Kultur

Triumph für amerikanischen Jazzpionier

| Lesedauer: 2 Minuten
Matthias Nöther

Philharmonische Hommage an Kornettist Bix Beiderbecke

Die Reihe „Jazz at Berlin Philharmonic“, deren erstes Saisonkonzert im Kammermusiksaal stattfindet, ist sowohl für die Klassik- wie für die Jazzszene ungewöhnlich: Für erstere, weil hier einmal nicht die vermeintlich „ernste Musik“ bedient wird. Für letztere, weil die Philharmoniker als Hausherren und historisch denkende Klassiker etwas zeigen wollen, was bei Jazzfestivals leicht unter den Tisch fällt: Der Jazz hat Vorbilder und deren Geschichte reicht weit hinter Bebop und Cool Jazz zurück. Die Hommage an den US-Kornettisten Bix Beiderbecke, dessen Name zwar durch die Jazzanthologien geistert, unter dessen Spiel und Stil jedoch die wenigsten sich bisher etwas vorstellen konnten, rückt die 1920er-Jahre des Jazz in den Fokus.

Die beteiligten Musiker um den Pianisten Bernd Lhotzky, der durch den Abend im voll besetzten Saal führt, vollbringen mit ihren Arrangements ein kleines Wunder: Die Musik, die zwar gar nicht so superhistorisch ist, die man heute aber kaum ohne den nudeligen Klang einer Monoschallplatte in den Sinn bekommt, diese Musik erklingt hier live und in Farbe. Mit einer durchaus schönen Einschränkung: Von dem aus Mecklenburg stammenden Beiderbecke, der 1931 mit nur 28 Jahren in New York an Alkoholismus und Drogenmissbrauch starb, gibt es eine sehr überschaubare Menge an Eigenkompositionen. Im Kammermusiksaal eine 20er-Jahre-Nostalgie-Veranstaltung zu initiieren, ist für die Musiker also schlechthin nicht
möglich, alle Musiker müssen ihr
eigenes künstlerisches Anliegen beisteuern.

Nachdem der Solo-Trompeter der Philharmoniker Gabór Tarkövi die Eingangstakte von „Ol’ Man River“ wunderbar weich und entgegen klassischer Art auch ein bisschen schlunzend vom oberen Rang in den Saal geworfen hat, geht es los mit einem sehr geradlinigen Arrangement dieser berühmten Nummer, welches vom auch sonst als Arrangeur sehr fleißigen Altsaxophonisten Chris Hopkins beigesteuert wurde. Mit einem in der Ansprache harten, im Ton fle­xiblen und im Spiel virtuosen Solo macht dann in „At the Jazz Band Ball“ von 1917 die fabelhafte Posaunistin Shannon Barnett auf sich aufmerksam. Ein unkonventionelles Highlight des Abends ist ihr nachdenkliches Duett „Nix like Blix“ aus eigener Feder mit dem Kontrabassisten Henning Gailing. Es beweist in der Tonsprache die universalistische Kraft der zu Beiderbeckes Zeiten entworfenen Grundzüge des Jazz über alle Epochen und Musikstile hinweg. Der sein C-Saxophon mit fast femininer Zartheit bedienende Mulo Francel, der wunderbar ironische Schlagzeug-Altmeister Pete York sowie Bix Beiderbeckes Alter Ego, der geradlinig-klare Kornettist Colin T. Dawson tragen dazu bei, dass der Abend ein Triumph des historischen wie des gegenwärtigen Jazz gleichermaßen wird.

( Matthias Nöther )