Die litauisch-amerikanische Regisseurin Yana Ross wird nach einigen Jahren in Zürich nun regelmäßig am Berliner Ensemble inszenieren. Am Sonnabend wird Anton Tschechows „Iwanow“ unter ihrer Regie Premiere feiern. Ross bezeichnet sich selbst als „kosmopolitische Nomadin“. Sie hat sich sehr früh und entschieden gegen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine positioniert.
Frau Ross, lieben Sie Tschechow?
Der „Iwanow“ ist meine fünfte Tschechow-Produktion. Ich habe inzwischen fast sein ganzes dramatisches Werk durchgearbeitet. Ich könnte also jetzt wieder von vorn anfangen, beim „Onkel Wanja“, den ich vor zehn Jahren inszeniert habe. Es ist nicht nur so, dass ich ihn liebe. Ich finde in ihm etwas sehr Nahes. In seinen Stücken, in seinen Gedanken fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser.
Sie sind bekannt dafür, die Diskurse der Gegenwart in ihre Arbeiten zu holen. Welche Themen beschäftigen Sie im „Iwanow“?
Mein Ausgangspunkt ist immer der Ort, an dem ich inszeniere. Als ich damals „Onkel Wanja“ inszeniert habe, war der soziale und politische Kontext in Schweden deshalb sehr wichtig. „Iwanow“ inszenieren wir nun im Deutschland der Gegenwart. Wir beziehen uns nicht zwingend auf die politischen Debatten im Hier und Jetzt, aber die Menschen auf der Bühne leben und atmen in der deutschen Gesellschaft, sie sind deutsche Charaktere und bewegen sich in den aktuellen Diskursen. Es gibt die Frage des Antisemitismus, die Frage des Rassismus, die Frage nach dem, was erlaubt ist und was nicht, es gibt einen Generationenkonflikt zwischen Kindern und Eltern: Das alles habe ich zusammen mit dem Ensemble erarbeitet. Sie haben großen Einfluss auf das Stück.
Wie laufen bei Ihnen die Proben ab?
Als Regisseurin bin ich sozusagen übervorbereitet, ich lese alles, was ich kriegen kann. Aber ich muss auch bereit sein, alles Vorwissen fallen zu lassen. Ich versuche die Schauspieler dazu zu bringen, sich den Stoff in der Gegenwart vorzustellen, wir gehen da auf eine gemeinsame Reise. Wir machen dann zusammen Workshops, in denen wir die Themen des Dramas und seine historischen Bezüge Wort für Wort erkunden. Das kann drei bis vier Wochen dauern. Erst dann, wenn wir das Gefühl haben, dass Kopf und Körper bereit sind, springen wir in die Proben. Theater unterscheidet sich darin vom Film, dass es viel mehr Zeit braucht, um Beziehungen aufzubauen. Die Rollen müssen sich erst entwickeln und materialisieren. Für mich ist es ein Geschenk, mit dem Berliner Ensemble zu arbeiten. Ich liebe große Schauspielhäuser.
Im „Iwanow“ hat Anna Petrowna mit Antisemitismus zu kämpfen. Sie selbst sind Tochter einer jüdisch-ukrainischen Mutter. Wie kommt Judenhass in Ihrer Inszenierung vor?
Antisemitismus war in Russland, als Tschechow dieses Stück schrieb, Bestandteil der Politik des zaristischen Regimes. Nikolas II. billigte und beförderte Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung. Im bürgerlichen Milieu jener Zeit zwei Wörter für Juden, eine offizielle Bezeichnung (hebrew) und ein Schimpfwort (jid). In der deutschen Sprache ist das anders. Hier beginnt die Feinarbeit der historischen Recherche über Antisemitismus in Deutschland und Europa. Ich möchte aber kein Museum eröffnen oder Geschichtsunterricht veranstalten. Es geht darum, wie die Sprache heutzutage funktioniert. Wir müssen uns mit uns selbst beschäftigen, wo unsere Vorurteile liegen und welche Rolle das Unterbewusste dabei spielt, wie wir mit uns selbst umgehen.
Tschechow hat selbst gesagt: „Menschen wie Iwanow lösen keine Fragen, sie brechen unter der Last zusammen.“ Er flieht deshalb ins Vergnügen. Beobachten Sie das heute auch?
Ja, als Symptom. Tschechow sagt, dass in seiner Zeit Menschen so konstruiert sind, dass sie ständig unzufrieden sind. Dieses Gefühl der Unzufriedenheit ist so tief, ständig ist man auf der Suche nach etwas. Die Menschen verfallen dem Spielen oder anderen Süchten, sie suchen ihr Heil in Affären, aber dahinter verbirgt sich etwas. Das ist die Essenz bei Tschechow, und danach suchen wir in unserem Stück.
Sie haben zuletzt am Schauspielhaus Zürich gearbeitet. Nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine haben Sie vor dem Zürcher Rathaus mit einem Schild Mahnwache gehalten. Ein halbes Jahr später haben Sie bei den Salzburger Festspielen gegen russische Sponsorengelder protestiert. Wie beurteilen Sie Deutschlands Verhältnis zu diesem Krieg?
Für mich war das größte Problem in der Schweiz der Neutralitätsanspruch. Ich finde Neutralität in dieser Frage obszön. Deutschland ist sehr klar in seinem Standpunkt, es unterstützt die Ukraine, es hat sehr eindrucksvoll enorme Fehler eingestanden, die in den letzten 20 Jahren begangen worden sind. Diese Fehler sind auf sehr effiziente Weise innerhalb von kürzester Zeit korrigiert worden. Das zeigt mir, dass es sich um eine erwachsene Gesellschaft handelt Ich möchte da Deutschland aber auch nicht von der Europäischen Union unterscheiden. Es ist sehr wichtig, die Stärke der Gruppe zu haben. Es gibt aber immer noch Dinge, die ganz offensichtlich falsch laufen.
Welche?
In Berlin darf das „Russische Haus“ an der Friedrichstraße trotz seit Monaten geltender EU-Sanktionen immer noch russische Propaganda verbreiten, obwohl der Weiterbetrieb seit Monaten gegen geltende EU-Sanktionen verstößt. Die Berliner Behörden bleiben hier untätig. Das ist nicht hinzunehmen.
Sie sind in Moskau geboren und haben schon 2012 entschieden, dort nicht mehr zu inszenieren. Warum schon so früh?
Es geht mir hier um meine künstlerische Integrität. Ich war im März 2012, als Putin wiedergewählt wurde, auf Tournee in Russland. Die Schauspieler, mit denen ich damals unterwegs war, wurden von der Polizei fast verhaftet. Nachdem Putin wiedergewählt worden war, sah ich, wie sich die Beziehung der Künstlerinnen und Künstler zum Staat immer mehr verschlechterte. Es gibt einen sehr naiven Blick des Westens auf die armen russischen Künstler, die unter dem totalitären Regime leiden – und bis zu einem gewissen Grad trifft das auch auf manche zu. Andere machen aber einen Deal mit den Machthabern, um weiter kreativ arbeiten zu können. Das kompromittiert die kreative Arbeit. Es ist unmöglich, in Russland frei Kunst zu produzieren. Nachdem Putin 2014 die Krim annektiert hatte, erschien es mir vollständig unmoralisch, sich vom Kulturministerium oder irgendeiner anderen Institution des Landes unterstützen zu lassen. Alle Tourneen, alle Gastspiele, alle Festivals, die für viele Theater über Jahre hinweg so attraktiv waren, kommen dem Regime zugute. Ich war immer offen, mit russischen Dramatikern zu arbeiten, solange es zu keinen finanziellen Abhängigkeiten kam.
Haben Sie Bekannte und Freunde in der Ukraine?
Meine Mutter wurde 1941 in Czernowitz geboren. Ein historischer Ort: Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte es noch für einen historischen Wimpernschlag zu Österreich-Ungarn, danach zu Rumänien, dann zur Ukraine, dann zu Polen und schließlich zur Sowjetunion. Ein großer Teil meiner Familie mütterlicherseits kommt aus Kiew, einige sind beim Massaker von Babyn Jar zu Tode gekommen. Vor einem Jahr ist das Massengrab dort bombardiert worden. Ein verstörendes Gefühl, dass diese Seelen dort nicht zur Ruhe kommen können. Ich war einmal als Kind in den 1980er-Jahren in Kiew. Ich habe meine Wurzeln in der Ukraine und spüre eine tiefe Verbindung zu diesem Land. Darüber habe ich lange nicht nachgedacht, erst jetzt, mit dem Krieg, kehrt es zurück. Wenn ich die ukrainische Sprache höre, bin ich wieder fünf Jahre alt, und meine Großmutter singt für mich. Es ist ein Teil meiner Identität, der in der Luft hängt und kein Ziel findet.
Sie waren 2008 die erste Frau, die an der Volksbühne auf der großen Bühne inszeniert hat. Wie sehen Sie die Situation für Regisseurinnen?
Ich würde sagen, dass es auf das Umfeld ankommt. Ich durchquere seit Jahrzehnten viele verschiedene Länder und Kulturen. Wenn ich in Schweden arbeite, dann habe ich das körperliche Gefühl, freiere Luft zu atmen. Für Frauen gibt es dort einfach mehr Raum. Ich höre lautes Frauengelächter, das ich anderswo nicht zu hören bekommen. In der Schweiz habe ich das gegenteilige Gefühl. Dort wurde meine Stimme leise, es gab weniger Raum. Das ist kein Wunder, Frauen werden dort erst seit 1971, mit der Einführung des Wahlrechts für sie, als vollwertige Menschen anerkannt. In Berlin fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser. Es ist schön, hier zu arbeiten, vor allem mit einem so qualifizierten Team.



