Man ahnt, dass Shaunette Hildabrands feine swingende Phrasierungen mindestens so elegant sind wie ihre Erscheinung. Doch ihre Stimme geht beim fröhlichen Weihnachtssong „Santa Claus is coming to Town“ fast unter. Ein technisches Missgeschick, dass ihr Kollege Chris Hopkins umgehend beheben lässt. Seinen Worten „Könnten wir bitte etwas mehr Gesang auf dem Monitor haben!“ folgt spontaner, erleichterter Applaus. Und schon lauscht das Publikum der 59-Jährigen noch inniger bei der Ballade „Christmas Time is here“. Inklusive leiser Kommentare, dass es nun eigentlich erst richtig losgeht.
Wie die Musik ist auch die Stimmung bei „Chris Hopkins Swinging Christmas“ im Schlosspark Theater locker und beschwingt. Stilsicher verwandeln die fünf Musiker und die Sängerin nicht nur bekannte Weihnachtsmelodien, sondern auch viele anderen Kompositionen fernab von Weihnachten in klassischen, beseelten Swing. Wie die offizielle Hymne „Maryland, my Maryland“. Früher mal ein Kampflied der Konföderierten im Amerikanischen Bürgerkrieg. Verjazzt und ohne Text kommt das Stück allerdings sehr friedlich daher und passt bestens in die beschauliche Adventszeit.
Brillante Virtuosen an ihren Instrumenten
Durch das Konzert führt Chris Hopkins. Geboren 1972 in Princeton, New Jersey, lebt der international renommierte Jazz-Pianist, Alt-Saxophonist, Komponist, Arrangeur und Bandleader seit langem in Bochum. Er ist sichtlich erstaunt, dass die Zuschauerreihen so gut gefüllt sind an diesem 4. Advent. Nicht, weil man mit einen verkaufsoffenen Sonntag konkurriert, sondern mit dem WM-Finale. Eine kurze Abstimmung zeigt aber, dass sich im Publikum kaum jemand für das Spiel erwärmen konnte. Lieber swingend Richtung Weihnachten als WM-Blues in Katar.
Dass der jazzige Abend die richtige Wahl war, beweist allein schon Saxophonist Engelbert Wrobel mit seiner Version von „Süßer die Glocken nie klingen“. Aber auch die Soli von Chris Hopkins am Flügel, Rolf Marx an der Gitarre, Henning Gailing am Bass und Oliver Mewes am Schlagzeug sind so voller lässiger Leichtigkeit, dass man glatt danach süchtig werden könnte. Allesamt brillante Virtuosen.
Ein wohliger, leicht nostalgischer Trip
Raffiniert arrangiert und instrumentiert, geben die Musiker jedem Song einen neuen Twist. Veredelt mit dem Gesang von Shaunette Hildabrand, klingt der „Little Drummer Boy“ noch eine Spur wehmütiger und der „Christmas Waltz“ bekommt eine bitterzarte Note. Claude Thornhills „Snowfall“ in der laut Chris Hopkins „furchteinflößenden Tonart Ges-Dur“ wischt hingegen fröhlich alles schwermütig Besinnliche fort.
Der Mix aus populären und weniger bekannten Melodien erinnert nicht von ungefähr an weihnachtlich swingende Jazzgrößen wie Ella Fitzgerald, Frank Sinatra, Bing Crosby und Dean Martin. Ein wohliger, leicht nostalgischer Trip, den das Publikum genießt. Die Zuschauer kennen sich übrigens hervorragend aus im Swing-Universum. Als Chris Hopkins ein Spiritual anmoderiert, verrät er den Titel nicht, weil er überzeugt ist, dass Beifall aufbrandet, sobald das Auditorium die Melodie erkennt. Selbst wenn sie jazzig verfremdet ist. Er liegt vollkommen richtig. Noch im ersten Takt wird heftig und ein bisschen mokant applaudiert. Denn wirklich jeder hier kennt „Go tell it on the Mountains“. Vielleicht bringen die Musiker ja im nächsten Jahr ein schwereres Rätsel mit.


