Nun ist es amtlich: Die Berlinale will den Gürtel drastisch enger schnallen. Und will gleich zwei Sektionen einsparen. Gerüchte und Spekulationen gab es bereits seit 8. Juli (wir berichteten). „Spiegel Online“ ließ durchsickern, bis zu drei Sektionen könnten eingespart werden.

Nach einem Treffen mit Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) gaben die Berlinale-Chefs, die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und der Programmleiter Carlo Chatrian, nun bekannt, wie das Festival ab kommenden Februar aussehen soll. Und wie sie sich, etwas umständlich formuliert, ihre „Fokussierung und Konzentration für eine zukunftsorientierte Festivalstruktur“ vorstellen.

Nachwuchs und Serie: Es trifft ausgerechnet zwei nach vorn gerichtete Sektionen

Die Gesamtzahl der Filme wird fast um ein Drittel gesenkt. Waren es auf der vergangenen Berlinale noch 287, soll es im nächsten Jahr nur noch rund 200 Titel geben. Dabei müssen, bis auf den Wettbewerb, alle Sektionen abspecken. Zwei aber werden ganz aufgelöst: die Perspektive Deutsches Kino und die Berlinale Series.

Beides sind Sektionen, die der vorherige Berlinale-Leiter Dieter Kosslick eingeführt hat. Und beide sind eigentlich Sparten, die nach vorn gerichtet sind. Denn die Perspektive kümmert sich um den deutschen Filmnachwuchs. Und die Series über ein Format, das in der Filmbranche in den letzten Jahren immer stärker angewachsen ist. Und längst eine große Konkurrenz fürs klassische Kino ist.

Sie waren die Neuen der letzten Berlinale: Jenny Zylka übernahm die Perspektive, Sebastian Markt die Generation. Nun wird Zylkas Reihe eingestellt – die Filme werden auf die anderen Sektionen verteilt.
Sie waren die Neuen der letzten Berlinale: Jenny Zylka übernahm die Perspektive, Sebastian Markt die Generation. Nun wird Zylkas Reihe eingestellt – die Filme werden auf die anderen Sektionen verteilt.© FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Die Perspektive wird als eigenständige Sektion aufgelöst. Deren Engagement will das Festival aber dennoch fortsetzen. Und Nachwuchsfilme künftig auch in den bestehenden Sektionen präsentieren: Wettbewerb, Encounters, Panorama, Forum und vor allem Generation - weil viele Filmemacher ihre ersten Filme ja übers Erwachsenwerden drehen. Mit der Integration soll sogar „eine stärkere internationale Wahrnehmung für die in Deutschland produzierten Debüt- und Zweitfilme ermöglicht werden“, wie das Festival verlauten lässt. Ein Paradebeispiel, wie man Sparmaßnahmen euphemistisch umkleiden will.

Weniger Filme - das heißt aber weniger Ticketverkäufe: eine weitere Säule des Festivals

Auch Berlinale Series soll als eigenständige Programmreihe nicht fortgeführt. Stattdessen sollen „ausgewählte serielle Formate“ künftig in der Reihe Berlinale Special Gala laufen. Auch hier wieder ein Euphemismus: „Damit sollen außergewöhnliche Serien noch stärker ins Rampenlicht gerückt werden.“ In Wirklichkeit ist es ein willkommener Anlass für das Festival, Lücken zu stopfen. Denn in den vergangenen Jahren waren zwar viele Beiträge der Special Gala speziell, aber nicht unbedingt special.

Das ist auch ein Schlag ins Kontor für Jenny Zylka, die erst in diesem Jahr als neue Leiterin der Perspektive vorgestellt wurde. Julia Fidel hatte dagegen bereits im März dieses Jahr bekannt gegeben, dass sie die Berlinale Series nicht mehr länger bekleiden will. Ein Amt, das sie seit 2019 bekleidet hat und jetzt, wie praktisch!, nicht mehr besetzt werden muss.

Die ZDF-Prestigeproduktion „Der Schwarm“ feierte seine Premiere dieses Jahr in der Sektion Series. Im nächsten Jahr will man mit solchen Produktionen die Löcher in der Special Gala stopfen.
Die ZDF-Prestigeproduktion „Der Schwarm“ feierte seine Premiere dieses Jahr in der Sektion Series. Im nächsten Jahr will man mit solchen Produktionen die Löcher in der Special Gala stopfen. © ZDF

Ausgenommen bleibt immerhin die Retrospektive. Auch die stand laut Gerüchten zur Debatte. Davon aber ist nun offenbar keine Rede. Eine Streichung dieser etablierten Reihe, vor allem mit der Hommage und ihrem Ehrenpreisträger, wäre wohl auch zu peinlich geworden.

Völlig ausgenommen von den Einsparungen bleibt dagegen eine Sparte, auf die die meisten Festivalbesucher am ehesten verzichten könnten. Die aber hat Carlo Chatrian erst zu seinem Amtsantritt 2020 eingeführt: Encounters, ein zweiter Wettbewerb für Filme, die neue erzählerische Wege gehen. Eine Sektion, wie sie mit dem Forum ja eigentlich schon existiert. Womit sich zwei Sektionen gegenseitig das Wasser abgraben.

Das Zentrum bleibt: Der Potsdamer Platz ist nicht von den Neuerungen betroffen

Die Einsparungen waren nötig geworden, weil die Inflation die Preise auch bei den Festspielen immer weiter höher treibt. Das BKM kommt zwar für rund ein Drittel des Festivalbudgets auf, will aber die jährliche Zuwendung von 10,7 Millionen Euro nicht weiter aufstocken. Zusätzliche 2,2 Millionen in diesem Jahr waren eine einmalige Sonderzuwendung - die die Inflation gerade mal so abfederte. Im nächsten Jahr muss die Berlinale also mit deutlich weniger Geld haushalten.

Weniger Filme, weniger Vorführungen - das bedeutet freilich auch weniger Ticketverkäufe, die ebenfalls rund ein Drittes des Budgets ausgemacht haben. Gut möglich, dass sich die Berlinale damit kaputtspart. Das Renommee ist jedenfalls schon angeknackst. Die Konkurrenz in Cannes und Venedig wird sich freuen. Der Potsdamer Platz übrigens steht nicht zur Debatte. „Das Herz des Festivals schlägt nach wie vor am Potsdamer Platz und seinem glamourösen Berlinale Palast“, verkündet das Festival.