Seine letzten beiden Konzerte als Chefdirigent des Konzerthausorchesters leitet Christoph Eschenbach am Wochenende. Auf dem Programm stehen Mozarts Requiem und Schuberts Unvollendete. Es hat schon seinen eigenen Charme, wenn ein 83-jähriger Stardirigent an das Ende seiner vierjährigen Amtszeit in Berlin Werke des Abschieds und vor allem der Abschiedsschmerzen stellt. „Das Besondere ist, dass dieses letzte Werk von Mozart und die Unvollendete von Schubert zu den aufregendsten, tiefsten und merkwürdigsten Kompositionen gehören“, erklärt Christoph Eschenbach am Rande der Proben im Konzerthaus.

„Dass Schubert seine achte Sinfonie nicht vollendete und dann eine neunte geschrieben hat, ist doch ein merkwürdiger Vorgang. Je öfter ich dieses Stück in meinem Leben dirigiert habe, desto überzeugter bin ich davon, dass gar kein dritter und vierter Satz folgen soll. Es ist ein Kosmos von Drama und Bedauern, was in diesem Wunderwerk passiert“, sagt der Dirigent. „Bei Mozart ist die polyphone Struktur in einigen Sätzen ungewöhnlich, obwohl er perfekt war im Kontrapunkt. Aber in diesem dramatischen und tragischen Requiem ist es ein einmaliger Ton, den Mozart gefunden hat.“

Er glaube immer noch an Zukunft, hatte Eschenbach 2019 bei seinem Amtsantritt gesagt. Auch an diesem Probentag für seine Abschiedskonzerte wirkt der Altmeister geradezu fröhlich. Die Proben mit dem Konzerthausorchester tun ihm offensichtlich gut. Sein Berliner Vertrag war zunächst auf drei Jahre geschlossen worden. Dann kam die Pandemie dazwischen. Der Vertrag wurde um ein weiteres Jahr verlängert. Jetzt löst ihn Joana Mallwitz (37) als erste Chefdirigentin ab. Es ist in mehrfacher Hinsicht ein Generationswechsel.

In der Pandemie wurden Stücke geprobt, die nicht zur Aufführung kamen

Eschenbachs vier Jahre waren ein Auf und Ab. „Tiefpunkt war die Pandemie, als wir schweigen mussten“, sagt der Dirigent. „Und wenn wir etwas gemacht haben, dann war es entweder gestreamt oder einfach nur geprobt. Einiges kam ja nie zur Aufführung. Mit den Bläsern habe ich Stücke geprobt, nur um sie aktiv zu halten.“ Das wäre zu dem Zeitpunkt aber wichtig gewesen. „Zu den Höhepunkten gehört für mich, dass ich mich keine Minute lang mit dem Orchester unwohl gefühlt habe“, sagt Eschenbach. Damit ist für ihn schon alles gesagt.

Als Christoph Ringmann war der Künstler 1940 in Breslau geboren worden. Die Mutter starb bei der Geburt, der Vater fiel im Krieg. Der Junge wuchs bei seiner Großmutter auf, die aber auf der Flucht aus Schlesien umkam. Wallydore Eschenbach, Cousine seiner Mutter, holte den Traumatisierten aus einem Flüchtlingslager ab. Die Musik habe ihn geheilt, sagt Eschenbach. In den 1960er-Jahren begann seine Pianistenlaufbahn. 1972 debütierte er als Dirigent in Hamburg. Herbert von Karajan war ein wichtiger Mentor. 1985 gehörte Eschenbach zu den Gründern des Schleswig-Holstein Musik Festivals, das er lange geleitet hat. Zuletzt musste er am Klavier pausieren, weil er sich einen Finger gebrochen hatte. Jetzt übt er wieder. Eschenbach steckt voller Zuversicht.

Hat sich das Konzerthausorchester in seiner Ära verändert?, lautet eine Frage. „Im Detail habe ich wahrscheinlich vieles verändert“, sagt der scheidende Chefdirigent. „Wir haben an allem gearbeitet, vor allem am Klang, an der Transparenz, an der Diktion oder an der Phrasierung. Das ist beim Konzerthausorchester alles auf sehr guten und gesunden Boden gefallen und hat wunderbare Blüten hervorgebracht.“

Beim Konzerthausorchester gibt es ein seltenes Miteinander des ehemaligen und amtierenden Chefdirigenten. „Das ist das Besondere an dem Orchester. Es war sehr schön eingeführt worden mit Ivan Fischer, in dem er wieder an Konzerthaus zurückkam“, sagt Eschenbach. „Und auch ich werde wiederkommen. Ich finde das eine sehr schöne Sache, weil es eine wirkliche Kontinuität in der Arbeit gibt - auch über die eigentliche Amtszeit hinaus.“

Wer Eschenbach während der Pandemie erreichen wollte, musste ihn daheim in Paris anrufen. „Meine Homebase war immer Washington und Paris“, sagt der durch die Welt gereiste Pianist und Dirigent. „Berlin ist für mich wie eine Praline auf dem Lebenskuchen.“ Ob er in den vier Jahren in Berlin etwas Neues entdeckt habe? „Nein, eigentlich nicht. Ich kannte Berlin schon mein Leben lang.“ Aber er habe sich Ausstellungen in Museen angeschaut.

Der Altmeister wird dem Orchester weiterhin am Pult verbunden bleiben

In der neuen Saisonbroschüre taucht der Name Eschenbach wieder auf. „Ich bleibe dem Orchester weiterhin verbunden. Insofern ist meine eigene Arbeit auch noch unvollendet“, scherzt er. Die passende Erklärung hat er auch gleich parat. „Wir haben nur eine Bruckner-Sinfonie in den vier Jahren gemacht, das war die zweite. Das ist mir ein bisschen zu wenig an Bruckner“, so Eschenbach. „Auch Beethoven-Sinfonien haben wir nicht sehr oft gespielt. Die große Sinfonik habe ich also im Blick. Auch von Haydn haben wir nur zwei oder drei Sinfonien aufgeführt, anstatt der 104, die der Klassiker uns hinterlassen hat.“ Am 22. September ist er zu Gast beim Konzerthausorchester. Er dirigiert Britten und Tschaikowsky. Einen Monat später werden es Werke von Mozart und Haydn sein.

Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Mitte. Tel. 203092102 Termine: 17. Juni um 20 Uhr, 18. Juni um 16 Uhr