60 Jahre auf der Bühne – das ist wahrlich ein Anlass zum Feiern. Nicht aber für Gitte Haenning. Mit der runden Zahl hat die Sängerin, wie sie selbst ironisch meint, ja schon Erfahrung. Ihr 60. Geburtstag ist schon etwas länger her. Ihr 60. Bühnenjubiläum aber auch. Denn in ihrer dänischen Heimat stand sie schon 1954 im zarten Alter von acht Lenzen auf der Bühne.
Im Tipi am Kanzleramt wird mit dem neuen Programm „Für immer und neu“ nun gleichwohl das 60. Bühnenjubiläum gefeiert: aber das in Deutschland. Was ihr solche Zahlen bedeuten, daraus macht Gitte Haenning keinen Hehl: „Gar nichts.“ Darauf folgt dieses kecke Lachen, für das sie so berühmt ist. Sie blicke nicht zurück. Sie hätte auch gar nicht gewusst, dass man das so ankündigt. Aber, meint sie lapidar: „Ich mache einfach das, was ich immer tue: arbeiten. Und wenn das Leute animiert zu kommen, ist es doch schön.“
An ihr Debüt auf einer deutschen Bühne 1963 denkt sie nicht gern zurück
Wir treffen die 76-Jährige im Tipi, eine Woche vor ihrer Premiere am 9. März. Ein gewisser Ruf eilt ihr voraus. Sie sei schwierig, warnen Kollegen, sie wolle im Nachhinein Zitate nicht freigeben oder ziehe Interviews zuweilen ganz zurück. Uns begegnet eine ganz andere Gitte Haenning. Offen, herzlich, ehrlich. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Macht auch im Nachhinein keinen Rückzieher.
Für den Fotografen macht sie alles, gibt sogar den Clown. Und schmettert dazu leicht abgewandelt einen Hit aus „West Side Story“: „Make me Pretty“. Danach mummelt sie sich indes wieder in ihre dicke Winterjacke und den knallgrünen Schal. Bloß keine Erkältung kriegen im windigen Zelt. Auch die Kapuze zieht sie irgendwann hoch, sieht aus wie eine Mondwanderin. Aber sie bleibt immer nahbar. Und weicht keiner Frage aus. Auch wenn es, Pardon!, oft um Dinge geht, die sie weit hinter sich gelassen hat.

Tatsächlich ist das 60. Bühnenjubiläum in Deutschland etwas, woran sie nicht so gern zurückdenkt. Sie war schon ein Kinderstar in Skandinavien, dann auch ein Jugendstar. Und dann wollte man 1963 „die Gitte“ (sie spricht es ganz weich, wie „Gidde“) halt auch auf Deutsch haben. 16 war sie damals und wurde nach Düsseldorf geschickt, zu einer Familie. Deutsch hatte sie schon in der Schule gelernt. Hier sollte sie es auffrischen. Das fand sie nicht lustig, sie hat es aber mit sich geschehen lassen.
Musikmanager haben dann ein paar Lieder für sie eingekauft. Zum Beispiel „I’m sorry“ von Brenda Lee. Das wurde aber kein Erfolg mit ihr. Es gab auch andere Versuche, das habe sie als Teenager aber „nicht angetörnt“, wie sie zugibt. Und sie nennt auch den Grund: „Die Sprache war einfach nicht mein Ding.“ Doch dann kamen die Leute und meinten, jetzt hätten sie einen Hit für sie.
Erfolg mit einem Cowboy - „Und dann ging der Schlamassel los
Sie schickten ihr eine Aufnahme, gesungen von einer anderen Frau. Die fand die junge Gitte ganz gut. Und fragte nur: Warum nehmen Sie nicht die? Die hätten aber nur gelacht, erzählt sie, und gar nicht verstanden, dass das kein Scherz war, dass sie das ernst meinte.
Das Lied war, man ahnt es, „Ich war ein Cowboy als Mann“. Ein merkwürdiges Lied, findet Gitte Haenning noch heute. Das ganz viel über Deutschland erzählte und seine Beziehung t zu den Amerikanern, die das Land befreit und nach dem Krieg mit Care-Paketen unterstützt hätten. Eine Dankes-, eine Liebeserklärung. Aber was hatte sie als Dänin damit zu tun? Immerhin: Den langen Ton, den man da im „Coooooooowboy“ singen und halten musste, das konnte sie. Und Biss hatte sie auch. Also sang sie es. Es wurde ihr erster Hit in Deutschland. „Und dann ging der Schlamassel los“, wie sie trocken meint.

Der Schlamassel war, dass sie plötzlich eine Schlagersängerin sein sollte. Ein Irrtum. Ein Missverständnis. „In der Schlagerbranche habe ich mich immer fremd gefühlt“, da ist sie ganz resolut. „Ich verstehe Schlager nicht, das ist so statisch, nicht real, nicht lebendig.“ Dann hat man auch noch versucht, sie mit Rex Gildo zu einem Schlagertraumpaar aufzubauen, mehr noch: für die Medien auch zu einem Liebespaar. Aber das wollte sie nicht.
Sie war unabhängig und ließ sich nie einschüchtern: „Berühmtsein, das hatte ich schon“
Die alten Herren aus der Musikbranche meinten: Das ist doch nur Papier. Aber nein, für sie war es – ihr Leben. „Ich war immer die Böse“, sagt sie heute, „die, die mit dem Business nichts zu tun haben wollte. Die sagt, ich steige aus.“ Wie auch in den 80er-Jahren. Als sie die Tralala-Schlager nicht mehr singen wollte, als sie neue, andere Lieder sang. Von wegen Cowboy als Mann. „Freu dich bloß nicht zu früh“, sang sie jetzt. Das war eher eine Drohung. „So schön kann doch kein Mann sein.“ Oder: „Ich will alles / Ich will alles / Und noch viel mehr“.
Es sei nicht leicht gewesen, sich damals im Musikgeschäft durchzusetzen und sein Image zu ändern, gibt sie zu. „Aber ich habe gesagt: Ich trete nur an, wenn alles stimmt. Inhaltlich und musikalisch.“ Das wurde schließlich akzeptiert. Sie war ja unabhängig. Und was man ihr einreden wollte, dass das keinen Erfolg haben, dass es ihrem Ruhm schaden würde, das prallte an ihr ab. „Berühmt zu sein, das hat mir nie etwas bedeutet“, sagt sie. Ja, mehr noch: „ Das hatte ich ja schon. Und das war lästig.“ Und, nach einer Pause. „Ist es immer noch.“
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Sie war ja ständig erfolgreich. Als Kind. Als Teenager. Als junge Frau. In Dänemark. In Skandinavien. In Deutschland. Sie war ständig unterwegs. Aber „früh bewundert zu werden, ist nicht gesund“. In der Schule hat man sie ständig aufgezogen, meinte, sie würde sich als was Besseres sehen.
Sie kam heulend nach Hause, ihre Mutter dachte: Was hast du angestellt? Ihr Vater riet ihr aber: „Du sagt dann: Ja, ich singe. Na und?“ Das hat sie getan. Und das hat auch funktioniert. „Aber man entwickelt dann einen Kokon, um sich zu schützen. Und ist gar nicht in der Lage, richtig zu kommunizieren.“ Immerhin: Sie hat so früh gelernt, Nein zu sagen, wenn sie etwas nicht will.
Sie singt Lieder von Meineke, Reiser und Grönemeyer - den sie „Grölemeyer“ nennt
Auch ihr neues Programm handelt davon. „Für immer und neu.“ Sie habe da ein paar Perlen hervorgeholt. Sie singt Lieder von Ulla Meineke, Rio Reiser und Herbert Grönemeyer (denn sie versehentlich „Grölemeyer“ nennt und dann keck darüber lachen muss). Sie singt auch dänische Titel, die man hierzulande kaum kennt.
Und dann, in der zweiten Hälfte, amerikanische Evergreens. Keine eigenen! Sie wolle ja selber schwelgen! Da sei sie ganz egoistisch. Am Ende kriegen die Fans aber natürlich auch die Hits, die man in Deutschland von ihr erwartet. Immer ein bisschen anders, als sie sie früher gesungen hat. Auch mit dem „Coooowboy“ hat sie ihren Frieden gemacht: als Blues-Nummer. Aber den gibt es diesmal nicht.
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Bei 60 Bühnenjahren, oder, wenn man’s genau nimmt, 68 – denkt man da eigentlich je darüber nach, einmal aufzuhören? Da schaut Gitte Haenning ganz ungläubig. „Musik ist mein Lebensinhalt“, meint sie. „Das spricht meinen Körper, meine Seele und meine Intelligenz an. Warum sollte ich damit aufhören?“
Ist die Bühne dann ein Lebenselixier? Etwas, das jung hält? Nein, das geht noch viel weiter, erklärt sie. Sie durfte ein paar große Jazzmusiker kennenlernen, die noch im hohen Alter aufgetreten sind. „ Wenn die auf die Bühne gehen, öffnet das eine Welt. Man ist dann in Verbindung mit dem Universum.“ Also in anderen Sphären.
Gitte Haenning fühlt sich als Beduinin. Als Reisende - auch im Kopf
Obwohl sie nie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, lebt Gitte Haenning seit vielen Jahren in Berlin. „Ich nenne es meine Station“, schränkt sie ein. „Es ist nicht meine Heimat. Aber meine Basis. Ich bin ja Reisende, auch im Kopf. Ich kann nicht sesshaft werden, das liegt mir nicht, ich muss frei bleiben.“ Musiker seien wie Gaukler, das fahrende Volk, das mit seiner Kunst durch die Lande zieht. Sie hat in Jordanien Beduinen kennengelernt und fühlte da gewisse Ähnlichkeit. Ist sie eine Beduinin der Musik? „Why not?“, meint sie nur. „Und guck’ mal, jetzt sitzen wir hier in einem Zelt. Das passt.“
Eines hat sich dieses Bühnen-Urgestein indes immer bewahrt. Ihren Schalk. Und ihre Jugend. Klar, die Zeit rast, die macht auch vor ihr nicht halt. „Vor kurzem war ich noch 13. Jetzt bin ich gerade 15 geworden.“ Wer denkt da schon ans Aufhören?



