Theater

Was Berührungen bedeuten können: „Gänsehaut“ an der Parkaue

| Lesedauer: 3 Minuten
Elena Philipp
Im Reigen, von link nach rechts: Claudia Korneev, Anna Athanasiou, Salome Kießling, Elisabeth Heckel (vorn); Tenzin Chöney Kolsch, Adamou Bance, Jessica Cuna, Kaveh Ghaemi (hnten)

Im Reigen, von link nach rechts: Claudia Korneev, Anna Athanasiou, Salome Kießling, Elisabeth Heckel (vorn); Tenzin Chöney Kolsch, Adamou Bance, Jessica Cuna, Kaveh Ghaemi (hnten)

Foto: Sinje Hasheider

Modjgan Hashemian und ihr Team widmen sich im Tanzstück „Gänsehaut“ im Theater der Parkaue einem wichtigen Organ: der Haut.

In ihren Fantasiesprachen können sie sich nicht verständigen, die beiden, die sich hier gegenüberstehen. Offen und freundlich, aber mit höflichem Abstand, fast distanziert. Auf nonverbaler Ebene allerdings nehmen sie begeistert Fühlung auf. Da bringt ein annähernder Schritt einen Körper in Wallung, Fingerspitzen recken sich zueinander, die Berührung elektrisiert. Rührend und komisch ist diese Szene, die Modjgan Hashemian und ihr Ensemble in „Gänsehaut“ für eine erste Kontaktaufnahme finden. Je vier Tänzer verkörpern eine Figur, eine spricht, die anderen drei ringeln sich um sie herum, lassen ihre Gliedmaßen in Richtung des Gegenübers züngeln und sind gemeinsam in heller Aufregung.

„Gänsehaut“: Die schönsten und die schrecklichsten Begegnungen

Annäherung und Abstoßung ist eines der Themen in „Gänsehaut“. Ausgangspunkt für die Stückentwicklung war die Haut: die Grenze zwischen Innen und Außen, an der die schönsten und schrecklichsten Begegnungen stattfinden können. Berührungen, die den Körper erbeben lassen, Umarmungen, die beruhigen, aber auch Blicke und Bewertungen, die verletzen. Als charismatische Diva auftretend, erzählt Salome Kießling, wie ihr die tadelnden Bemerkungen der Eltern über ihren Körpergeruch zu nahe gingen. In einem aus üppigen Filzwülsten gewebten Kleid (Kostüme: Cristina Lelli) ist sie der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wird an den Kleiderzipfeln aber auch im Zaum gehalten von den anderen. Dann wieder steht Elisabeth Heckel mit einer hautartigen Lederjacke mitten in der Gruppe, die an ihr herumzupft, zieht und quetscht. Angewidert und steif lässt sie das Getatsche über sich ergehen.

Lesen Sie auch: Revolutionäres Wogen – „Beethoven 7“ von Sasha Waltz & Guests

Was berührt dich?, war die Ausgangsfrage für die Recherchen der Berliner Choreographin Modjgan Hashemian mit ihrer ganz selbstverständlich diversen Besetzung aus fünf Mitgliedern des Parkaue-Ensembles und drei freien Tänzerinnen und Tänzern. Erkundigt haben sie sich bei Schülerinnen und Schülern aus siebten und achten Klassen zweier Schulen. Vielfältig sind die Antworten, die teils vom Band zu hören sind und teils in die Texte eingeflossen sind. „Viele Sachen machen mich traurig zurzeit. Sie machen mir Gänsehaut“, wird etwa Sherin im Programmheft zitiert.

Theater an der Parkaue: Herzenswärme und Gedankentiefe

Elisabeth Heckel greift die Besorgnis in einem Wut-und-Angst-Monolog auf, der anschaulich und konkret von Obdachlosigkeit bis zur Klimakatastrophe reicht. Aber dann tanzt Jessica Cuna so beschwingt fröhlich um das kreisrunde, rosafarbene, hügelige Hautstück, das hier bespielt wird (Bühne: Shahrzad Rahmani), und Adamou Bance legt dort ein so virtuoses Tanzsolo hin, dass man sofort in eine andere Stimmung gerät. „Wenn was Schlimmes vorgefallen ist, dann reicht oft schon die Umarmung der besten Freundin und dann fühlt man sich sicher“, hat Laura dem Produktionsteam mitgegeben. „Gänsehaut“, mit dem die Parkaue ihr erfreuliches Engagement im Tanz verstärkt, ist ein buntes Sammelsurium des Berührenden für junge Menschen ab 12 Jahren. Dramaturgisch ist das noch nicht zu 100 Prozent stimmig, aber das knapp 70-minütige Stück ist so voller Herzenswärme und Gedankentiefe, dass sich das Zusehen in jedem Fall lohnt.

Theater an der Parkaue, Parkaue 29, Lichtenberg. Tel.: 557 752 52. Termin: 18. April, 10 Uhr.