Der Kopf von Jonathan Meese schwebt regelmäßig in einer Blase über die Bühne und verkündet krude Wahrheiten. Im Vorfeld der Uraufführung von „Die Monosau“ war gemutmaßt worden, dass sich hinter dem Regienamen „K.U.N.S.T.“ Meese selber verbergen könnte. Das wurde von der Volksbühne dementiert. Demnach gab es nur einen Drehtag in seinem Atelier. Aber zweifellos haben die Gehirnflüsse des Malers, Performers und Videokünstlers den gut zweistündigen Abend fest im Griff. Das Stück basiert auf seinem „Episodenroman on the Rocks“, der über viele Jahre hinweg wie eine Art Tagebuch mit Manifesten, Songtexten oder Geschichten entstanden ist.
Den Episodenroman muss man genauer erklären, um das mit den Gehirnflüssen zu verstehen. Meese habe, heißt es, die Werke der Weltliteratur vorm Schlafengehen unter sein Kopfkissen gelegt, und per Osmose seien die Helden in sein Gehirn gelangt. Dort schlummern jetzt also Figuren wie Richard Wagner, Barbarella, Friedrich Nietzsche, Caligula, Nero, Dr. No, James Bond, Moby Dick oder Christian Fletcher, der Obermeuterer auf der Bounty. In der Volksbühne wurden sie am Freitag von sieben großartigen Schauspielern und Schauspielerinnen freigelassen. Allerdings hat man von rund 1000 Seiten Meese nur eine Strichfassung von 35 Seiten inszeniert. Es ist ein kindlich-kunterbuntes Tohuwabohu, das überraschend viel Spaß macht und vom Publikum gefeiert wurde.
Der Text ist verworren und oft lautspielerisch. Irgendwie geht es immer wieder um Gold wie bei Wagners „Rheingold“, im Bond-Film „Goldfinger“ oder im Wildes Westen beim Schürfen nach Goldnuggets. Das Stück lebt von kultureller Aneignung, aber hier wird sich niemand darüber aufregen. Zu Beginn versucht man noch, auf den Lippen der Darsteller abzulesen, worum es genau gehen könnte. Es ist hoffnungslos. Deshalb mal ein kurzer Blick ins Textbuch: „In einem der Briefe, den man ihm am Bette unterm Kissen legte, las er: Du, Geilknab’ sei wach-nackt … und sprich Golden Kobolden aus den Mäulern ...“ sagt Martin in der ersten Szene.
Kerstin Graßmann singt einen Schlager von Marianne Rosenberg
Der souverän zwischen Ernst und Überzeichnung pendelnde Martin Wuttke trägt zeitweilig den T-Shirt-Spruch „Moby Dick mich nicht an“ mit sich herum. Der Abend verströmt einen Hauch der alten Volksbühne. Die schnurrige Berlinerin Kerstin Graßmann, die früher zu Christoph Schlingensiefs Truppe gehörte, hat einen der wichtigsten Auftritte. „Ich bin die Monosau!“, ruft sie in Mikrofon: „Die Monosau ist das größte Arschloch!“ Darüber hinaus singt sie noch „Mr. Paul McCartney“, den Schlager von Marianne Rosenberg. Es klingt so schön und so falsch. Es passt wunderbar zu diesem Abend, an dem Souffleuse Elisabeth Zumpe bei dem ansonsten sperrigen Text genug zu tun, um alles im Fluss zu halten. Bei der Premiere ist viel Nervosität im Spiel.
Franz Beil bekommt als „hochfrequentierte Muschel“, die in Tabea Brauns Kostüm die eigene Perle wie eine Bowlingkugel herumträgt, überraschend viele Lacher. Benny Claessens lässt gefühlt immer seinen nackten Bauch schwabbeln, er tänzelt und singt hemmungslos über die Bühne. Eindrucksvoll ist sein Interview mit Martin, bei dem er keifend bis zum Überdruss wiederholt: „Ich bin der Thermo-Boy“.
Es wird viel geraucht in dem Stück, meist, wenn der nächste seinen Monolog beginnt. Rosa Lembeck spielt die Naive und darf später eine Konfettikanone abfeuern. Die wandlungsfähige Margarita Breitkreiz ist ein bisschen als Mädchen für alles unterwegs. Bühnenbildnerin Nina von Mechow hat einen langen Laufsteg durchs Parkett bauen lassen, auf dem Meeses mythologische Figuren regelmäßig auf- und abflanieren und manchmal Veranstaltungswerbung ins Publikum werfen. Ansonsten werden die Bühnenbilder wie eine Collage immer wieder neu zusammengewürfelt, die Drehbühne gibt auf- und abfahrende Podeste frei. Ein Abfalleimer im typischen BSR-Style hat seinen festen Platz. Bei Meese sind immer auch die „Proll Prollototz“ gefragt.
Die große Erotik bleibt beim Barbarella-Text auf der Strecke
Die große Erotik bleibt beim Barbarella-Textes trotz einer wilden Videocollage auf der Strecke. Kerstin Großmann erzählt schnoddrig die Filmgeschichte der Agentin Barbarella, die auf einen unbekannten Planeten geschickt wird, um den Wissenschaftler Durand-Durand eine Geheimwaffe abzujagen. Es geht um eine „Lustorgel“ der permanenten Orgasmen, sadistische Kinder, eine lesbische Herrscherin und den Rebellenhauptmann Dildano, dem Barbarella aus seinen sexuellen wie politischen Frustrationen heraus hilft. Viele werden sich noch an Jane Fonda in dem Science-Fiction-Film von 1968 erinnern.
Die sexuelle Revolution findet in der Volksbühne bereits lange vorher statt, noch vor den spießigen „Plaudereien bei einer gediegenen Tasse Earl Grey“. Ziemlich unerwartet zieht sich die in Goldfarbe getauchte Astronautin Susanne Bredehöft splitterfasernackt aus, tanzt, schwadroniert über Essen oder versucht, den Martin auf dem Laufsteg zu verführen. Das klingt folgendermaßen: „Ich bin der Body-Schmirgler .... ich entnehm’ Euch jeglichen Reiz, selbst den Reiz des generellen Rumzuckens… - macht Euch nix draus, ich werd’s Euch schon entrauhen, meine Methoden sind ok, Boom.“ Auch diese Szene funktioniert virtuos.
Die Schauspieler werden am Ende bejubelt, ebenso die drei Live-Musiker vom Solistenensemble Kaleidoskop. Die sich an Meeses Musikgeschmack orientierenden Einspielungen reichen von Klassik bis DAFs „Der Mussolini“. Der Künstler lehnt bekanntlich Politik in der Kunst ab und lässt Links und Rechts verschwimmen. Martin Wuttke muss zwischendurch Meeses obligatorischen Hitlergruß zeigen. Wenn das Gesamtkunstwerk Deutschland 2023 beschworen wird, fühlt man sich eine Sekunde lang unwohl. Dafür fehlt dem Abend doch an Substanz.
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Tel. 24065777 Termine: 19. und 25.2., 5. und 19.3.


