Ein szenischer Kurt-Weill-Abend mit der Berliner Chansonnière Katharine Mehrling in der Komischen Oper, inszeniert unter dem Titel „… und mit morgen könnt Ihr mich!“ von Barrie Kosky. Beim Programm „Lonely House“ im Dezember 2019 sang Katharine Mehrling schon Weill-Songs und Kosky, damals noch Intendant, begleitete sie höchstselbst am Klavier. Jetzt spielt das große Orchester und alles ist in Szene gesetzt. Eigentlich hätte es das Ganze schon früher geben können.

Für das Haus an der Behrensstraße liegt es scheinbar auf der Hand: Weill, der so spielerisch mit deutschsprachiger Alltagspoetik umging, der dabei doch das hochartifizielle Genre Oper meisterlich bediente. Weill forderte in seinem Musiktheater, mal gemeinsam mit Brecht, mal mit Erich Kästner und zuletzt mit den glatteren Textern des New Yorker Broadways: Aufhebung der sozialen Spaltung, Gleichstellung von Mann und Frau, Abkehr vom Götzen Geld. Und das alles ab Beginn der 1920er-Jahre, also im Zug des Zusammenbrechens einer alten Ordnung und mit einer riesigen Transformation der Gesellschaft in Richtung Unbekannt.

Das Bühnenbild von Klaus Grünberg zum szenischen Liederabend ... und mit morgen könnt ihr mich!“ in der Komischen Oper.
Das Bühnenbild von Klaus Grünberg zum szenischen Liederabend ... und mit morgen könnt ihr mich!“ in der Komischen Oper. © Barbara Braun

Merken Sie etwas? Das könnte der Grund sein, weshalb Kosky seine Diva Mehrling gerade im Jahr 2023 auf die Bühne der Komischen Oper stellt, um im rasanten Wechsel der Kostüme und der Bühnenbilder Songs von Kurt Weill darzubieten. Ob der europäische Frieden oder unsere Selbstwirksamkeit verschwinden, weil uns künftig eine künstliche Intelligenz die Welt erklärt: Gefühlt scheint auch unser Boden in letzter Zeit so zu wackeln, wie es Weill und seine Zeitgenossen in Berlin vor genau hundert Jahren erlebten.

In großstädtischer Geschäftigkeit irren die Darsteller über die Bühne

Das Bühnenbild von Klaus Grünberg vermittelt da geschickt zwischen heute und damals – als im Grunde unsere Gegenwart auch ein bisschen anbrach: In großstädtischer Geschäftigkeit irren durch ein Kabinett knallend öffnender und schließender Holztüren Mehrling und der Tänzer Michael Fernandez. Er ist der Sängerin an diesem Abend als queerer Sparring-Partner an die Seite gestellt. Auch das nächste Bild weist auf die Kälte und Anonymität unserer Bürowelt. Das Bild ist aber vielseitig deutbar, je nach Song über Geld, Liebe oder sexuelle Hörigkeit: ein Beleuchtungsensemble aus glockenartigen Schreibtischlampen, theoretisch auch für Kreuzverhöre und Folterkeller geeignet.

Mit welcher Virtuosität sich Katharine Mehrling von der Dreigroschen-Hure über die Seeräuber-Jenny bis zum armen Marterl in Weills „Berliner Requiem“ stimmlich und in der Erscheinung wandelt, ist bewundernswert – hat dabei aber wenig wirkliche Überraschung oder hintergründigen Zauber jenseits von Theaterdampf zu bieten.

Das liegt allerdings auch an der Musik: Dirigent Kai Tietje hat im Auftrag des Hauses Weills Orchesterbegleitung auf Big-Band-Format aufgemotzt. Das mag für die komplizierte Melodielinie der „Zuhälter-Ballade“ angehen, die auf diese Art wie eine kongeniale Vokal-Improvisation einer Ella Fitzgerald wirkt – ein überraschender Effekt. Weill als Breitwand-Jazz, das wurde seit Louis Armstrong oft gemacht – aber Weills Musik fasziniert eigentlich das irritierende Changieren zwischen Maschinenhaftig- und Menschlichkeit. Darauf läuft doch der Abend ohnehin hinaus. Weshalb missgönnt man Kurt Weills Musik ihre Ambivalenz?

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel.: 47 99 74 00. Termine: 30. März; 6., 9. und 29. April; 13. Mai; 2. Juni.