Viele ihrer Fans hatten sehnlichst darauf gewartet, Hilary Hahn wieder live erleben zu dürfen. Am Mittwoch war es dann so weit: Die mittlerweile 43-jährige Star-Geigerin präsentierte sich als Solistin in Johannes Brahms’ Violinkonzert. Unterstützt wurde sie vom Orchestre Philharmonique de Radio France unter dessen Chefdirigenten Mikko Franck, das nach der Pause noch Dmitri Schostakowitschs fünfte Sinfonie zur Aufführung brachte. Der Solopart des Brahms-Konzerts mit vielen virtuosen Schwierigkeiten gespickt, wie schnelle Läufe, schwierige Sprünge und Doppelgriffe. Hilary Hahn technische Fähigkeiten sind allerdings so überragend, dass ihr diese Dinge nicht die geringsten Probleme bereiten. Ihr Spiel ist stets glasklar, ihre Intonation schlichtweg phänomenal. Darüber hinaus verfügt sie über einen atemberaubend schönen, regelrecht hypnotisierenden Ton.
Große Teile des Publikums spenden Zwischenapplaus
Für den großangelegten Kopfsatz des Konzerts finden Hahn und Mikko Franck ein angenehm flüssiges Tempo, allerdings nehmen sie sich für die lyrischen Stellen etwas mehr Zeit, dabei zeigt sich Franck als überragender Vermittler zwischen Solistin und Orchester. Der erste Satz gelingt so fabelhaft, dass große Teile des Publikums Zwischenapplaus spenden, dies wiederholt sich nach dem zweiten Satz, in dem Solistin wie Orchester wunderbar kantabel agieren und für viele farbliche wie dynamische Kontraste sorgen. Auch im ungarisch geprägten, dritten Satz überzeugt die amerikanische Geigerin, indem sie die tänzerischen Figuren des Hauptthemas geschmeidig in die melodische Linie integriert. Nach dem Schlusston bricht ein frenetischer Applaus in der vollbesetzten Philharmonie aus. Mit stehenden Ovationen und Jubelrufen feiern die Berliner die Star-Geigerin. Diese bedankt sich mit drei Solo-Zugaben, darunter zwei Sätze aus Bachs d-Moll-Partita.
„Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen!“
In eine komplett andere musikalische Sphäre begibt sich das Orchester nach der Pause. Schostakowitschs fünfte Sinfonie entstand 1937 unter dem Eindruck des Großen stalinistischen Terrors, er selbst wurde damals vom Regime dazu gezwungen, seine vierte Sinfonie wieder zurückzuziehen. Die Fünfte hingegen wurde nicht nur vom Publikum gefeiert, sondern auch von offizieller Seite als die Rückkehr des Komponisten zur Linie der sowjetischen Kulturpolitik begrüßt. Das Marschfinale wurde als Verherrlichung des Regimes angesehen, Schostakowitsch hingegen schreibt in seinen Memoiren, dass der scheinbare Triumphmarsch in Wirklichkeit ein Todesmarsch sei: „Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: Jubeln sollt ihr!“ Mikko Franck und seinem französischen Orchester gelingt es, das Werk in seine Vielschichtigkeit ausdrucksstark zum Klingen zu bringen. Im zweiten Satz arbeitet er wunderbar das traurig-resignative Moment heraus, in dem das Orchester seine fantastische Pianissimo-Kultur zeigt, während er den bereits erwähnten Marsch im Finale so grotesk überzeichnet, dass sofort klar wird, wie das Ganze eigentlich zu verstehen ist. Auch hier gibt es stehende Ovationen vom begeisterten Publikum, das großartige Konzerte endet schließlich mit Maurice Ravels berühmter „Pavane für eine verstorbene Prinzessin“ als Zugabe.


