Früher mal, so Anfang der 1980er-Jahre, war das Leben noch einfach. Es herrschte Kalter Krieg. Daher konnte man Gut und Böse prima unterscheiden. Für Stefan Jürgens war es ganz einfach. Auf der einen Seite standen Willy Brandt, Nelson Mandela und David Bowie, auf der anderen Breschnew, Idi Amin und Heino. Heute hingegen, mit 60 Jahren, hält das Leben für ihn andere Herausforderungen bereit. Angefangen beim Arztbesuch. Einst sprintete er in wenigen Sekunden die drei Etagen rauf und flirtete anschließend locker mit der hübschen Arzthelferin. Jetzt braucht er 15 Minuten mit dem Fahrstuhl und bekommt dann mit einem Lächeln einen Urin-Becher gereicht.
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Alles kein Grund zu verzweifeln, wie der Schauspieler, Kabarettist und Singer-Songwriter weiß. In seinem neuen konzertanten Best-of-Programm „So viele Farben“, benannt nach seinem gleichnamigen Album, nimmt er die Zuschauer im Schlosspark Theater mit auf eine Reise durch sein facettenreiche Gedanken- und Gefühlswelt. Natürlich geht es dabei ums Älterwerden, aber auch um die Liebe und andere zwischenmenschliche Begegnungen.
Stefan Jürgens: „Ich war Hühnchenverkäufer im Billigfernsehen“
Eigentlich kennt man ihn ja. In den Neunzigern erreichte er Kultstatus mit der Mutter aller deutschen TV-Comedy-Shows „RTL-Samstag-Nacht“. Anschließend war er zwei Jahre lang „Tatort“-Kommissar Robert Hellmann, bevor er den raubeinigen Major Ribarski in der Soko Wien/Donau gab. Weil er Wert auf gute Umgangsformen legt, stellt sich Stefan Jürgens jedoch kurz selbst vor, damit alle wissen, mit wem sie es zu tun haben. Die Biografie klingt bei ihm allerdings etwas anders: „Mit 30 war ich Hühnchenverkäufer im Billigfernsehen, dann habe ich mich 14 Jahre lang in Österreich als Piefke beschimpfen lassen.“
Nichts, was er aktuell sonderlich vermisst. Dafür macht er endlich wieder live Musik. Und zwar richtig gute. Nicht mit Band, wie vor der Pandemie, sondern mit verschlankten und akustischen Arrangements. Begleitet von Multi-Instrumentalist Ralf Kiwit mit Gitarre, Saxophon und Schlagwerk, kommen seine markante Stimme und sein Klavierspiel dadurch noch strahlender zur Geltung. Aber auch seine klugen Texte. „Ich will nicht viel von dir“ etwa. Eines der schönsten Liebeslieder in deutscher Sprache.
Stefan Jürgens empfiehlt den heilsamen Blick nach innen
Die Liebe treibt Stefan Jürgens um. Auch in seinen Gedichten aus seinem Band „Love Letters“, von denen er einige zitiert. Doch er fragt sich, wo heutzutage die Romantik hin ist. Er hat bemerkt, dass alle irgendwie auf der Suche sind. Nicht nach dem wir, sondern vor allem nach sich selbst. Und er gibt seinen Geschlechtsgenossen den weisen Rat: „Schaut nicht so tief in euch rein. Da ist nichts.“
Er muss es wissen, hat er doch das Brimborium mit der vermeintlichen Selbstfindung schon hinter sich. Heute sucht er nur noch nach seiner Brille. Aber er hat einen Rat: Gentleman sein. Mit etwas Glück bringt das nicht nur die Romantik zurück, sondern auch die fast vergessenen intensiven Gefühle. Wenn selbst das nicht hilft, einfach mal ein Album von Stefan Jürgens auflegen. Anspieltipp: „Überm Meer“. Dann klappt es auch mit der Zweisamkeit.


