Ich dachte immer, es gibt nichts Lästigeres im Alltag als Menschen, die extrem langsam vor mir herlaufen und ich sie nicht überholen kann. Oder wenn die Mülltüte reißt, kurz bevor ich die Tonne erreiche und dann die schmierigen Joghurtpackungen vom Boden aufsammeln muss. In den letzten Tagen hat sich für mich herausgestellt: Doch, das gibt es.

Dazu gehört, sich 20 neue Passwörter auszudenken: Und noch schlimmer: Tausendmal die gleichen Fragen zu beantworten.

Worum es hier geht? Ich will studieren. Nach einem Jahr mit Praktika, Jobben und Reisen glaube ich auch endlich zu wissen, was: Psychologie, am liebsten in Berlin. Der Haken dabei: Das wollen viele.

Der Aufwand beginnt bereits im Mai, als ich mich für den neuen Psychologieeignungstest anmelde. Mein Abi-Schnitt ist zwar nicht schlecht, für Psychologie aber nicht gut genug. Nachdem alles geschafft ist, denke ich: So, jetzt nur noch bewerben. Eigentlich hat dieser Satz kein „nur“ verdient.

Also melde ich mich bei Hochschulstart an. Hochschulstart ist ein Online-Service Portal, zuständig für die Vergabe der Studienplätze an deutsche Hochschulen.

Ich tippe ein: Studienfach Psychologie, Universität: Berlin. Ich beginne mit der Freien Universität (FU).

Für manche Studiengänge wie Pharmazie, Biochemie oder Psychologie kann man sich nur über das eigene Portal der Hochschule bewerben, nicht über Hochschulstart. Aber registrieren geht dort auch nur, wenn man einen Hochschulstart-Account besitzt. So soll die abgegebene Bewerbung dann in einer Übersicht bei Hochschulstart erscheinen. Eigentlich praktisch, manche Bewerbungen waren auch direkt in meiner Übersicht zu sehen, bei anderen warte ich schon seit einer Woche.

Bewerbung an der Hochschule: Manche Fragen kann man nicht oft genug beantworten

Wenn man sich für einen Studiengang mit hohem Numerus Clausus (NC) bewirbt, tut man das am besten an so vielen Unis wie möglich, um die maximalen Chancen zu haben.

In meinem Fall gehört Psychologie leider zu den Studiengängen, die nicht über Hochschulstart laufen. Und einen hohen NC hat das Fach auch noch. Für so viele Accounts, die ich mir erstellen muss, kann ich mir gar nicht Passwörter ausdenken, geschweige denn merken. Immer das gleiche soll man schließlich auch nicht nehmen.

Zurück zur FU: Die erste Hürde, das Passwort, ist überwunden. Nun geht es los mit einer Menge Fragen. Noch weiß sich nicht, dass ich sie bald auswendig kann, weil sie mir so oft gestellt werden: Wollen Sie einen Antrag auf außergewöhnliche Härte stellen? Nein. Sind sie minderjährig? Nein. Wollen Sie einen Antrag auf ein Sportstipendium stellen? Nein. Haben Sie Abitur? Ja. Wo haben Sie Abitur gemacht? Berlin. In welcher Region liegt das? Berlin. In welchem Land liegt das? Deutschland.

Hier beginne ich bereits den Geduldsfaden zu verlieren. Warum kann das System nicht automatisch Bundesland und Land vervollständigen, wenn ich „Berlin“ angebe? Noch nie was von KI gehört?

Universität: „Leider ist ein Fehler aufgetreten. Diese Seite existiert nicht mehr“

An der FU Berlin bewerbe ich mich neben Psychologie noch für Sozialwissenschaften – als Backup-Plan. Obwohl ich mich bereits für die Psychologiebewerbung durch all diese Fragen gekämpft habe, dessen Antworten in meinem Account gespeichert sind, geht es hier wieder los: Wollen Sie einen Antrag auf außergewöhnliche Härte stellen? Nein.

„Wenn ich vor 10 Minuten noch keine Leistungssportlerin war, dann bin ich es jetzt doch auch nicht“, denke ich mir, als ich leicht genervt die Antwort auswählte. Als das Ende endlich in Sicht war; die Hiobsbotschaft: „Leider ist ein Fehler aufgetreten, diese Seite existiert nicht mehr.“ Absturz.

Keine Seltenheit, damit kämpfen auch meine Freundinnen und Freunde.

Ich werde wütend. Wehe ich muss alles von vorne ankreuzen. Natürlich muss ich das. Natürlich hat das System nichts gespeichert. „Sind sie minderjährig?“ NEIN!

Soll das schon der erste Test sein? Ob man auch genug Durchhaltevermögen für ein Studium hat?

Start ins Studium: Wer ein Gmail-Konto hat, hat Pech gehabt

Es geht weiter mit Freiburg, Braunschweig, Göttingen. Immer werde ich gefragt, wo ich Abitur gemacht habe. Und dann: In welchem Bundesland Berlin liegt. Hamburg lässt mich 20 Minuten auf die Bestätigungsmail warten, um meinen Account zu aktivieren. In der Zeit beschließe ich gleich woanders weiterzumachen: Uni Würzburg. Doch hier werde ich wieder aufgehalten: Jeden ersten Donnerstag des Monats ist Wartungstag und die Website funktioniert nicht.

Sich also einmal hinsetzen und alles gleich erledigen, ist nicht. Es erfordert höchste Koordinierung und Planung: Donnerstag nicht in Würzburg, mit Hamburg anfangen und während man auf die E-Mail wartet, dann Freiburg, Braunschweig und Göttingen. Nächstes mal weiß ich es besser.

Dabei habe ich noch Glück: Ich habe keine Gmail-Mailadresse. Manche Portale warnen bei der Registrierung vor Problemen mit dieser Adresse. Die Mails würden mitunter einfach nicht ankommen. In einem Chat für Psychologiebewerberinnen und Bewerbern schreibt eine: „Ich find’s richtig traurig, ich liebe mein Gmail-Konto.“ Ein anderer: „Ich wollte es erst nicht glauben, aber ich bekomme keine E-Mails von denen. Jetzt heißt es ab dem 15. Juli jeden Tag einloggen.“ Eigentlich bekommt man eine E-Mail, wenn es Updates bezüglich der Bewerbung gibt, wer ein Gmail-Konto hat, muss sich dann wohl jeden Tag bei den Portalen einloggen, um nichts zu verpassen.

„Ich fände es so viel besser, wenn Hochschulstart mit den Unis tatsächlich kooperieren würde.“, schreibt eine Userin.

Geordnetes Chaos – trotz den ganzen Schwierigkeiten funktioniert es dann irgendwie doch. Fix und fertig, hatte ich nach 2 Stunden gerade mal 4 Bewerbungen geschafft. Super, nur noch 10 weitere vor mir. Von wegen, die Gen Z. strengt sich nicht an.