Max Richard Leßmann, Jahrgang 1991, ist Sänger, schreibt Gedichte und betreibt zusammen mit seiner Frau Leni Leßmann den Podcast „Die Leßmanns – Ein Paar Fragen“. Nun hat der Wahlberliner, der in Husum an der Nordsee aufgewachsen ist, seinen ersten Roman „Sylter Welle“ veröffentlicht. Mit der Berliner Morgenpost hat er über sein neues Buch, seine Großeltern, die Unterschiede zwischen den Generationen und den jeweiligen Umgang mit der mentalen Gesundheit gesprochen.

Sie haben die Ankerklause in Kreuzberg als Treffpunkt vorgeschlagen, um über Ihren Roman „Sylter Welle“ zu sprechen. Warum?

Max Richard Leßmann: Es ist gar nicht so leicht, maritime Orte in Berlin zu finden. Und ich fand das lustig. Hier gibt es Bullaugen, manchmal schreien sogar Möwen und man sieht Schwäne. Das wirft mich zurück in die Atmosphäre des Buchs.

Erzählen Sie mehr. Um was geht es in Ihrem ersten Roman?

Es geht um einen jungen Mann, der seine Großeltern auf Sylt in ihrem Urlaub besucht und dort drei Tage mit ihnen verbringt. In diesen drei Tagen macht er eine gedankliche Zeitreise durch die letzten 20 Jahre, in denen er viele Sommer mit den beiden auf der Insel verbracht hat. Doch dieses Mal ist es wahrscheinlich das letzte Mal – zumindest sagt die Oma, dass sie nie wieder nach Sylt kommen werde.

Max Richard Leßmann: „Sylter Welle“, Kiwi Verlag, 224 Seiten, 22 Euro. Erscheint am 17. August 2023.
Max Richard Leßmann: „Sylter Welle“, Kiwi Verlag, 224 Seiten, 22 Euro. Erscheint am 17. August 2023.© Kiepenheuer & Witsch | Kiepenheuer & Witsch / Buch

Der Fokus liegt also auf der Enkel-Großeltern-Beziehung. Warum haben Sie sich dafür entschieden, diese Beziehung zu beleuchten?

Die Generation meiner Großeltern ist eine sehr schweigsame Generation, die nur selten über Gefühle redet. Sie tragen so viel mit sich herum und sprechen den Großteil davon jedoch nie aus. Dadurch sorgen sie für skurrile und lustige Momente, aber auch für Konflikte in Beziehungen. Eben weil so viel ungesagt bleibt. Das finde ich erzählenswert. Und es ist eine aussterbende Generation – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich finde es schön und wichtig, dieser Generation ein kleines Denkmal zu setzen. Meinen Großeltern, aber auch dieser Generation im Allgemeinen.

Was macht die Beziehung zwischen Großeltern und Enkelkindern so besonders?

Bei Enkelkindern können die Großeltern loslassen. Haben nicht mehr so viel Verantwortung. Eine Sache – die auch in meinem Buch eine große Rolle spielt – ist, dass meine Oma mir immer ganz viel Zucker gegeben hat. Meine Mutter wollte das nicht. Es ist ein Klassiker. Die meisten Kinder kennen das, dass die Eltern sagen: Iss nicht so viel Schokolade und die Oma gibt einem die ganze Tafel. Ich habe das Gefühl, dass in dieser Generation Liebe genau so ausgedrückt wird. Weil es schwer ist für sie, Liebe zu verbalisieren, wird sie durch Essen und Versorgen gezeigt.

Das Leben und der Alltag unserer Großeltern unterscheiden sich fundamental von unserem. Wo liegen die größten Differenzen?

Es ist die Auffassung davon, worum es im Leben geht, die weicht sehr stark ab. Die Großeltern-Generation hat ein enormes Bedürfnis nach Sicherheit, während unsere Generation ein eher unsicheres Leben führt, andere Dinge priorisiert. Wahrscheinlich können wir Unsicherheit einfach leichter aushalten, weil wir aus der Sicherheit kommen, sie immer kannten. Bei unseren Großeltern ist es umgekehrt. Außerdem haben meine Großeltern bis heute das großstädtische Leben und die vielen neuen Jobs und Lebensentwürfe nicht verstanden. Sie fragen mich immer besorgt, ob ich denn ein regelmäßiges Einkommen habe. Aber auch das ganze ‚verrückte‘ Essen hier irritiert sie. Gleichzeitig sind sie sehr interessiert daran.

Der Protagonist in dem Roman heißt Max, genau wie Sie. Inwieweit ist Ihr Roman autobiografisch, beruht auf Tatsachen?

Das Buch ist auf jeden Fall beeinflusst von Erfahrungen, die ich gemacht habe. Und die Figuren in dem Roman sind sehr stark inspiriert von meiner Familie. Aber mir ist es wichtig zu sagen, dass es ein Roman ist, keine Biografie. Es ist Autofiktion, ich gehe von Dingen aus, die wirklich passiert sind und schreibe dann über Dinge, die hätten passieren können. In dem Buch sind bewusst Fehler eingebaut. Es gibt Stellen, die selbst Menschen, die meine Familie nicht kennen, ganz klar als falsch identifizieren können. Damit will ich die Unzuverlässigkeit von Erlebtem verdeutlichen. Ich will zeigen: Die Erinnerungen, die wir haben, sind nicht immer deckungsgleich mit der Realität. Unsere Realität wiederum entsteht aber aus unseren Erinnerungen. Also was ist dann Wirklichkeit und was nicht?

Max Richard Leßmann mit seinem neuen Roman vor der Ankerklause in Berlin. „Sylter Welle“ ist am 17. August 2023 erschienen.
Max Richard Leßmann mit seinem neuen Roman vor der Ankerklause in Berlin. „Sylter Welle“ ist am 17. August 2023 erschienen.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Sie stellen die Charaktere sehr liebevoll, aber nicht unkritisch dar. Zeigen auch deren unsympathischen Seiten. Wie fielen die Reaktionen in Ihrer Familie aus?

Meine Familie kann das gut abstrahieren. Was die Reaktion meiner Großeltern angeht: Wenn man das Buch liest, kann man sich ziemlich gut vorstellen, wie sie reagiert haben. Und genauso haben sie auch reagiert.

An zwei Stellen in Ihrem Buch wird deutlich, dass der Protagonist Max an Depressionen erkrankt ist. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

In dem Buch reagiert die Großmutter mit komplettem Unverständnis, als sie mitbekommt, dass ihr Enkel Max Antidepressiva nimmt, obwohl sie selbst tiefersitzende Traumata erlebt hat, die zum Teil die ganze Familie beeinflussen. Diese Spannung, diese Entwicklung innerhalb der Generationen wollte ich abbilden.

Sie selbst haben auch öffentlich gemacht, dass Sie an Depressionen erkrankt sind. Berichten davon unter anderem auf Ihrem Instagram-Kanal? Warum ist es Ihnen ein Anliegen, offen über diese Erkrankung zu sprechen?

Als ich vor sechs, sieben Jahren angefangen habe, zur Therapie zu gehen und offen darüber zu reden, gab es ganz viele Leute in meinem Umfeld, die gesagt haben: Max, ich auch. Dieses Schweigen zu brechen ist, glaube ich, ganz essenziell und bringt ganz viel – ob man das nun öffentlich macht oder in seinem eigenen Kreis. Den meisten Betroffenen ist schon so viel geholfen, wenn sie nicht das Gefühl haben, alleine zu sein, abgehängt zu sein, der einzige Sonderling zu sein unter Menschen, die alle perfekt funktionieren. Auch die Informationen, dass es Hilfe gibt, dass man etwas dagegen tun kann, sind sehr wertvolle Informationen, von denen ich mich freue, sie über meine Plattform teilen zu können. Und so Betroffenen ein kleines bisschen zu helfen.

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  • Ihr erstes Buch war ein Gedichtband, ansonsten schreiben Sie neben Gedichten auch Songtexte. Wie war es für Sie, einen Roman zu schreiben?

    Was ich an Gedichten und Songtexten mag, ist, dass man sehr kondensiert ein Gefühl wiedergeben kann, in sehr kurzer Form, in sehr kurzer Zeit. Man kann es schnell teilen und Leute können darauf reagieren. Das gefällt mir. Beim Roman ist es eine langfristige Arbeit. Für jemanden wie mich, ich habe ADHS, hat die Arbeit an so einem langen Projekt etwas Beängstigendes. Umso mehr freut mich, dass ich es hinbekommen habe. Denn es war schon immer mein Traum, Romane zu schreiben und jetzt weiß ich: Ich kriege das hin, ich kann das machen.

    Heißt das, es werden weitere Bücher folgen?

    Ja, auf jeden Fall. Es wird noch viel kommen. Ich werde zwar immer weiter Gedichte schreiben, aber ab jetzt auch Bücher.

    Zuletzt: Gibt es noch etwas, dass Sie loswerden wollen?

    Ja. Ruft Eure Großeltern an! Das Buch ist ein Plädoyer dafür, sich mit seinen Großeltern auseinanderzusetzen, solange sie noch da sind. Es ist eine sehr wertvolle Beziehung. Aber das Buch zeigt auch die Schwierigkeiten, die es gibt. Die Meinungsverschiedenheiten, die so tief sein können, dass man mit den meisten anderen Menschen nicht mehr weiterreden würden, wenn sie bestimmte Dinge äußern. Anders bei Oma und Opa.

    Premieren-Lesung: 22. August, 19:30 Uhr im Bier- und Weingarten Zenner in Berlin.