Man kann nur staunen, wie passgenau in manchen Augenblicken des Musiktheater-Stückes „Felix‘s Room“ auf der Probebühne des Berliner Ensembles eine Verzahnung von Form und Inhalt passiert. Hier werden die letzten traurigen Lebensjahre des Frankfurter Kaufmanns Felix Ganz in einem Mainzer „Judenhaus“ erzählt, mit dem BE-Schauspieler Veit Schubert in der Rolle von Felix Ganz und der Komische-Oper-Sopranistin Alma Sadé in der Rolle seiner Ehefrau Erna.
Technische Attraktion des Abends sollen die aufwendig hergestellten digitalen Projektionen des Londoner Unternehmens ScanLab Projects sein. Mit ihrer Hilfe wird das gesamte kärgliche und doch immer noch rudimentär großbürgerliche Inventar des kleinen Wohnzimmers des Ehepaars Ganz im „Judenhaus“ dreidimensional projiziert, auf die transparenten Wände und den Boden des aufgebauten Theaterzimmers. Ausgewählt für diese höchst aufwändige, experimentelle Produktionsweise – die Kulturstiftung des Bundes stattet das Projekt mit erheblichen Mitteln aus – wurde die Familiengeschichte des Londoner Drehbuch-Professor Adam Ganz.
Der Urenkel von Felix Ganz stellte dafür sich selbst als erläuternden Conférencier am Rande des Bühnenwürfels zur Verfügung, aber auch zum Beispiel ein Konvolut mit alten Briefen seines Urgroßvaters: Die Schreiben des eingesperrten Felix an seine knapp emigrierten Kinder und Enkel enthalten auch seine detaillierte Skizze der winzigen Behausung. Nach der Vorstellung kann man noch einen Blick auf diese schriftliche Quelle von Angst, Ausweglosigkeit und schönen – auch musikalischen – Erinnerungen werfen.
Eine barocke Kommode ist das einzige reale Requisit des Abends
Das alles könnte eine brillante, plastische, farbige Dokumentation, müsste aber noch lange kein Theater, keine Kunst sein. Immerhin erwuchs die Idee aus einem Museumsstück. Eine barocke Kommode ist das einzige reale Requisit, das an diesem Abend gezeigt wird. Sie stammt aus dem Besitz von Felix und Erna, und Urenkel Adam identifizierte die Kommode vor etwa fünf Jahren in einem Mainzer Museum.
Einer der kongenial Form und Inhalt verschränkenden Augenblicke in dieser einstündigen Aufführung ist die Erinnerung von Felix Ganz und seiner Frau Erna an einen Teppich. Teppichhandel war die Expertise des einstigen Unternehmers und nun eingesperrten Ganz in seiner erfolgreichen Zeit der 1920er-Jahre. Ein Teppich wird plastisch und prunkvoll ins digitale Zimmer beschworen.
Felix und Erna erinnern sich der Faszination der handgeknüpften unregelmäßigen Regelmäßigkeiten, sie befühlen ein imaginäres Exemplar, das an der durchsichtigen Zimmerwand zum Publikum hin aufgespannt wird. „Nichts ist hier perfekt, aber alles stimmt.“ Es ist wie ein selbstironischer Kommentar zur digitalen Simulation, die noch jede menschliche Imperfektion wiederum perfekt abbildet. Und der gehört dringend hierher. Pure Faszination für Technologie würde dazu führen, dass ein Denken in Widersprüchen – das künstlerisches Denken immer ist – von ihr aufgesogen würde.
Ein kleines Orchester lässt die seelischen Befindlichkeiten aufklingen
Kunst wird hier eindeutig auch dann gemacht, wenn Christoph Breidler, Dirigent an der Komischen Oper, ein kleines Orchester am Rand des Geschehens auf die seelischen Befindlichkeiten von Felix und Erna eingehen lässt. Das führt vor allem zur Vergegenwärtigung von Musik, die in den Briefen erwähnt wird: etwa der Operettenwalzer „Küss mich“ von Oscar Strauss oder Mendelssohns „Auf den Flügeln des Gesangs“. Einen besonders innigen Moment gibt es, als die Erste Violinistin der Komischen Oper Freia Schubert zum Beginn des zweiten Satzes aus Beethovens Violinkonzert anhebt – offenbar eine gemeinsame Erinnerung von Felix und Erna Ganz an glücklichere Tage. Gelungene und inspirierende Gesangseinlagen kommen nicht nur von Alma Sadé als Erna Ganz, sondern auch von Tenor Johannes Dunz als „jungem Felix“ sowie von Julia Domke als Ganz-Tochter Olga.
Szenen und Umwelt einer tragisch vergessenen Welt werden so mit allen Mitteln heutiger Technik dokumentarisch und künstlerisch wiedererinnert. Das ist eindrucksvoll. Vom Resultat muss man dennoch nicht vollends begeistert sein. Denn können 3-D-Simulationen im Theater nicht noch ganz anderen ästhetischen Mehrwert, viel radikalere Innovation von Bühnenkunst überhaupt bieten? Wäre das in so einem experimentellen Rahmen, wo Geld offenbar keine Rolle spielt, nicht angebracht gewesen?
Stellt lediglich das Hereinholen von immer mehr digitaler Technik die Herausforderung für Bühnen der Zukunft dar? Wenn Intendanten und staatliche Förderer so denken, dann liegen sie falsch. Viel entscheidender wird eine moderne Kommunikation mit den Zuschauern von der Bühne aus sein. Denn eines ist das Publikum aus seinem täglichen Umgang mit digitaler Vernetzung längst gewöhnt: Interaktivität. Weshalb bittet man nicht das Publikum in Felix‘s Room und lässt es die menschliche Tragik zwischen dreidimensionalen Imaginationen quasi am eigenen Leib spüren? Eigentlich wirkt die mit Digitalsimulationen von bürgerlichen Möbeln behängte Wohnzimmerwand eher wie eine zusätzliche Barriere zum Zuschauerraum hin – eine Bestätigung des herkömmlichen Theater-Schaukastens. Wozu eigentlich die ganze Technik? Sie ist konservativ.
Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Tel. 28408155 Termine: 30.6.; 1./2., 5.-9.7.


