Prachtvoll sind die Kostüme: Sattfarbener Stoff, üppig zu Roben und Schleppen drapiert. Rüschen und Glitterfransen, die das Licht der Scheinwerfer einfangen. Schlichte Röcke mit Blusen und asymmetrisch geschnittenen Lederwämsern. Eine kleine Gesellschaft stellen die Tänzer und Tänzerinnen von Emanuel Gat Dance in „Lovetrain 2020“ vor. Schmiede, Höflinge, Marktfrauen mag man in den von Thomas Bradley gestalteten Gewändern erkennen. Oder man genießt einfach das Farbenspiel, den Faltenwurf, die Eleganz, mit der das Ensemble den aufwändigen Putz bewegt.

Am Sonnabend gastierte die in Frankreich ansässige Compagnie von Emanuel Gat bei den Berliner Festspielen. Geplant war eigentlich nur eine Vorstellung, aber dann verkauften sich die Karten dafür so schnell, dass eine zweite Vorstellung am gleichen Abend angesetzt wurde. In Berlin kennt man den israelischen Choreographen. Zum Festival „Tanz im August“ war er eingeladen, unter anderem 2016 mit „Sunny“, das zu jazzigem Sound die Schwarmintelligenz seiner perfekt aufeinander eingestimmten Tänzerinnen und Tänzer feierte. Nun also „Lovetrain 2020“, seine im Corona-Herbst vor zwei Jahren entstandene Choreographie. Auch hier ist sein 13-köpfiges Ensemble atemberaubend. Pure Lebensfreude schwappt über die Rampe.

Ein wenig Melancholie im Wimmelbild

Zu den Songs der britischen New Wave-Band Tears for Fears, zu Hits wie „Mad World“ oder „Shout“, werden lebende Bilder gestellt, aber auch in wilder Ekstase über die Bühne gerannt, gehüpft, getobt. Immer mit absoluter Körperbeherrschung: Sara Wilhelmsson und Gilad Jerusalmy werfen ihre Beine in die Höhe wie Revuetänzerinnen, Milena Twiehaus scheint bei einem Sprung in der Luft stehen zu bleiben und Thomas Bradley überbietet Ichiro Sugae bei einer Folge gewagter Balancen. Bradley ist es auch, der in seinem Solo mit flirrenden Fingern einen Strang Traurigkeit in das fröhliche Wimmelbild einwebt.

Wie viel hier wohl improvisiert ist? Wenn die Tänzer und Tänzerinnen einander zulachen und sich enthusiastisch in die nächste Drehung werfen, wirkt das wie authentische Tanzfreude. Dann wieder finden sie in Gruppen zueinander und wirbeln in Formation diszipliniert durcheinander. An Renaissancemalerei erinnert, was Emanuel Gat als Bühnenbildner und Lichtgestalter selbst in Szene setzt: Wie Säulen sind im Bühnenhintergrund schwarze Stoffe aufgehängt, warm wie ein Sonnentag dringt das Licht zwischen ihnen hervor und kunstvoll wabern Nebelschwaden.

Das Höfische steht neben Punk

L’art pour l’art ist das bisweilen: Dunkel wird es, mitten in einem Song, grell leuchtet ein Scheinwerfer von oben, wo eben noch sanftes Licht herrschte. Inhaltlich lassen sich diese Brüche nicht erklären, sie schaffen einfach Abwechslung. Man verzeiht es Gat, denn spielerisch ist das alles. Ins Höfische mischen sich Punk-Elemente, der Vibe ist lässig. Das Gastspiel von „Lovetrain 2020“ ist ein voller Erfolg: stehende Ovationen und Jubel im vollen Saal. Der neue Intendant der Berliner Festspiele, Matthias Pees, sollte mit Emanuel Gat Dance bald die nächsten Gastspiele vereinbaren.