Sie hat ihre Untergangspropheten widerlegt, und das in Serie. Nachdem die damals 33-jährige Anne Will 1999 als erste Frau überhaupt die Moderation der heiligen ARD-„Sportschau“ übernommen hatte, lauerten nicht wenige, überwiegend männliche und von Heribert Faßbender sozialisierte Zuschauer auf ihr Scheitern. Davon unbeeindruckt setzte Anne Will ihre Karriere fort und erschien, im Gespräch gern die Augenbraue spöttisch nach oben ziehend, 2001 als Moderatorin der „Tagesthemen“ auf den Bildschirmen. Als sechs Jahre später die Diskussion um die Nachfolge für Sabine Christiansen für den politisch bedeutsamen Sonntags-Talk um 21.45 Uhr entbrannte und Günther Jauch zunächst nicht zur Verfügung stand, einigte man sich schließlich auf Anne Will. Und wieder waren es vorwiegend Männer, die damit ein Problem hatten.

Die Presse zeigte sich nach der ersten Sendung enttäuscht

Am 17. September 2007 ging die erste Sendung über die Bildschirme, live aus dem großen Studio in Berlin-Adlershof. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) regierte seit knapp zwei Jahren mit der Mehrheit einer Großen Koalition, doch aus ihrem Kabinett verlor sich niemand in die Runde. Dabei hätte Arbeits- und Sozialminister Franz Müntefering an diesem Thema doch sicher seine Freude gehabt: „Rendite statt Respekt: Wenn Arbeit ihren Wert verliert“, lautete der Titel der Sendung. Auf dem Podium: die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann, Telekom-Chef René Obermann sowie die SPD-Chef Kurt Beck und Jürgen Rüttgers (CDU, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen).

Für eine Premiere auf der ganz großen Bühne steuerte Will, die beim Sender Freies Berlin in „Mal ehrlich“ schon seit 1992 Talkshow-Erfahrungen gesammelt hatte, den Abend angenehm souverän ins Ziel – und musste doch auf die Lästereien der Kollegen nicht lange warten. „Die Sendung fühlt sich an wie schon immer da gewesen. Das ist der Erfolg, das ist die Niederlage dieser Premiere“, hieß es mit etwas kuriosem Pathos in der „Zeit“. Die „Welt“ blies ins selbe Horn und orakelte, auch Anne Will werde „den Sonntagabend kaum retten können“. Die „Süddeutsche Zeitung“ plauderte gar eine Wette des ARD-Programmdirektors Günter Struve mit seinem ARD-Amtskollegen Volker Herres aus: „Keine vier Millionen Menschen“ werde diese Sendung erreichen, soll Struve geweissagt haben.

Die erste Gesprächsrunde 2007: SPD-Chef Kurt Beck, Anne Will, NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und Telekom-Chef René Obermann (v. l. n. r.).
Die erste Gesprächsrunde 2007: SPD-Chef Kurt Beck, Anne Will, NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und Telekom-Chef René Obermann (v. l. n. r.). © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Miguel Villagran

Es wurden aber mehr als fünf Millionen. Und Anne Will blieb 16 Jahre – in denen sie zwischenzeitlich, weil Günther Jauch nun doch am Sonntag talken wollte, für ein paar Jahre auf den Mittwoch wechselte und schließlich, als Günther Jauch sich ausgetalkt hatte, zum Sonntag zurückkehrte. Man brauche eine gewisse Eitelkeit, um im Fernsehen aufzutreten, habe ihr der Kollege Frank Plasberg gesagt, erzählte Will einmal, um dann mit mildem Spott zu kommentieren: „Es gibt Moderatoren, die vor allem mit sich beschäftigt sind, und solche, die vor allem mit der Sache beschäftigt sind.“

Ihre Sendung war montags nicht nur ein verlässliches Gesprächsthema für die aus dem Wochenende zurückkehrenden Politikjournalisten: An den Einschaltquoten und an der Beliebtheit der Online-Fernsehkritiken ließ sich am Wochenanfang ablesen, dass auch darüber hinaus ein großes Interesse daran bestand. Nicht wenige dürften es deshalb mindestens als Bruch mit lange gepflegten Gewohnheiten empfinden, dass Anne Will die Sendung mit Ablauf des Jahres aufgibt.

Anne Will: „Andere Projekte, neue Perspektiven“

Nach dem 31. Dezember 2023 sei es „Zeit für Veränderung, andere Projekte, neue Perspektiven“, zitierte der NDR die 56-Jährige: „2024 ist Neustart angesagt!“ Zur Würdigung der ablaufenden Sendezeit von „Anne Will“ gehört die Tatsache, dass sie mit zuletzt durchschnittlich 3,6 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern und 15,1 Prozent Marktanteil die meistgesehene politische Diskussionssendung im deutschen Fernsehen moderierte. „Anne Will hat die politische Diskussion im Land über viele Jahre mit großem Erfolg geprägt: Sie informiert, überrascht, manchmal provoziert sie auch. Gäste und Publikum schätzen ihre Gradlinigkeit und Professionalität. Für diese konstante und starke Leistung bin ich Frau Will sehr dankbar“, ließ sich NDR-Intendant Joachim Knuth vernehmen. Voll des Lobes auch ARD-Programmdirektorin Christine Strobl: „Wenn Anne Will sich Ende des Jahres verabschiedet, hat sie über 16 Jahre den Polittalk im Ersten geprägt. Dies war und ist nur möglich, weil sie sich persönlich und mit ihrer Sendung immer weiterentwickelt hat.“

Auch wenn sie nicht jeden ihrer Gäste in den Griff bekam und auch den einen oder die andere – etwa Angela Merkel im März 2021 – etwas kritischer hätte vernehmen können, muss man doch die konzentrierte Atmosphäre loben, in der hier um politische Fragen gerungen wurde. Wo es beim inzwischen abgetretenen Frank Plasberg zwischen hektisch heruntergespulten Einspielern, Faktenchecks und vorgelesenen Internet-Kommentaren oft schnell in Richtung Schulhofrangelei ging, wurden bei Anne Will erfreulich oft die Regeln bürgerlicher Gesprächskultur eingehalten: Man nahm sich Zeit, ließ einander ausreden, hörte dabei oft sogar zu und holte erst dann zur Gegenrede aus. Mit ihrer freundlichen Distanziertheit trug Anne Will einiges dazu bei.

Und das ist nicht wenig in diesen Zeiten sich verknappender Aufmerksamkeitsressourcen und anschwellender Schreiereien: Es hat etwas angenehm Widerständiges. Wie auch immer die Nachfolge geregelt wird – wenn es denn überhaupt eine gibt, man sei „in Gesprächen“, heißt es bei der ARD: Es wäre doch schön, wenn daran angeknüpft würde.