Barenboim, denn er dirigiert den Kopfsatz des Klavierkonzerts in einem flüssigen Tempo und mit energischen Akzenten. Dabei liefert das West-Eastern Divan Orchestra ein satten warmen Streicherklang mit gutem Bassfundament. Igor Levit gestaltet seinen Solopart sehr gesanglich und klangschön, bisweilen könnte man sich allerdings etwas kraftvollere Akzente und etwas mehr Risoluto in der linken Hand wünschen, wie es Barenboim im Orchester einfordert, indem er energisch die linke Faust ballt. Insofern entfaltet Levit seinen Solopart eher aus einer frühromantischen Perspektive heraus.

In einen Belcanto-Sänger verwandelt sich Igor Levit am Flügel

Das Zusammenspiel mit dem Orchester ist hervorragend, Solist und Dirigent gestalten die Musik aus einem gemeinsamen Atem heraus, Wiederholungen variiert Levit immer wieder in Dynamik und Tempo- Gestaltung. Viele Übergänge gelingen sehr organisch und harmonisch, Solist und Orchester vermitteln den Eindruck, als seien sie ein langjährig eingespieltes Team. Im langsamen Satz zeigt Levit seine lyrischen Qualitäten und verwandelt sich in einen Belcanto-Sänger am Flügel, und den dritten Satz interpretiert er voller Lebensfreude und packt, anders als im Kopfsatz, auch mal kraftvoll zu.

Brahms’ zweite Sinfonie beginnt Barenboim etwas verhangenen, geheimnisvoll und ein wenig düster. Aus dieser Stimmung heraus gestaltet er dramatische Steigerungen hin zu einem vollen Orchester-Tutti. Tendenziell wird der Klang sehr von den Streichern dominiert, bei einigen Holzbläsersoli wünschte man sich einen etwas feineren Streicherteppich als Begleitung. Sehr überzeugend wiederum gelingen die tänzerischen Passagen, in denen sich der Soloflötist des Wedo mit einem wunderbaren Solo präsentiert.

Im „Adagio non troppo“ legt Barenboim großen Wert auf den Zusatz „non troppo“ (nicht zu sehr) und dirigiert mit einem klaren Zug nach vorne. Hier glänzt die Cello-Gruppe des Orchesters mit Kantilenen voller Wärme und Schmelz, gefolgt von lebendigen und klangschönen Dialogen der Holzbläser mit den Hörnern. Vor allem die Horngruppe begeistert da durch einen sehr homogenen Klang. Auch für den dritten Satz, ein „Allegretto grazioso (Quasi andantino)“ wählt Barenboim ein angemessenes Tempo, diesem einen schönen tänzerischen Schwung verleiht.

Daniel Barenboim kann dem Orchester Schwung und Energie vermitteln

Wunderbar druckvoll und mitreißend gerät das Finale „Allegro con spirito“. Dieser Satz gilt nicht zu Unrecht zu den brillantesten Höhepunkten der sinfonischen Musik seit Beethoven. Voller überbordender Lebensfreude spielt das Orchester hier. Und Barenboim zeigt, dass er trotz aller gesundheitlichen Beeinträchtigungen Schwung und Energie in sich trägt, die er dem Orchester zu vermitteln weiß.

Da gibt es zu Recht begeisterten Applaus und stehende Ovationen vom Publikum in der sehr gut besuchten Waldbühne. Barenboim und sein Orchester bedanken sich mit zwei Zugaben: Zunächst erklingt Felix Mendelssohns Musik zu „Ein Sommernachtstraum“, nach weiterem Beifall, der durch tausende von Handylämpchen visuell unterfüttert wird, gibt das Orchester noch Brahms’ beliebten „Ungarischen Tanz“ Nr. 5 zum Besten, den Barenboim und das Wedo mit Schmackes und Paprika darbieten.

Mario-Felix Vogt