Soul für die Seele in schweren Zeiten des Krieges. Voll Solidarität und Empathie für alle, die das dieser Tage erleiden müssen, singt Stefan Gwildis den Song „Wem bringt es was?“. Und zeigt damit einmal mehr, dass Soul auch in deutscher Sprache funktioniert. Hat er doch Marvin Gayes Klassiker „What’s going on“ dafür übersetzt. Jenen Song vom berühmtesten, gleichnamigen Soul-Album aller Zeiten, mit dem Marvin Gaye 1971 sein Entsetzen über den Vietnam-Krieg verarbeitete. Kaum ein Lied wäre besser geeignet, um den tiefen Schmerz über das blutige, unsinnige Leid mit einem inbrünstigen Aufschrei zu singen. Was Soul Man Gwildis auf ergreifende Weise gelingt.

Donnerstag
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Eingestiegen ins Konzert im Großen Sendesaal des RBB sind der Hamburger Musiker und seine sechsköpfige Band indes mit viel fröhlicheren Songs. Auftakt macht der Titelsong seines neuen Albums „Bunt“. Ein Plädoyer für eine diverse Gesellschaft in jeder Hinsicht. Aber auch eine musikalische Ansage. Der 64-Jährige will sich schließlich auch stilistisch auf kein Genre festlegen lassen. Live überzeugt er mit Soul, Funk, Jazz und Pop. Und fordert nach „Ich will es bunt“ umgehend „Mach die Musik so laut du kannst“.
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Dazu gibt es fette Bläsersätze, die mindestens zum Mitwippen animieren. Beim dritten Song fordert Stefan Gwildis die Zuschauer auf, sich von den Plätzen zu erheben. Dafür ist „Tanzen übern Kiez“ ja wie gemacht, das eingedeutschte Cover des Hits „Dancing in the streets“. 1964 von Martha the Vandellas, 1985 von David Bowie und Mick Jagger gesungen. Und prompt verfallen einige in ekstatische Ausdruckstänze. Was sie druckvollen beim Hit „Sie ist süß“ nahtlos fortsetzen können.
Gwildis tupft sich danach erst mal bühnenwirksam den Schweiß vom Gesicht und schleudert in großer, hübsch ironischer Star-Geste das weiße Hand ins ergebene Publikum. Anschließend ruft er in wilder James-Brown-Gedächtnispose im Predigerduktus: „You want some more?“ Klar, wollen alle mehr hören. Ist ja ein Konzert. Also improvisiert der Sänger mit souligen Vibes die Namen mancher Zuschauerinnen. Singt „Das ist Michaele aus Wilmersdorf“ und „Sylvia aus Usedom“. Die Androhung, jeden einzelnen an diesem langen, langen Abend so vorstellen zu wollen, macht er dann aber glücklicherweise doch nicht wahr.
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Die Partystimmung kommt so gut an, dass das geborene Bühnentier Gwildis fortan in die Rolle des Animateurs schlüpft. Gefühlt gibt es nun bei jedem zweiten Song Gute-Laune-Mitmach-Terror. Unter Anleitung aufstehen, tanzen, klatschen, schnippen, mitsingen. Ein bisschen wie Ballermann für die Mittelschicht statt uneingeschränktem Konzertgenuss. Man wünscht sich bald, einfach nur mal zuhören zu dürfen.
Glücklicherweise beherrscht Stefan Gwildis zur Erholung auch leisere Töne, wie er mit „Ich bin der Nebel“ beweist. Ein jazziger Song von seinem großartigen Album „Gwildis liest und singt Borchert“, das eine Hommage an den Hamburger Schriftsteller zu dessen 100. Geburtstag 2021 ist. In solchen Momenten strahlt die leicht rauchige Stimme des Sängers mit den mitreißenden Band-Arrangements um die Wette. Zeitlos schön.




