Gesindemarkt im Parkett des Berliner Ensembles: Gutsbesitzer Puntila braucht dringend Hilfsarbeiter, der Torf muss gestochen werden. Also steigt Puntila in Gestalt von Sascha Nathan von der Bühne zu uns runter, prüft körperliche Eignung, fragt unsere Arbeitserfahrung und Aufstehzeiten ab. Merkt dann aber doch ziemlich schnell, dass das nicht passt, vor neun Uhr morgens will sich hier keiner ertüchtigen und für den schon gar nicht. Wir haben ihn in den vorherigen Szenen ja bereits ein bisschen kennengelernt, diesen janusköpfigen Willkür-Herrscher, der besoffen den kumpelhaften Menschenfreund gibt und nüchtern zum rücksichtslosen Ausbeuter an Mensch und Natur wird. Bertolt Brechts 1940 im finnischen Exil entstandener Text „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ ist ein parabelhaftes Volksstück mit Klassenkampf-Überbau. Die österreichisch-bulgarische Regisseurin Christina Tscharyiski hat es fürs Berliner Ensemble neu in Szene gesetzt.
„Herr Puntila und sein Knecht Matti“: Aktivisten in neonfarbenen Westen
Der Parkett-Ausflug wäre eine gute Gelegenheit gewesen, das Stück neu zu befragen. In den letzten 80 Jahren hat sich in den Umständen und Begrifflichkeiten ja doch ein bisschen was getan. Es gibt ein paar kleinere Anspielungen, auf die „Klimakleber“ zum Beispiel, und die Arbeiterklasse trägt Warnwesten in Neonfarben. Ansonsten aber bleibt die Regisseurin textlich ganz nah an der Vorlage und betont das Volksstückhafte und das Deftige. Sascha Nathan als Puntila weiß das grandios zu nutzen: Er säuft, wankt und kotzt, sucht aquavitselig die Nähe zum Volk und weiß sternhagelvoll noch, dass er „sternhagelnüchtern“ nicht gerade der angenehmste Zeitgenosse ist.
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Zu spüren bekommt das am direktesten sein Knecht Matti, der eigentlich sein Fahrer ist. Gespielt wird er von Peter Moltzen und der stattet ihn mit einer gewitzten Größe aus. Er ist derjenige von beiden, der zwar nicht die Macht, aber die Lage unter Kontrolle hat. Er gibt in seinen weißen Hosen und dem braunen Ledermantel auch das deutlich gepflegtere Bild ab als sein runtergerockter Dienstherr in seinen versifften Klamotten. Kein Wunder, dass sich Puntilas Tochter Eva an Matti ranmacht. Doch die ist bei Nora Quest nur ein unreifes Upper-Class-Girl und ihr Verlobter, der Attaché (Pauline Knof), eine roboterhafte Witzfigur. Diesen lachhaften Oberklasse-Karikaturen nun setzt die Regisseurin einen 14-köpfigen Arbeiterklassen-Chor entgegen, der zum Bühnengeschehen nicht nur Paul-Dessau-Songs beisteuert, sondern sich auch bei Billie Eilish oder Deichkind bedient.
Fix und fertig in Unterwäsche am Boden
Die Bühne von Thilo Ullrich ist dabei sehr nüchtern gehalten, ein hoher Holzbau mit ein paar Aussparungen hinten und seitlich, durch die die Drehbühne immer mal wieder ein paar grob gezimmerte Objekte schiebt, eine riesige Gabel zum Beispiel oder eine schmale, ins Nichts ragende Treppe. Es wirkt dieser Abend alles in allem zwar solide, aber insgesamt auch ein bisschen uninspiriert, es kracht zwar derb und deftig, aber da tut nichts wirklich weh, da eckt nichts an. Höchstens noch berührt es, wie Sascha Nathans Puntila am Ende nach seiner völligen Selbstzerstörung fix und fertig in verschwitzter, dreckiger Unterwäsche am Boden liegt. Matti hat da schon beschlossen, seinen Herrn endgültig zu verlassen, drückt ihm vorher aber noch kurz einen Kuss auf den Scheitel. Nach klassenkämpferischer Rebellion sieht das nicht aus, sondern eher nach menschlicher Enttäuschung und Resignation.
Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Kartentel. 284 08 155. Nächste Termine: 23.04., 03.05. und 04.05.


