Der Tennisclub „Netzroller“ hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Menschen hier auch. Wie das Vereinsheim-Mobiliar sind sie da und dort angestoßen, abge-nutzt und in Teilen nur mittelmäßig funk-tionstüchtig. Eine desillusionierte Mittel-schicht-Gesellschaft trifft sich hier zum Match, das keine Sieger kennt. Eröffnet wurde diese Partie, zumindest theore-tisch, bereits 1887, als Anton Tschechow seinen „Iwanow“ schrieb. Es war sein erstes Stück. Die litauisch-amerikanische Regisseurin Yana Ross gibt mit ihrer sehr freien „Iwanow“-Interpretation ihren Einstand am Berliner Ensemble, wo sie künftig regelmäßiger arbeiten wird.

Die Grundzüge von Tschechows Drama hat die Regisseurin dabei komplett in die Gegenwart geholt und ein zehnköpfiges Personal von der russischen Provinz nach Gütersloh verlegt, in den erwähnten Tennisclub. Die Menschen hier heißen jetzt Jürgen oder Dirk, eine Influencerin feiert und füttert zwischen den Trainingsstunden ihre 120.000 Follower auf Instagram. Man begeht einen insgesamt peinlichen Geburtstag auf der Clubhausterrasse, es gibt antisemitische Äußerungen, man diskutiert im Stuhlkreis über „Gewalt in der Sprache“. Die junge Generation schwankt zwischen Genervtheit und Langeweile, die ältere befindet, dass die Partys früher wirklich wilder waren.

Fast niemand kommt mit sich und den anderen klar

Und mittendrin Iwanow (Peter Moltzen), der hier nur Nicolas genannt wird. Wie bei Tschechow hat er finanzielle Probleme, die er verdrängt, und eine schwer kranke Frau. Er liebt Sarah (Constanze Becker), so heißt sie, nicht mehr, hat aber gleichzeitig Gewissensbisse deswegen. Die hindern die junge Sascha (Amelie Willberg) nicht daran, sich ihm offensiv an den Hals zu werfen. Warum sie das tut, weiß man nicht: Nicolas leidet an Knie-, Kopf- und Rückenschmerzen, kommt ziemlich schnell aus der Puste, ist unentschlossen, wehleidig und mag sich selbst nicht besonders. Darin sind hier übrigens alle ziemlich gut: mit sich selbst und den anderen nicht klarzukommen. Das heizt die Stimmung auf dem Court insgesamt auf, und Yana Ross treibt ihr Ensemble dafür in geradezu boulevardeske Verrenkungen, sie sucht eindeutig die Komödie, die in dem Stoff ja durchaus auch vorhanden ist, verliert dabei aber leider den Blick für die Zwischentöne.

Zwischen Betrunkenheits-Stolperern, derben Witzen und lustigen Party-Haarreifen mit wippenden Tennisbällen gehen die wenigen zarteren Momente beinahe unter. Ein paar davon finden in der Ruhe der Umkleidekabine statt, in der Zweisamkeit eines Tanzes, oder wenn Constanze Becker schön traurig singt. Ansonsten gilt: Auf der von Bettina Meyer als Tennisplatz mit darauf drehendem Clubheim eingerichteten Bühne beballert man sich gegenseitig drei Stunden lang fast ununterbrochen mit Wörtern und oft auch mit Tennisbällen. Dabei scheinen die Ballattacken manchmal fast mehr (Schmerz)-Gefühle auszulösen als die der Wörter. Das ist für einen Theaterabend dann doch ein bisschen bedauerlich.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Kartenteil: 284 081 55. Nächste Termine: 7.2. und 8.2., jeweils 19.30 Uhr.