Christoph Eschenbach dirigiert beim Konzerthausorchester sein vorletztes Konzert als der gefeierte Chefdirigent, der er über fünf Jahre gewesen ist – im hohen Alter von mittlerweile 83 Jahren. Im Juni wird er noch einmal mit Schuberts „Unvollendeter“ und Mozarts Requiem zum Orchester zurückkehren, bevor im Herbst seine Nachfolgerin Joana Mallwitz das Ruder im Konzerthaus am Gendarmenmarkt übernimmt.

Christoph Eschenbach am Pult.
Christoph Eschenbach am Pult. © Pablo Castagnola

Und so soll es jetzt, kurz vor Schluss, noch einmal „Eschenbach pur“ geben – was für einen jahrzehntelangen Spezialisten des deutschen romantischen Repertoires gerne ein Programm mit Johannes Brahms bedeuten darf. Der lebenslang umtriebige Eschenbach buchstabiert das diesmal besonders traditionell aus: vor der Pause das Violinkonzert D-Dur, nach der Pause die Zweite Sinfonie des Komponisten in der gleichen Tonart.

Es wird trotz dieser Geschwisterhaftigkeit der Werke – beide entstanden in schönster Kärntner Atmosphäre am Wörthersee – ein in Aufführungsdingen doppelgesichtiger Abend. Aufschlussreich ist – nicht zuletzt über Brahms‘ Komposition selbst –, welche Schwierigkeiten das Dirigat des Violinkonzerts offenbart, wenn auch an diesem Abend leider manchmal unfreiwillig. Bevor der junge Violinsolist Seiji Okamoto aus Japan einsetzt, tritt der ohnehin schon weit ausholende erste Satz auf der Stelle. Eschenbach und das Orchester finden nicht sofort einen gemeinsamen Puls. Bläsereinsätze für ein Tutti des Orchesters wirken unsicher, tiefe Streicher tragen oft dicker auf als nötig. Es sind Zeichen der Unsicherheit.

Geiger Seiji Okamoto spielt zupackend und extrovertiert

Indirekt geben sie Hinweise, welcher Grad an Koordination der Interpreten nötig ist, um dem komplizierten Charakter des Komponisten eine ebene Spielfläche für den musikalischen Ausdruck seines Inneren zu geben. Erst mit dem Einsatz der Violine wird das Bild geradegerückt. Okamoto spielt einen zupackenden, extrovertierten, aber bei weitem nicht unsensibel geführten Violinpart. Die leisen Töne fallen in allen Sätzen unter den Tisch, aber da geht das Orchester voll mit, denn daran kann man sich im Rahmen einer sonst wackeligen Verständigung halten.

In Brahms‘ Zweiter Sinfonie wird das große Melos, der satt ausgespielte Ton zu einem Plus der Interpretation. Hier trägt Eschenbachs Wunsch, die Tempi breit und ruhig anzulegen, Früchte. Hier fügen sich auch plötzlich die Bläser viel homogener ins Orchestertutti. Hier kann die exquisite Solo-Oboistin Michaela Kuntz sich auch leichten Herzens ein Piano über dem Streicherbett trauen. Christoph Eschenbach führt mit sicherer Hand durch die Sätze, formt souverän den Klang und bleibt an den elaborierten Brahmsschen Themen so lange gestaltend dran, bis sie als Melodien für das gesamte staunende Publikum plastisch und greifbar werden. Es ist eine Art der Musikvermittlung, wie sie mit dieser Kraft nur die großen Alten unter den Pultstars beherrschen – das macht Christoph Eschenbach so schnell niemand nach.