Umringt von ihrem Mann und ihren beiden Söhnen, wirken die Umarmungen, die Mary immer wieder erdulden muss, nie beschützend, sondern wie ein persönliches Gefängnis. Eine Pervertierung des eigentlich befreienden Glücksmoments. Ein Sinnbild für die Familie Tyrone, die sich gegenseitig in Ketten legt und miteinander in Haft auf Lebenszeit schmort. Vater James sowie die Söhne Jamie und Edmund sind Alkoholiker allererster Güte mit ihren Whisky-bekleckerten Unterhemden. Mutter Mary ist Morphinistin. Nach ihrem x-ten Entzug wird sie von den selbst äußerst labilen Männern permanent beschworen, standhaft zu bleiben. Dabei ist sie längst verloren und flieht vor der tristen Familienhölle lieber in den Rausch.
Eugene O’Neills (1888-1953) auswegloses, schmerzensreiches Meisterwerk „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ treibt die Hoffnungslosigkeit auf die Spitze. In vier Akten pinselt er handlungsarm, aber dialogstark und mit psychologisch eindringlich gezeichneten Charakteren einen Tag im Leben der Tyrones sorgfältig aus. Mit unverhohlen autobiografischen Zügen. Der amerikanischer Dramatiker, Literaturnobelpreis- und dreimalige Pulitzerpreisträger hatte testamentarisch verfügt, dass das Drama erst 25 Jahre nach seinem Tod öffentlich zugänglich gemacht werden sollte. Seine Witwe setzte sich darüber hinweg. Nur drei Jahre nach O’Neills Tod folgte 1956 die Uraufführung.
Alle betreiben destruktive Innenschau
Torsten Fischer hat das düstere Drama nun im Schlosspark Theater atmosphärisch dicht und intensiv mit einem grandiosen Schauspieler-Quartett inszeniert. In knappen zwei Stunden leuchtet er die Familientragödie schonungslos bis in die letzten Winkel aus. Kein Wunder, dass Patriarch James Tyrone, den Peter Kremer als unbelehrbaren, narzisstischen Trinker gibt, immer wieder das Licht dimmen möchte. Neben dem kalten Licht wird die öde Bühne von einem riesigen Spiegel dominiert. Was man durchaus als Wink mit dem Zaunpfahl zur Selbstreflexion verstehen könnte. Doch nichts da. Das Schmerzensquartett bespiegelt sich maximal selbst mit einer selbstzerstörerischen Innenschau.
Mutter Mary (Judith Rosmair) trauert ihren Jugendträumen hinterher. Nonne oder Konzertpianistin wollte sie werden. Stattdessen verliebte sie sich in den berühmten Schauspieler James Tyrone. Zog mit ihm auf Tourneen von einem billigen Hotel zum nächsten. Gibt ihm im Nachhinein die Schuld an ihrer Sucht. Der billige Quacksalber, den der Geizhals nach der Geburt von Edmund (Fabian Stromberger) auftrieb, war überfordert und hat ihr gegen die Schmerzen Morphium verschrieben.

James wehrt sich gewalttätig, geht ihr an die Gurgel, um die Wahrheit zum Schweigen zu bringen. Doch es ist offensichtlich, dass sein Lebensstil und sein Unwille, ein Zuhause zu schaffen, aus der Familie ein Trümmerfeld gemacht haben. Alle sind abhängig. Und die Söhne sind Totalversager. Weiberheld Jamie (Igor Karbus) ist der schlechteste Schauspieler aller Zeiten. Edmund hat seine Gesundheit als Matrose zugrunde gerichtet und wird vom Vater verlacht für seine Gedichte und seine Bewunderung von Baudelaire.
Den eruptive Schuldzuweisungen, Verletzungen, Hasstiraden und brutalen Handgreiflichkeiten folgen stets winselnde Liebesversicherungen. Die Hoch und Tiefs von labilen Süchtigen im Minutentakt. Jeder redet am anderen vorbei. Die Wahrheit über Drogen, Alkohol und Schwindsucht bleibt unausgesprochen. Dazu erklingt immer wieder das Finale aus Keith Jarretts Album „The Köln Concert“. Das gefällige „Part II C“, das bürgerliche Intellektualität vorgaukelt. Und doch stochern alle Charaktere im Nebel, der hier fast greifbar unaufhörlich in die grellen Lichtkegel strömt.
Ein Tanz im Nachthemd aus Spitze
Nach der Pause erlebt Mary ein Drogen-High zum suggestiven „Sister Morphine“ von den Rolling Stones aus dem Jahr 1969, im herzzerreißenden Original gesungen von Mick Jaggers damaliger Freundin Marianne Faithfull. Sie erzählt die Leidensgeschichte einer Drogensucht. Die zart und zerbrechlich wirkende, großartige Judith Rosmair tanzt als gepeinigte Mary dazu vom Opiat aufgepeitscht im schwarzen Spitzennachthemd. Als ihr dabei die Jacke von den Schultern rutscht, wird ein leuchtend blaues Tourniquet entblößt, das sie sich zum Abbinden vor der erlösenden Morphiumspritze um den rechten Oberarm gebunden hat. Ein berauschendes Bild des Jammers.
Längst zum Großgrundbesitzer aufgestiegen, will der bis in die Knochen knauserige James jetzt noch Edmund über die Klinge springen lassen. Der leidet an Tuberkulose, von Mary stets als leichte Sommergrippe verharmlost. Jamie rastet im Suff aus, weil der Vater den Bruder in ein staatliches statt in ein gutes Sanatorium schicken will. Als wäre es nicht genug, dass James seine Söhne mit sich in den Abgrund gezogen, sie bereits im Kindesalter mit Hochprozentigem ruhig gestellt hat. Ein eitles Monster, das nur sich selbst beweint und alle anderen trotz gegenteiliger Beteuerungen ihrem Schicksal überlässt. Kaputte Familie, kaputte Typen. Und dennoch ein absolut sehenswerter, sensationeller Theaterabend.
Schlosspark Theater, Schloßstr. 48, Steglitz, Tel. 78 95 66 71 00, bis 19.2., Di.-Sbd. 20 Uhr, So. 16 Uhr


